Fadenglas

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englisch: Filigree glass; französisch: Verre filé; italienisch: Vetro a reticella.


Hermann Jedding (1973)

RDK VI, 1048–1059


RDK VI, 1049, Abb. 1. Wien, 16. Jh.
RDK VI, 1049, Abb. 2. Bremen, 16. Jh.
RDK VI, 1051, Abb. 3. Hamburg, 16. Jh.
RDK VI, 1051, Abb. 4. Kassel, 1583.
RDK VI, 1051, Abb. 5. Bremen, E. 16. und A. 17. Jh.
RDK VI, 1053, Abb. 6. Frankfurt a. M., E. 16. Jh.
RDK VI, 1055, Abb. 7. Ehem. Klagenfurt, gegen 1600 (?).
RDK VI, 1057, Abb. 8. MĂŒnchen, 17. Jh.
RDK VI, 1057, Abb. 9. Hamburg, 17. Jh.

I. Bezeichnung

Als F. bezeichnet man Hohlglas mit Glasfadenverzierung. Vor allem die seit dem 16. Jh. entstandenen venezianischen GlĂ€ser und GlĂ€ser Ă  la Façon de Venise mit eingelegten, meistens weißen Fadenmustern werden als F. verstanden; nicht selten wird der Begriff jedoch auch auf die Ă€gyptischen FarbglĂ€ser mit eingepreßten FĂ€den und die seit römischer Zeit hergestellten GlĂ€ser mit Fadenauflage angewendet.

II. Eingepreßte FĂ€den in Ägypten

Eingepreßte FĂ€den aus farbigen, opaken GlasflĂŒssen bildeten die verbreitetste Verzierungsart Ă€gyptischer GlasgefĂ€ĂŸe mindestens seit der 18. Dynastie (um 1560–1350 v. Chr.).

FĂŒr die meist blauen, ĂŒber einem Sandkern geformten, kleinen GlasgefĂ€ĂŸe bevorzugte man Fadeneinlagen in Rot, Violett, SmaragdgrĂŒn, zweierlei Gelb, opakem Weiß und Schwarz. Die dĂŒnn ausgezogenen GlasfĂ€den in einer oder mehreren Farben legte man spiralig um die noch heiße, weiche GefĂ€ĂŸwand und preßte sie durch Rollen des GefĂ€ĂŸes auf einer glatten Unterlage (Marmorplatte) unlösbar in die Grundmasse ein. Mit hĂ€kchenartigen Werkzeugen konnten die SpiralfĂ€den zu Mustern „gekĂ€mmt“ werden. Derart dekorierte GefĂ€ĂŸe regten möglicherweise spĂ€ter die Venezianer zu den „gekĂ€mmten“ Mustern ihrer F. an (s. Sp. 1053).

Bei der Randverzierung von Schalen aus Mosaikglas (2. Jh. v. Chr. bis 1. Jh. n. Chr.) wurde die spĂ€ter fĂŒr Venedig charakteristische Technik des F. bereits vereinfacht angewendet: um einen Tonkern ordnete man opakweiße und farblos-durchsichtige GlasfĂ€den, rollte sie zu Spiralen und zu sich kreuzenden Bahnen, zu sog. „Reticelli“ (Netzen), oder man flocht farbige FĂ€den um einen durchsichtigen und umgab diesen Stab wieder mit durchsichtigen FĂ€den, ehe man das Ganze zu einer kompakten Glasstange umschmolz. Solche Fadenglasstangen wurden auch zu Schmuck und Armringen verarbeitet [35, Bd. 2 S. 421].

III. Fadenauflage

A. Röm Kaiserzeit

Zu Beginn der römischen Kaiserzeit wurde die – in Kleinasien schon im Hellenismus geĂŒbte – Fadenauflage zum vorherrschenden Dekorationsprinzip bei Hohlglas. Den Faden gewann man gewöhnlich aus einem heißen GlaskĂŒgelchen (TrĂ€ne), das an einer Stelle des fertigen GefĂ€ĂŸes angeschmolzen und beliebig dĂŒnn zu einem Faden ausgezogen wurde; mit ihm umspann man das wahrscheinlich auf einer rotierenden Scheibe sich drehende GefĂ€ĂŸ.

