Psalm 22


Der Psalm 22 EU (nach griechischer Zählung der 21.) ist ein Psalm aus dem biblischen Buch der Psalmen. Aufgrund der Ăberschrift in Ps 22,1 wird der Text zu den Davidpsalmen gezählt. Er besteht aus zwei Teilen und beginnt mit einem Klagegebet zu Gott (1â22), woran sich ein Danklied anschlieĂt (23/24â32).
Der Psalm ist nicht nur im Judentum von Bedeutung, sondern hat vor allem auch im Christentum groĂes Gewicht, weil sein Anfangsvers âMein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassenâ (hebräisch ×Öľ×Ö´ÖŁ× ×ÖľÖ×Ö´× ×Ö¸×Ö¸ÖŁ× ×˘Ö˛×Öˇ×ְתָ֟Ö× Ö´× âeli, âeli, lama âasawtani, Aramäisch ×Öľ×Ö´× ×Öľ×Ö´× ×Ö°×Ö¸× ×ŠÖ°××Öˇ×§Ö°×ŞÖ¸Öź× Ö´× âeli, âeli, lema schewaktani oder ÜÜšÜÜ ÜÜšÜÜ Ü ÜĄÜľÜ˘ÜľÜ ÜŤÜÜ˛ÜŠÜŹÜľÜ˘Ü âil, âil, lmana schwaktan) in der Passion Jesu (Mt 27,46 EU, Mk 15,34 EU) zitiert wird.
Ăberschrift
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Ăberschrift in Vers 1 liefert vier Informationen zum Psalm: Es handelt sich zunächst um ein ×Ö´×Ö°××֚ר (hebr. âmizmorâ), ein Lied mit Instrumentalbegleitung, das zur Reihe der âDavidpsalmenâ gehĂśrt. Traditionell werden diese dem KĂśnig David als Autor zugeschrieben. In der exegetischen Wissenschaft wird diese Zuschreibung seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr vertreten. Die hebräische Partikel âleâ kann die Bedeutung âvonâ, âĂźberâ, âfĂźrâ oder âin der Art vonâ haben, so dass unklar bleibt, ob die Davidpsalmen von David stammen oder ihn, bzw. das davidische KĂśnigtum lediglich zum Thema haben, oder auch nur auf seine Art der Psalmendichtung Bezug nehmen.[1]
Die Ăberschrift nennt weiter das Merkmal âfĂźr den Chorleiterâ. Es handelt sich hier anscheinend um einen Hinweis auf die gottesdienstliche Verwendung des Psalms in der (Tempel-)Liturgie. Die genaue Bedeutung ist jedoch unklar.[2]
Das Lied soll â der traditionellen Auslegung zufolge â mit der Melodie âHinde der MorgenrĂśteâ gesungen werden, anscheinend eine bekannte Weise, die hier als Vorlage dient. In der neueren Literatur wird jedoch auch die These vertreten, dass âHinde der MorgenrĂśteâ die kultische Rolle des Priesters bezeichnet, der als menatseach, als Vorsteher des Rituals handelt.[2]
Historisch-kritische Analyse
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In der exegetischen Wissenschaft wird der Psalm weitgehend als nicht aus einem Guss angesehen. Es wird mindestens mit einem Grundpsalm in V. 1â22/23 und einer Erweiterung durch V. 23/24â32 gerechnet.[3] Weitergehende Analysen erkennen auch V. 4â6 als Teil der Erweiterung und nehmen eine dritte redaktionelle Entwicklungsschicht in V. 28â32 an.[4] Die Abgrenzung zwischen den beiden Hauptteilen ist ebenfalls umstritten. So wird V. 23 bisweilen noch zum Grundpsalm gezählt.
Die Entstehung des Grundpsalms (V. 2â22/23) wird in vorexilischer Zeit vermutet. Der zweite Teil ist wegen der bedeutungsvollen Rettung Israels wohl erst in nachexilischer Zeit angefĂźgt worden. Die letzte Bearbeitung (V. 28â32) gehĂśrt wegen der universalistischen Perspektive in die hellenistische Epoche vermutlich des ausgehenden 4. Jahrhunderts.[4]
Deutung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Mit der vorwurfsvollen, klagenden Frage nach dem âWarumâ des Leids (V. 2) ist der 22. Psalm das Dokument tiefster Gottverlassenheit angesichts von Leid und vielfacher Verfolgung durch Feinde.[5] Wegen der Unbestimmtheit der Not trifft der erste Teil des Psalms viele typische Situationen der Verfolgung und ist so zu einem zeitlosen Zeugnis geworden. Die Klage Ăźber die Abwesenheit Gottes wird mehrfach durch Lobpreis (V. 4), Vertrauensbekundungen (V. 5â6, 10â11) und Bitten (V. 20â22) unterbrochen.[5]
Der zweite Teil des Psalms stellt den Dank des Beters angesichts seiner Rettung (V. 22) in den Zusammenhang des Volkes Israel (V. 26â27) und erweitert im Lobpreis JHWHs die Perspektive auf die VĂślker der Welt, die sich vom Handeln Gottes beeindruckt zeigen sollen.[5]
Im Neuen Testament zitiert Jesus den Psalm kurz vor seinem Tod am Kreuz und machte sich damit die Haltung des Psalmenbeters, und, nach jĂźdischer Tradition, auch den gesamten Inhalt des Psalmes zu eigen.[6] Auch in der grĂśĂten Todesnot und Verlassenheit bleibt Gott der vertraute Ansprechpartner.
