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Reisläufer

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Dieser Artikel behandelt das spezifische Söldnerwesen der Alten Eidgenossenschaft, das als Reisläuferei („Kriegsdienst gegen Sold in fremden Diensten“) oder Reislaufen[1] bezeichnet wird. Ausübende waren Reisläufer, die sogenannten Reisigen.[2] Die Reisläuferei der Schweizer Soldaten und Offiziere in fremden Diensten war Machtinstrument und wesentliche Einkommensquelle des Patriziats. Der Artikel Schweizer Truppen in fremden Diensten bietet eine Übersicht der militärischen Engagements von Schweizern im Ausland. Diese sogenannten «Fremden Händel» stiessen im modernen Schweizer Bundesstaat auf Ablehnung und waren ein Ausgangspunkt für die Schweizer Neutralitätspolitik.

Seit dem 16. Jahrhundert unterschied man bei Reisigen zwei Kategorien:

  • Ein Reisiger oder Reisiger Knecht war ein (bewaffneter) Reiter, meist mit eigenem Pferd und eigener Ausrüstung. Reisige dienten anfangs nicht unbedingt auf Sold, sondern konnten nicht-adliger Teil eines aus Untertanen gebildeten Lehensaufgebots sein.[3] Seit 1495 war die Anwerbung von unbeaufsichtigt umherziehenden (und damit oft landfremden und marodierenden) reisigen Knechten gemäss § 7 des Ewigen Landfriedens verboten, wurde aber trotzdem vielfach weiter praktiziert.
  • Ein Reisläufer war ein als Fusssoldat dienender Söldner, der vorwiegend aus der Schweiz stammte. Bis ins 17. Jahrhundert stand er im Dienst wechselnder europäischer Herrscher und verdingte sich auf eigene Faust. Das unterschied ihn von jenen Schweizer Soldaten, die sich zum kapitulierten Dienst verpflichteten. Dieser vollzog sich auf Basis einer zwischen zwei Ländern vereinbarten Militärkapitulation, also eines binationalen «Liefervertrags für Soldaten».
  • Das mittelhoch­deutsche reise bedeutet ‚Aufbruch‘, ‚Zug‘, ‚Reise‘; ‚Kriegszug‘, ‚Heereszug‘,[4] auch ‚kriegerischer Auszug‘ und ‚Feldzug‘, und ist der Vorläufer des neuhochdeutschen Wortes Reise.[5] Abgeleitet davon, über mittelhochdeutsch reisec bzw. reisic („reisig“, „beritten“, „gerüstet“, „zu Kriegszügen dienend“),[6] nannte man im Mittelalter bewaffnete Dienstleute oder berittene Begleitpersonen Reisige, die auf ihres Herrn Geheiß „Reisen“ (d. h. Feldzüge) unternehmen mussten.
  • Im 16. Jahrhundert wurden mit obigem Begriff „Dienstleute“ (bewaffnete) Reiter bezeichnet. Im Gegensatz dazu gehörten Reisläufer dem Fussvolk, will heissen: den Kämpfern der Infanterie, an.
  • Im Deutschen Kaiserreich wurde das (schon damals altertümlich erscheinende) Wort Reisige durch die Verwendung in der Kaiserhymne Heil dir im Siegerkranz von Heinrich Harries wieder populär.

Die Innerschweizer Söldner und Kriegsknechte (Uri, Schwyz, Unterwalden) waren schon vor der Gründung der Alten Eidgenossenschaft auf den damaligen europäischen Kriegsschauplätzen gefürchtet und begehrt. Die Ennetbirgischen Feldzüge ab 1402, während denen mailändische Täler erobert wurden, markierten den Beginn der schweizerischen Expansionsbestrebungen. Zwischen 1400 und 1848 verdienten viele Schweizer ihren Lebensunterhalt als Söldner in fremden Armeen, die meisten von ihnen flohen damit vor der Armut im Heimatland.[7]

Für ihre Kriegshilfe bei Faenza erhielten sie von Friedrich II. den Freiheitsbrief. Ihr Kampfgeist gegen eine verheerende Übermacht in der Schlacht bei St. Jakob an der Birs führte 1444 zu einem Vertrag mit Frankreich mit der Möglichkeit, eidgenössische Söldner anzuwerben.

Reisläufer wurden seit den militärischen Erfolgen der Eidgenossen in den Burgunderkriegen (1474–1477) im grossen Stil angeworben. Schon zuvor entstand in den Konflikten mit Habsburg, insbesondere auf Grund der Schlachten von Morgarten und Sempach, der Ruf, die eidgenössischen Truppen seien «unbesiegbar». Die militärische Durchschlagskraft der eidgenössischen Reisläufer beruhte auf der neuen Infanterietaktik des «Gewalthaufens», die den zeitgenössischen Ritterheeren überlegen war. Hauptwaffen der Reisläufer waren Spiesse und Hellebarden, für den Nahkampf Schweizer Dolche und -degen.

Die Anzahl der eidgenössischen Reisläufer eines Kriegsherrn bestimmte seine Siegchancen. Das galt insbesondere in den Italienischen Kriegen ab 1494, die durch den Einmarsch Frankreichs im Kampf um die Thronfolge in Neapel ausgelöst wurden und sich zum Kampf zwischen Heiligem Römischem Reich, Frankreich, Spanien und dem Papst um die Vorherrschaft in Italien ausweitete.

Reisläufer unterstanden nicht der Gerichtsbarkeit des Kriegsherrn, sondern derjenigen ihrer eigenen Hauptleute, und damit eigenen Richtern und eigenem Recht. Übervölkerung vor allem in den Urkantonen, Abenteuerlust, Beute und Sold waren wichtige Gründe, den jeweiligen Aufgeboten der Obrigkeit Folge zu leisten oder auch auf eigene Faust auszuziehen.