AnfĂ€nglich beschrĂ€nkte man sich darauf, MĂŒndung und Fuß der meist farbigen, hĂ€ufig dunkelblauen GefĂ€ĂŸe mit einem weißen Spiralfaden zu umziehen. SpĂ€ter, seit 1. Jh. n. Chr., wurden fast waagrecht verlaufende SpiralfĂ€den um Hals, Schaft und Henkel der GlĂ€ser, schließlich um den ganzen Glaskörper gelegt. – Den höchsten Grad der Vollkommenheit in dieser Technik zeigen die Schlangen-F.: auf die GefĂ€ĂŸwandung wurden bandartige, meist quer gekerbte (gekniffene) GlasfĂ€den in unregelmĂ€ĂŸigen Schlangenlinien aufgeschmolzen, zu Wellenlinien, Spiralen, Voluten und Doppelvoluten oder schriftĂ€hnlichen Mustern, mitunter auch zu stilisierten BlĂ€ttern und Tieren (oft Vögeln) geformt. Schlangen-F. kommen sowohl naturfarben (blaugrĂŒn) und farblos als auch mit weißen oder blauen, seltener mit gelben, roten oder vergoldeten Auflagen vor.

Die Entwicklung erfolgte nahezu gleichzeitig in allen Glaszentren des röm. Reiches, vor allem in den GlashĂŒtten in Syrien, Gallien, Britannien und im Rheinland, wo im 2. und 3. Jh. nach Chr. Köln zum fĂŒhrenden Platz wurde.

B. FrÀnkische GlÀser

Die röm. Dekorationsweise der Fadenauflage lebte in vereinfachter Form im Schmuck frĂ€nkischer GlĂ€ser fort, ja bildete neben Riefelung und Nuppen die einzige Glaszier jener Zeit vom 5. bis 8. Jh. Auch beim Hohlglas der karolingischen und romanischen Epoche kommt die Fadenauflage gelegentlich vor, wie die wenigen erhaltenen Beispiele zeigen (vgl. Peter Paulsen, SakralgefĂ€ĂŸe in Ellwangen, in: „Ellwangen 764–1964“, Ellwangen 1964, Bd. 2 S. 775–803). Theophilus beschrieb in der 1. H. 12. Jh. die bei den Griechen geĂŒbte Praxis der Verzierung von GlasgefĂ€ĂŸen durch umgelegte GlasfĂ€den (II, 10 und 14: De diuersis artibus, ed. C. R. Dodwell, London ... 1961, S. 43 und 46; zu byzantinischen GlĂ€sern in dieser Art aus dem 11.–12. Jh. vgl. Joseph Philippe, Le monde byzantin dans l’histoire de la verrerie [Ve– XVIe siĂšcle], Bologna 1970, S. 114, 175 u. ö.).

C. SpÀt-MA und Neuzeit

Beim Dekor des spĂ€tma. Waldglases spielten Fadenauflagen nicht die entscheidende Rolle. Gekniffene FĂ€den wurden jedoch seit dem 15. Jh. hĂ€ufiger zur Abgrenzung von Zonen auf der GefĂ€ĂŸwandung verwendet (z. B. bei den aus dem Maiglein entwickelten Bechern). Aufgeschmolzene BĂ€nder betonen nicht selten auch die Schulter, bestimmte EinschnĂŒrungen oder den Fuß des GefĂ€ĂŸes. Solcher Zusatzdekor kommt bei allen FormglĂ€sern bis zum 19. Jh. vor; vor allem Stangen- (Abb. 2) und KeulenglĂ€ser wurden im 16. und 17. Jh. gern mit einem spiralig um die Wandung verlaufenden, gekniffenen Faden umlegt („BandwurmglĂ€ser“). Bei sog. PaßglĂ€sern (zylindrischen StangenglĂ€sern oder Spechtern; Abb. 8) bezwecken die in gleichem Abstand umgelegten, gekniffenen GlasfĂ€den eine Art Maßeinteilung; beim Trinken mußte jeweils eine solche Menge des Inhalts geleert werden, wie sie sich zwischen zwei Reifen – „PĂ€ssen“ – befand ([3] S. 149, ohne Beleg).

