Psalm 69


Der 69. Psalm (nach griechischer Zählung der 68.) ist ein Psalm Davids in der Bibel und gehÜrt in die Reihe der Klagelieder eines Einzelnen.
Datierung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bereits Theodor von Mopsuestia, ein christlicher Bibelkommentator des 5. Jahrhunderts, ordnete Psalm 69 dem makkabäischen Zeitraum zu. So schrieb er in seinem Psalmenkommentar:[1]
âDieses Lied wurde zur Zeit der Makkabäer in prophetischem Geist verfaĂt, und das Gebet paĂt zu den Personen und Vorgängen eben dieser Zeit. (âŚ) Das Unrecht gegen dein Haus, heiĂt es, konnte ich nicht mehr ertragen, in dem das Bild des Jupiter stand und die Juden Opfer darbrachten. Diese Aussage paĂt in besonderer Weise zu Mattatias.â
Ferdinand Hitzig vermutete 1853: Dieser historische Hintergrund ist die Entheiligung des Tempels verbunden mit der ZerstĂśrung Jerusalems und dem Anrichten eines Blutbades. AuĂerdem weise der Psalm Verwandtschaft mit anderen Psalmen aus dieser Zeit auf.[2]
Heute stehen sich in der Exegese zwei Modelle gegenĂźber:
- Der Beter gehĂśrte zu der Gruppe, die sich gegen Widerstände in der BevĂślkerung nach dem Exil fĂźr den Wiederaufbau des Tempels einsetzte. So vermutete Hans-Joachim Kraus: âVielleicht ist er einer von den âstarr Konservativenâ, die noch immer âum das Haus Jahwes willenâ sich kasteien (Sach 7,3) ⌠Man spottet Ăźber den einsamen Eiferer und ver. hĂśhnt im rausch den Frommen.â[3]
- Nach Erich Zenger und anderen ist der Psalm jĂźnger und spiegelt Konflikte zwischen âhierokratisch-heilspräsentischenâ und âprophetisch-eschatologischenâ Gruppen.[4]
Struktur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Psalm wurde von Hermann Gunkel folgendermaĂen strukturiert:[5]
- Vers 1â13: Durch Klage geprägt (Teil 1)
- Vers 2a: Einleitender Hilferuf
- Vers 2bâ5: Klage
- Vers 6: SĂźndenbekenntnis
- Vers 7: Bitte
- Vers 8â13: Erneute Klage
- Vers 14â19: Durch Bitte und Wunsch geprägt (Teil 2)
- Vers 20â29: Die Feinde (Teil 3)
- Vers 20â22: Schmach und Unbarmherzigkeit, die sie ihm antun
- Vers 23â29: FlĂźche Ăźber die Feinde
- Vers 30â37: RĂźckkehr zu sich selbst (Teil 4)
- Vers 30: Wunsch nach JHWHs Schutz
- Vers 31â32: GelĂśbnis, Danklied bei ErhĂśrung anzustimmen
- Vers 33â37: Anstimmen des Dankliedes im Voraus
Thematische Schwerpunkte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Feinde bilden einen wichtigen thematischen Schwerpunkt (V. 5, 13, 15, 19â29). Typische Feindesbegriffe insgesamt sind
- ×Öš×Öľ× (Feind)
- ׌֚ר־ר (Bedränger)
- ׊֚×× Öľ× (Hasser)
- ר֚×־ף (Verfolger)
- רְ׊ָ×עִ×× (Frevler)
- âŚ
In Ps 69 geht es anfangs zunächst um das Motivfeld des Versinkens. Dann kommen rasch die Feinde ins Spiel. Wassermassen/Schlamm und Feinde sind einander ergänzende Bilder fĂźr die Not, in der sich das betende Ich befindet (Vgl. V. 2â5). In den weiteren Abschnitten geht es stärker um die VerknĂźpfung von Scham/Entehrung und Feinden. Scham/Schande/Spott ist ein klassisches Thema von Klageliedern, besonders des Einzelnen, aber auch des Volks. Die eigene Erniedrigung schlägt in den Wunsch um, dass auch die Feinde beschämt werden (vgl. V. 20ff). Scham entwickelt sich vor allem gegenĂźber âbedeutenden anderenâ (significant others), also gegenĂźber anderen, die einem selbst viel bedeuten (vgl. V. 9+13).[6] In V. 10 fallen die Beschämungen Gottes und die des betenden Ich zusammen â Gott und Ich bilden eine Art Schicksalsgemeinschaft.[7] VerhĂśhnung ist eine derart tiefgehende Beschämung, dass sie als quasi tĂśdliche Krankheit bezeichnet wird (V. 20f, vgl. auch Ps 42,11), was das Phänomen eines sozialen Todes einfängt. Ăhnliche Bewertungen finden sich in der rabbinischen Literatur:[8]
âJeder, der das Gesicht eines Gefährten vor den Vielen erbleichen lässt, ist, als ob er Blut vergieĂt [âŚ] ich habe es nämlich gesehen, wie die RĂśte geht und die Blässe kommtâ
Die Verspottung von Menschen trifft letztlich Gott selbst und wird dadurch umso schwerwiegender.
