Motorradreise


Eine Motorradreise ist eine zeitlich begrenzte, motorisierte Fortbewegung über eine größere Strecke[1] mit einem Motorrad in der Absicht, ein angestrebtes einzelnes oder mehrere Ziele bis zur Beendigung der Fahrt zu erreichen.
Die Straßentouristik beschreibt die Ortsveränderung von Menschen per Landverkehr und alle damit zusammenhängenden Phänomene,[2] Motorradreisen werden dem Reiseverkehr zugeordnet. Motorradfahren kann nach Kategorien der Freizeitsoziologie zu den Freiluft-Wagnis-Freizeittätigkeiten mit teilweise sportlichem Charakter gezählt werden.[3]
Kategorisierung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]90 Prozent der durchgeführten Motorradfahrten finden im Umkreis von 100 km um den Wohnort statt.[4]
Motivation
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Motivation ist oft vielschichtig und kann in die drei Fahrergruppen „sportliches Fahrerleben“ (Fahrdynamik, Kompetenz, Wettkampf, Thrill), „Genießerisches Fahrerleben“ (Hedonismus, Eskapismus, Flow, Identifikation) und „Sicheres Fahren“ (Kontrolle, Sicherheitsverhalten) unterteilt werden.[3] Im Unterschied zu den Reisen in einem Personenkraftwagen ist bei Motorradreisen für den überwiegenden Teil der Fahrer die Fahrt in den Urlaub wichtiger als der Aufenthalt.[5] Nach Peter Fahrenholz besteht „der einzige Grund, mit dem Motorrad irgendwohin zu fahren meist darin, irgendwohin zu fahren. Es geht um Genuss, Spaß, Entspannung, Flucht aus dem Alltag, das Gefühl von Freiheit.“[6]
Reisetechnik und -planung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Neben der Motorradinstandhaltung[7] und Navigation ist eine Planung der Streckenführung, der Betriebsmittelversorgung und Übernachtungsmöglichkeiten sowie ggfs. Ausweichrouten und -Quartiere entlang der Reisestrecke erforderlich. Bei der Planung sind neben der Verkehrsinfrastruktur auch die verkehrsrechtlichen (Straßenverkehrszulassung, internationaler Führerschein), versicherungsrechtlichen (Versicherungskarte) und hoheitlichen (Visum, Carnet de Passage, Einreisebestimmungen) Voraussetzungen zu beachten.
Reisen in abgelegenen Regionen und auf unbefestigten Pisten können beeinflusst werden durch:
- das Klima (Schnee, Eis, Nebel, Sturm, Wasserstände bei Furten) bzw. das Wetter,
- die Oberflächenbeschaffenheit (Tragfähigkeit, Traktion, Terrain, Gradienten),
- die Gefahrenlage (Raub, Bewaffneter Konflikt, Eskorte),
- die Ersatzteil- und
- die Kranken- und Arzneimittelversorgung.
Die durchschnittlichen Tagesentfernungen sind stark vom Routenprofil, der Kurvigkeit und der Qualität des Oberbaus abhängig und liegen zwischen 220 und 500 km am Tag.[5] Das Bayerische Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz empfiehlt, auf kurvenreichen Land- oder Gebirgsstraßen nicht mehr als 300 km und auf Autobahnen nicht mehr als 700 km an einem Tag zu fahren.[8]
Beladung
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Das zulässige Gesamtgewicht eines Motorrads ist abhängig von der Dimensionierung und dem Material des Rahmens, der Leistungsfähigkeit des Bremssystems und der Tragfähigkeit der Reifen.[9] Das Beladen eines Motorrads (mit Gepäck) verschiebt den Fahrzeugschwerpunkt und kann die Rangierbarkeit, Bremsleistung und Fahrstabilität negativ beeinflussen, was zum Pendeln und Lenkerflattern führen kann.[8][10] Unter Beladung sinkt sowohl die Schräglagenfreiheit als auch die Agilität, und der Bremsweg verlängert sich.[11] Gabel- bzw. Federbeineinstellung und der Reifenluftdruck sind dem erhöhten Gesamtgewicht anzupassen.[12] Die Beladung sollte auf keinen Fall nachschwingen oder im Fahrtwind flattern.
Insbesondere im Zweipersonenbetrieb erreicht das zulässige Gesamtgewicht des Fahrzeugs häufig einen kritischen Wert. Eine vollgetankte BMW R 1200 GS Adventure K255, die vom Hersteller explizit als Langstreckenmotorrad beworben wird, hat mit serienmäßigem Koffersystem eine zulässige Ladekapazität von 184 kg.[13] Gemäß dem Mikrozensus 2013 des Statistischen Bundesamts wiegt ein männlicher Deutscher im Alter von 40 bis 45 Jahren 86,4 kg, eine Frau gleichen Alters 68,1 kg.[14] Eine vollständige Schutzausrüstung (Helm, Kombi, Stiefel, Handschuhe, Protektoren) hat pro Person ein Gewicht von ungefähr 9 kg,[9] womit sich ein Gesamtgewicht von 172,5 kg für ein bekleidetes Motorradpaar mittleren Alters ergibt. Von den rechnerisch verbleibenden 11,5 kg Zuladung sind noch das Gewicht von Anbauteilen und Zubehör (Navigationsgerät, (Griff-/Sitz-)heizung, größeres Windschild, Diebstahlwarnanlage, Wechselsprechanlage, Tankrucksack, Motorschutz, zusätzliches Werkzeug) abzuziehen, wodurch nur wenig Restzuladung für Wechselkleidung, Waschzeug, Zelt, Schlafsack und Nahrung verbleibt.[9] Bei einem überladenen Fahrzeug können die Reifen, deren Lastindex auf das homologierte Gesamtgewicht ausgelegt ist, die Bremsen und die Federelemente das Fahrverhalten negativ beeinflussen und insbesondere bei Passabfahrten zum Lenkerschlagen und zu überhitzten Bremsen führen.[15]
Es besteht besonders bei schweren Motorrädern die Möglichkeit, zur Gepäckbeförderung einen Motorradanhänger hinter dem Kraftrad zu ziehen.