IV. Fadeneinlage

A. Technik

Das vollendetste und zugleich komplizierteste F. entwickelten im 16. Jh. die GlasblÀser von Venedig. Die Technik ist ungemein kompliziert.

ZunĂ€chst mĂŒssen einzelne weiße GlasfĂ€den hergestellt werden. Zu diesem Zweck nimmt der GlasblĂ€ser mit einem Eisenstab aus dem Schmelzofen oder -tiegel eine bestimmte Menge von Milchglas („lattimo“ oder „latticino“), einem durch Zinnoxyd weiß gefĂ€rbten Glasgemenge, und rollt sie auf der Werkbank, dem „Marmor“, so lange hin und her, bis sie an dem Eisen ringsum wie eine dĂŒnne Röhre haftet. Anschließend taucht er das Eisen in farblose Glasmasse, die darauf das Milchglasröhrchen mantelartig umschließt. Der so entstandene, innen weiße, außen farblose Glaszylinder wird erhitzt und so lange ausgezogen, bis er zu einem dĂŒnnen, weißen Faden geworden ist. Um ein Fadenmuster zu gewinnen, belegt man nun die Innenwand eines Tonzylinders, rhythmisch angeordnet, mit mehreren solchen weißen FĂ€den, zwischen die jeweils im Wechsel farblose GlasstĂ€bchen eingeschoben sind. Zuletzt wird der in der Mitte verbliebene Hohlraum mit flĂŒssiger, farbloser Glasmasse ausgefĂŒllt. Den auf diese Weise gebildeten Glasstab kann man anschließend wieder lang und dĂŒnn ausziehen. Wird der Stab dabei zugleich in sich gedreht, so erscheinen die weißen FĂ€den spiralig gewunden. Dichte und Rhythmus der Spirale können durch die verschiedenartige Anordnung der FĂ€den in dem Tonzylinder beliebig variiert werden. FĂŒhrt man in die Mitte des Zylinders einen zusĂ€tzlichen Faden ein, so windet sich die Spirale spĂ€ter um eine weiße Achse; verschiebt man diesen Achsenfaden etwas aus der Mitte, so wird er sich nach dem Ausziehen und Drehen des Glasstabes im Innern der Spirale korkenzieherartig winden. Durch differenzierende Anordnung der weißen FĂ€den ist es möglich, ungezĂ€hlte Variationen zu erzielen (vgl. Abb. 7). Solche GlasstĂ€be mit SpiralfĂ€den heißen „canne ritorte“.

Die Herstellung der mit diesen F.-StĂ€ben verzierten GlasgefĂ€ĂŸe („vasi a ritorti“) war ebenso kompliziert wie die Fertigung der einzelnen GlasfadenstĂ€be. Man ordnete zunĂ€chst GlasstĂ€be in der gewĂŒnschten Reihenfolge im Wechsel mit farblosen GlasstĂ€ben entlang der Innenwand eines Tonzylinders. Nach dem AnwĂ€rmen blies man in eine Öffnung des Zylinders eine Blase aus farblosem Glas, die sich nach Beseitigung des Zylinders und wiederholtem AnwĂ€rmen und Ausdehnen mit dem Mantel aus GlasstĂ€ben vollstĂ€ndig verband. Am unteren Ende wurde die Blase zusammengekniffen, so daß in diesem Punkt alle StĂ€be zusammenlaufen. Bei weiterer Ausdehnung der Glasblase und dem dadurch verursachten DĂŒnnerwerden ihrer Wandung verlieren die StĂ€be ihr Volumen; die Muster erscheinen breitgequetscht, oft wie gestrickt, in der entstandenen GefĂ€ĂŸwandung, die nach entsprechender Weiterbehandlung (Blasen, Rollen, Ausziehen usw.) ihre endgĂŒltige Form erhĂ€lt. Dreht man bei diesem Fertigungsprozeß die Glasblase zusĂ€tzlich in sich selbst, so Ă€ndert sich die vertikale Richtung der Fadenmuster zugunsten einer spiraligen Umwindung des GefĂ€ĂŸes.