âWer Ăśffentlich einen Mitmenschen beschimpft, begibt sich des ewigen Lebens: eine Ăśffentliche Beleidigung ist die Entheiligung der Ebenbildlichkeit Gottes, nach der ein jeglicher Mensch geschaffen ist [âŚ] Darum ist die Kränkung eines einzelnen Menschen eine HerabwĂźrdigung der ganzen Menschheit.â
âWer den Armen verspottet, verhĂśhnt dessen SchĂśpfer; und wer sich Ăźber eines andern UnglĂźck freut, wird nicht ungestraft bleiben.â
Die âEhreâ (×Ö¸××Öš×) als Gegenbegriff zur Scham wird aber im alttestamentlichen nicht kompetitiv erkämpft, sondern ist dem Menschen als Menschen voraussetzungslos in seinem GeschĂśpf-Sein gegeben (vgl. Ps 8,6) und wäre wohl in diesen Zusammenhängen besser mit âWĂźrdeâ wiederzugeben.[10]
Musikalische Rezeption
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Band Ministry nutzte diesen Psalm als Grundlage fĂźr den gleichnamigen Song auf ihrem Album Psalm 69: The Way to Succeed and the Way to Suck Eggs von 1992.[11]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Adele Berlin: Psalms and the literature of exile. Psalm 137, 44, 69, and 78. In: Peter W. Flint (Hrsg.): The Book of Psalms: Composition and Reception (= Vetus Testamentum, Supplements. Band 99). Brill, Leiden u. a. 2005, S. 65â86.
- Alexandra Grund: ÂťSchmähungen der dich Schmähenden sind auf mich gefallenÂŤ. Kulturanthropologische und sozialpsychologische Aspekte von Ehre und Scham in Ps 69. In: Evangelische Theologie 72/3 (2012), S. 174â193. (abgerufen Ăźber De Gruyter Online)
- Alphonso Groenewald: Post-exilic conflict as âpossibleâ historical background to Psalm 69:10ab. In: HTS Teologiese Studies / Theological Studies 61 (2005) S. 131â141; hts.org.za (PDF).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Psalm 69 in der Biblia Hebraica Stuttgartensia (BHS) auf Psalm 69 bibelwissenschaft.de
- Gemeinfreie Noten von Vertonungen zu Psalm 69 in der Choral Public Domain Library â ChoralWiki (englisch)
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Ăbersetzung siehe: Christina Metzdorf: Die Tempelaktion Jesu: patristische und historisch-kritische Exegese im Vergleich. Mohr Siebeck, TĂźbingen 2003, S. 91.
- â Ferdinand Hitzig: Die Psalmen historisch-kritisch untersucht. 1853, S. 132 f.
- â Hans-Joachim Kraus: Psalmen. Band 2: Psalmen 60â150 (= Biblischer Kommentar Altes Testament). 5. Auflage. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1978, S. 644.
- â Hier referiert nach: Alexandra Grund: ÂťSchmähungen der dich Schmähenden sind auf mich gefallenÂŤ. Kulturanthropologische und sozialpsychologische Aspekte von Ehre und Scham in Ps 69. 2012, S. 183.
- â Hermann Gunkel: Die Psalmen. 6. Auflage. 1986, S. 295.
- â Alexandra Grund: ÂťSchmähungen der dich Schmähenden sind auf mich gefallenÂŤ. Kulturanthropologische und sozialpsychologische Aspekte von Ehre und Scham in Ps 69. 2012, S. 183.
- â Alexandra Grund: ÂťSchmähungen der dich Schmähenden sind auf mich gefallenÂŤ. Kulturanthropologische und sozialpsychologische Aspekte von Ehre und Scham in Ps 69. 2012, S. 187.
- â Hier referiert nach: Alexandra Grund: ÂťSchmähungen der dich Schmähenden sind auf mich gefallenÂŤ. Kulturanthropologische und sozialpsychologische Aspekte von Ehre und Scham in Ps 69. 2012, S. 189.
- â Hier referiert nach: Alexandra Grund: ÂťSchmähungen der dich Schmähenden sind auf mich gefallenÂŤ. Kulturanthropologische und sozialpsychologische Aspekte von Ehre und Scham in Ps 69. 2012, S. 190, Anm. 85.
- â Alexandra Grund: ÂťSchmähungen der dich Schmähenden sind auf mich gefallenÂŤ. Kulturanthropologische und sozialpsychologische Aspekte von Ehre und Scham in Ps 69. 2012, S. 192.
- â Ministry â ÎÎÎŚÎÎÎÎÎ. In: discogs.com. Abgerufen am 14. Februar 2022.