Als wichtigstes Mittel der Anwerbung bürgerte sich das Zahlen von Pensionen an offizielle Vertreter der Kantone oder einflussreiche Persönlichkeiten wie Kardinal Matthäus Schiner ein. Nicht selten überboten sich die künftigen Kriegsgegner gegenseitig zum Vorteil der eidgenössischen Politiker, was diese, spätestens seit der Schlacht bei Marignano, in den Ruf der Korruption auf Kosten des Volks brachte. Es häuften sich Fälle, in denen Schweizer gegen Schweizer kämpften. Jakob Meyer zum Hasen, von 1516 bis 1521 Bürgermeister der Stadt Basel, wurde samt seinen Ratskollegen im «Pensionensturm» 1521 seines Amts enthoben. Das Pensionenwesen als die wirtschaftliche Seite des Reislaufs war eine der wichtigsten Triebfedern der Reformation Zwinglis.

Übergang zu stehenden Schweizer Regimentern

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Franz Rudolf Frisching, Oberst in der Schweizergarde in Holland, mit seinem Berner Laufhund, gemalt von Jean Preudhomme, 1785

Frankreich war das erste Land, das 1497 mit der Gardetruppe der Hundertschweizer eine längerfristig eingerichtete Schweizer Einheit aufstellte. Im 15. und 16. Jahrhundert wurden die meisten Söldnertruppen nur für den Zeitraum eines Konflikts beschäftigt.

Als Folge der Schlacht bei Marignano schloss die Schweiz am 29. November 1516 in Freiburg im Uechtland den Ewigen Frieden mit Frankreich. Im Kapitulationsvertrag, der bis 1792 mehrmals erneuert wurde und der als Vorbild für Verträge mit anderen europäischen Mächten diente, verpflichtete sich das Helvetische Corps (Bezeichnung der Eidgenossenschaft im 17. Jahrhundert), für Frankreich Kontingente zu stellen, die in der Schweiz ausgehoben werden durften. Im Vertrag wurde festgehalten, dass:

  1. die Schweizer nur in Schweizer-Regimentern, unter der Schweizer Fahne und unter Schweizer Offizieren dienen durften, und der oberste Schweizer Befehlshaber (Generaloberst) nur direkt dem König oder einem Mitglied der königlichen Familie unterstellt werden durfte.
  2. die Schweizer Soldaten nur durch Schweizer Richter, nach schweizerischem Recht und unter eidgenössischer Hoheit verurteilt werden durften.
  3. die Tagsatzung jederzeit das Recht hatte, die Schweizer Regimenter für die Verteidigung zurückzurufen, wenn die Eidgenossenschaft bedroht war.[8]

Neben dem offiziellen, auf Kapitulationen begründeten Dienst nahm auch der wilde Solddienst im 17. Jahrhundert noch zu. Während die Kantone und Graubünden Kapitulationen abschlossen mit Spanien, Savoyen, Venedig und Genua, zogen Hunderte von Schweizern in den ungeregelten Solddienst, vor allem nach Schweden, Sachsen und Bayern.

Ludwig XIV. ging schließlich dazu über, ab 1671 elf Schweizer Linienregimenter in den dauernden Dienst Frankreichs zu stellen, was sich bis 1758 hinzog, als die beiden letzten (es waren dann doch zwölf geworden) in Dienst genommen wurden (Régiment de Lochmann und Régiment d'Eptingen) → Infanterie étrangère de ligne. Dazu kamen weitere ungeregelte freie Kompagnien. Andere Länder kopierten diese Einrichtung, so Spanien (Kapitulation mit katholischen Kantonen), die Niederlande (Kapitulation mit den reformierten Kantonen), Venedig (bis 1719), England, Polen, Österreich (bis 1740) sowie Sardinien-Piemont. So kämpften in den meisten Kriegen in Europa im 17. und 18. Jahrhundert Schweizer Truppen.

Ende der Reisläuferei

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Preussische Werber in Neuchâtel um 1840
Uniformen der Schweizer Regimenter in niederländischen Diensten nach 1815

Die Verschärfung des Drills, die Einschränkung der Plünderei und die Geldentwertung ließen den Solddienst für junge Männer immer weniger attraktiv erscheinen. So wurde es im ausgehenden 18. Jahrhundert für die Soldunternehmer und Regimentsinhaber zunehmend schwieriger, die Bestände der Regimenter zu füllen. Die Risiken wurden den Soldaten immer bewusster angesichts hoher Verluste von Schweizer Einheiten. Nach Beginn der französischen Revolution entließ Frankreich die im Volk unbeliebten Schweizer Regimenter im Anschluss an den Tuileriensturm am 20. August 1792 in Verletzung aller bestehenden Verträge. Zahlreiche Söldner verdingten sich darauf in regulären französischen Einheiten oder suchten Dienst in anderen europäischen Staaten.

Bis zum Einmarsch französischer Truppen in die Schweiz 1798 gab es keine regulären Schweizertruppen in Frankreich. Die Helvetische Republik verpflichtete sich zwar, Frankreich wieder Truppen zu stellen, konnte die Bestände aber nur mit Zwang und unter grossen Mühen füllen. Während der Napoleonischen Kriege dienten Zehntausende Schweizer Söldner für Frankreich, Spanien, Grossbritannien und Österreich. Besonders in Spanien und auf dem Russlandfeldzug 1812 kam es zu hohen Verlusten bei den Schweizer Einheiten. In Spanien dienten insgesamt etwa 30'000 Schweizer auf beiden Seiten.

Nach dem Ende der napoleonischen Kriege schlossen die Kantone neue Militärkapitulationen mit Frankreich, den Niederlanden,