Eine Sonderform des F. bilden die sog. NetzglĂ€ser („vasi a reticelli“): MilchglasstĂ€be „schweißt“ man in gleichmĂ€ĂŸigem Abstand so auf die Glasblase, daß die StĂ€be als leicht erhabene Rippen stehen bleiben. Beim Ausdehnen der Glasblase gibt man ihr zugleich eine geringe Drehung, welche die MilchglasfĂ€den in spiralförmige Windungen versetzt. In gleicher Weise bearbeitet man eine zweite, gleichartige Glasblase, die beim Ausdehnen im Gegensinn gedreht wird, so daß die Spiralwindungen nach der anderen Richtung verlaufen. Beide Glasblasen werden nun aufgeschnitten, in der Form von offenen Zylindern ineinandergesetzt und durch Hitze vereinigt. Die spiralig verlaufenden FĂ€den kreuzen sich jetzt netzförmig. Die in den rhombischen ZwischenrĂ€umen („Maschen“) eingeschlossenen LuftblĂ€schen geben im Verein mit den rhythmisch sich ĂŒberschneidenden SpiralfĂ€den dem Netzglas eine ungemein lebhafte OberflĂ€che. NetzglĂ€ser können auch dadurch hergestellt werden, daß man eine Glasblase mit spiraligen MilchglasfĂ€den wie einen Gummiball in sich selbst stĂŒlpt; die so entstandene doppelwandige Schale wird dann wieder zur Glasblase umgeformt und weiterverarbeitet.

Eine Sonderentwicklung stellt der Dekor mit „gekĂ€mmtem“ Faden dar. Wie beim Ă€gyptischen Glas, das möglicherweise auch die Anregung gab, weitete man den aufgelegten Diagonalfaden zu Vogelfeder- oder Farnkrautmustern aus. Da dieser Vorgang stĂ€ndiges WiederanwĂ€rmen und Nachformen der Glasblase erfordert, sinkt der Faden allmĂ€hlich in die Glasmasse ein und bildet mit der Blase nahezu eine FlĂ€che. Solche GlĂ€ser mit „gekĂ€mmtem“ Faden wurden nicht nur in der FrĂŒhphase des F., sondern noch im 17. Jh. hergestellt (und besonders in Deutschland, den Niederlanden und Spanien [Abb. 9] imitiert).

B. Venedig

Die ersten F. wurden wohl in Venedig gegen 1540 hergestellt. Am Beginn standen offenbar Pokale, Kelch- und StangenglĂ€ser mit plastisch aufgelegten weißen FĂ€den, die rippenartig die GefĂ€ĂŸwand vertikal gliedern oder diagonal bzw. ĂŒber Kreuz umziehen (Beispiele: Abb. 1; [3] Abb. 67; [20] Abb. 186; [61] Taf. 31 u. 32). Nach diesen einfacheren Arten entwickelten die Venezianer immer kompliziertere Muster und Variationen, bei denen meistens engmaschige Kombinationen mit weitlĂ€ufigen Spiralfeldern abwechseln oder breite BĂ€nder von dĂŒnnen begleitet und von anderen kreuzförmig ĂŒberschnitten werden. Gewöhnlich variieren an den einzelnen Objekten zwei oder drei verschieden dichte und unterschiedlich angelegte Glasfadenmuster, welche die GefĂ€ĂŸwand meist vertikal gliedern. Im allgemeinen beschrĂ€nkte man sich auf weiße GlasfĂ€den; nur selten wurden andersfarbige FĂ€den, etwa in Blau, Violett, Gelb, GrĂŒn oder Rot verwendet (hĂ€ufiger dagegen bei Façon de Venise, s. Sp. 1055f., und bei *FlĂŒgelglĂ€sern).

Als F. oder Netzglas entstanden alle damals ĂŒblichen GefĂ€ĂŸtypen: Pokale, Kelch- und StangenglĂ€ser, Becher (Abb. 5), Teller und Platten (Abb. 6), Schalen, SchĂŒsseln mit und ohne Fuß, Kannen (Abb. 3), Flaschen, Leuchter, sogar Messer, Gabeln und Löffel. Eine genauere Datierung der einzelnen Exemplare ist oft schwierig, da die gleichen Formen und Muster wie im 16. Jh. auch noch im 18. Jh. hergestellt wurden.