Bekleidung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Laut der Fahrerlaubnis-Verordnung besteht eine „geeignete Motorradschutzkleidung“ aus „einem passenden Motorradhelm, Motorradhandschuhen, einer eng anliegenden Motorradjacke, einem Rückenprotektor (falls nicht in Motorradjacke integriert), einer Motorradhose und Motorradstiefeln mit ausreichendem Knöchelschutz“.[16]
Die Bekleidung soll neben der Schutzwirkung gegen traumatische Verletzungen auch Hypothermie und Hitzeerschöpfung durch Flüssigkeits- und Elektrolytverlust vermeiden. Die Schutzausrüstung sollte vollständig, abriebfest,[17] wasserabweisend, atmungsaktiv, funktionsfähig und zugelassen (Helm) sein.
Verkehrsmittel
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Eine Motorradreise im Sinne der Verkehrswirtschaftslehre ist die Fortbewegung einer oder mehrerer Personen über eine längere Zeit mit einem Motorrad. Im fremdenverkehrswirtschaftlichen Sinne umfasst eine Reise sowohl die Ortsveränderung selbst als auch den Aufenthalt am Zielort. Die verwendeten Verkehrsmittel bilden hierbei eine sogenannte Reisekette,[18] die Reise kann durchgehend oder von einem Transportmittelwechsel (Autoreisezug, Fähre, See-/Lufttransport) unterbrochen sein.
In Deutschland waren zu Beginn 2015 insgesamt 4,15 Millionen Krafträder zugelassen.[19] Die durchschnittliche Fahrleistung von Motorradfahrern beträgt 5.480 km pro Jahr, die Jahresfahrleistung von Fahrern, die das Motorrad als Reisemittel nutzen, liegt deutlich über 7000 km.[5] Von 2012 bis 2014 haben in Deutschland rund 280.000 Personen pro Jahr eine Urlaubsreise mit einem Motorrad unternommen.[20]
Die Fahrzeughersteller haben auf die zunehmende Nachfrage nach Reisemotorrädern reagiert und Tourer und Reiseenduros entwickelt, die bei entspannter Sitzhaltung durch Wind- und Wetterschutz auch Reisen über große Entfernungen und ein einfaches Verstauen von Gepäck ermöglichen. Laut der Fachzeitschrift Motorrad gehören zu den Anforderungen für ein Reisemotorrad „ein langlebiger, zuverlässiger Motor, reichlich Zuladung (um die 200 Kilogramm), um zwei Personen samt Gepäck unterbringen zu können, ausreichende Reichweite, damit nicht alle 150 Kilometer ein Tankstopp fällig wird, und eine für Fahrer und Mitfahrer auch auf Dauer komfortable Unterbringung.“[21] 2012 waren 41,9 % aller Motorradverkäufe in den Vereinigten Staaten aus der Kategorie „Touring“.[22]
Touristik
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Wissenschaftlich werden Reisen unter anderem nach deren Grund, Zweck und Dauer kategorisiert, untersucht werden auch die Motivationen für das (Ver-)Reisen. Die Attribute von Motorradreisenden sind Ortsfremde, temporäre Bewohner und Konsument,[23] die Leistungen der touristischen Infrastruktur (Beherbergung, Verpflegung, Unterhaltung) nutzen und fremde Wirtschafts- und Kulturgüter verbrauchen, ohne dagegen Produktivleistungen zu erbringen. Da Motorradreisende auf eine bestehende Infrastruktur angewiesen sind, hat sich die Tourismuswirtschaft[24] auf die Anforderungen nach entsprechenden Serviceleistungen eingestellt und bieten Organisation, Leihfahrzeuge, spezielle Unterkünfte, Treffpunkte, Routenführung, Transport und Transfer an. Die Soziodemographie skizziert den typischen Motorradfahrer als männlichen Akademiker mit einem Altersdurchschnitt von 41,6 Jahren und einem guten bis sehr guten Einkommen.[5] Aufgrund des daraus resultierenden höheren verfügbaren Einkommens und des deutlichen Anstiegs des Motorradtourismus spezialisieren sich Hotels, Pensionen, Gasthöfe und Campingplätze zunehmend auf die Bereitstellung von Unterkünften für Motorradfahrer.[5] Die 1995 gegründete Union Européenne de Motocyclisme (UEM) definierte 2001 Standards für Beherbergungsbetriebe, die unter anderem Unterstellmöglichkeiten für Motorräder und einen Trockenraum für feuchte Bekleidung vorschreiben.[5]
1984 wurde in den Vereinigten Staaten die Iron Butt Association (IBA, deutsch in etwa „Verband Eiserner Hintern“) gegründet,[25] die sich für die Förderung von Langstreckenmotorradfahrten einsetzt und deren Mitglied nur Motorradfahrer werden können, die wenigstens eine 1.000 Meilenfahrt (1.600 km) in weniger als 24 Stunden nachweislich durchgeführt haben.[26]
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Jahr 1912 unternahm der US-amerikanische Journalist