Christologisch wurde diese Stelle als anstĂśĂig empfunden, insofern Jesus Christus, der im Christentum eine Gottesperson der Trinität ist, sagen kann, dass Gott ihn verlassen habe. Wie im Psalm ist jedoch die Gottverlassenheit nicht das Ende. Vielmehr folgt hier wie dort die plĂśtzliche und unvermittelte Rettung des Beters durch Gott, im Neuen Testament die Auferstehung Jesu. Die Ăźbliche Zweiteilung des Psalms in einen Klageteil (Ps 22,2â22 EU) und einen Lob- oder Dankteil (Ps 22,23â32 EU) wird daher im Christentum (u. a. von Martin Luther) einerseits im Hinblick auf die Kreuzigung und andererseits auf die Auferstehung gedeutet.[6]
Literatur
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- Frank-Lothar Hossfeld, Erich Zenger: Die Psalmen I. Psalm 1â50 (= NEB.AT. Band 29). WĂźrzburg 1993, ISBN 3-429-01503-0.
- Hans-Joachim Kraus: Psalmen 1â59 (= BKAT. Band XV). 5. Auflage. Neukirchen-Vluyn, 1978, ISBN 3-7887-0554-X.
- Dieter Sänger (Hrsg.): Psalm 22 und die Passionsgeschichte der Evangelien (= BThSt. Band 88). Neukirchener, Neukirchen-Vluyn 2007, ISBN 978-3-7887-2206-7.
- Bettina Wellmann: Von David, KÜnig Ester und Christus. Psalm 22 im Midrasch Tehillim und bei Augustinus (= Herders biblische Studien. Band 47). Herder, Freiburg 2007, ISBN 978-3-451-28858-6.
- Jens Wolff: Metapher und Kreuz. Studien zu Luthers Christusbild (= Hermeneutische Untersuchungen zur Theologie (HuTh). Band 47). 1. Auflage. Mohr Siebeck, TĂźbingen 2005, ISBN 978-3-16-148605-0, doi:10.1628/978-3-16-166280-5 (677 S., eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche â Inhaltsverzeichnis PDF; 294 kB).
- DĂśrte Bester: KĂśrperbilder in den Psalmen: Studien zu Psalm 22 und verwandten Texten (= Forschungen zum Alten Testament / 2. Reihe. Nr. 24). Mohr Siebeck, TĂźbingen 2007, ISBN 978-3-16-149361-4, doi:10.1628/978-3-16-157840-3 (XII; 304 S., eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche â sowie beim Verlag: Inhaltsverzeichnis und Leseprobe, 37 S., PDF; 4,0 MB).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Psalm 22 in der EinheitsĂźbersetzung, der Lutherbibel und weiteren Ăbersetzungen aus bibleserver.com
- Psalm 22 in der Biblia Hebraica Stuttgartensia (BHS) auf bibelwissenschaft.de
- Gemeinfreie Noten von Vertonungen zu Psalm 22 in der Choral Public Domain Library â ChoralWiki (englisch)
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Hans-Joachim Kraus: Psalmen 1â59; S. 16â17
- 1 2 John F. A. Sawyer: The Terminology of the Psalm Headings. In: Ders.: Sacred Texts and Sacred Meanings. Studies in Biblical Language and Literature. Sheffield, 2011.
- â Hans-Joachim Kraus: Psalmen 1â59; S. 232
- 1 2 Frank-Lothar Hossfeld, Erich Zenger: Die Psalmen I. Psalm 1â50; S. 145
- 1 2 3 DĂśrte Bester: KĂśrperbilder in den Psalmen: Studien zu Psalm 22 und verwandten Texten. (= Band 24 von Forschungen zum Alten Testament), Mohr Siebeck, 2007, ISBN 978-3-16-149361-4.
- 1 2 Eberhard Bons: Psalm 22 und die Passionsgeschichten der Evangelien. Neukirchener Verlag, 2007, ISBN 978-3-7887-2206-7.