C. Façon de Venise

In nahezu allen außervenezianischen GlashĂŒtten, die Glaswaren „à la façon de Venise“ herstellten (Façon de Venise), machte man wahrscheinlich auch FadenglĂ€ser.

Meistens kann man sie von den original-venezianischen Glasschöpfungen nicht oder nur schwer unterscheiden. Mitunter lassen eine ungewöhnliche, oft recht große, gelegentlich auch plumpe GefĂ€ĂŸform, eine andersartige, nicht besonders gute, vielfach rauchfarbene oder grĂŒnliche Glasmasse sowie die DĂŒrftigkeit und UnregelmĂ€ĂŸigkeit der Muster aus weißen, bis ins Blaßgraue verunreinigten FĂ€den eine nicht-venezianische Provenienz vermuten. Unter den erhaltenen Beispielen werden die meisten den sĂŒdlichen Niederlanden (Antwerpen, LĂŒttich) und Kassel zugeschrieben, einige auch nach Sachsen lokalisiert. Einigermaßen gesicherte FadenglĂ€ser aus ital., franz. und hollĂ€nd. HĂŒtten sind nicht bekannt, doch ist eine ganze Anzahl von Pokalen, Humpen, Kannen, Kelch- und SturzglĂ€sern mit weißen Fadeneinlagen, die sich vorwiegend in belgischen Sammlungen befinden, durch Vergleich mit den Formskizzen in dem Typenkatalog von Colinet – zwischen 1550 und 1555 angelegt – als niederlĂ€ndische Erzeugnisse ausgewiesen ([62, Abb. 44–56; vgl. Sp. 1025f., Abb. 2 a–c).

In Deutschland berichtet Mathesius 1562 von F. in Schlesien: „Jetzt werden die weyssen gleser gemeyn / drauff gleich weysse feden von weysser Farbe getragen / die man in der Slesing machen solle“ (Die Predig von dem Glaßmachen [Die fĂŒnfzehende Predigt / Vom Glaß vnd Glaßmachen / vnnd der gefeß / so die heilig Schrifft gedenckt /...], NĂŒrnberg 1562 [Neudr. der Ausg. 1578: Mchn. 1927], Bl. XX). In der MĂŒnchner HĂŒtte des Venezianischen GlasblĂ€sers Giovanni Scarpoggiato wurden 1586 u. a. TrinkglĂ€ser mit „weißen Streimen“ gemacht [3, S. 127]. 1602 und 1608 sind auch in Böhmen „gestreiffte“ und „weiss geschniertte Glöser“ bezeugt [3, S. 143]. Und noch zur Produktion der 1679–1786 in Dessau von Venezianern betriebenen GlashĂŒtte gehörten „fillagrame“, d. h. FadenglĂ€ser [3, S. 131].

F. in Venezianer Art ist nur aus Kassel und Sachsen noch mit einiger Sicherheit zu belegen.

Das erste in der Kasseler HĂŒtte am 22. Juni 1583 gefertigte Glas, einen Deckelpokal „uff Venedische Ahrtt weiss gestreifft“, ließ der Landgraf von Hessen in die Silberkammer stellen (Abb. 4). Im Februar 1584 wurden unter den Erzeugnissen derselben HĂŒtte noch „becherlein von gestreifftem glass mit vergulten lewenkopfen“, „weiße becher von doppeltrot“ (von doppeltem Draht), „mit starcken streiffen“, „mit rautechten streifen“, „mit blauen und weißen streifen“ aufgefĂŒhrt, sicherlich alles Faden- und NetzglĂ€ser. Zweifellos gehören die in den Staatl. Kunstsammlungen in Kassel aus diesem alten Bestand erhaltenen FadenglĂ€ser zu der Produktion der Kasseler HĂŒtte des Francisco Warisco, die nur in den Jahren 1583 und 1584 existierte. Die Formen aus rundem Fuß, Hohlkugelschaft und kelchartiger Kuppa sind relativ einfach, der Fadendekor variiert breite schmucklose BĂ€nder mit gepreßten SpiralbĂŒndeln [74, Abb. 7–9].

Die 1599 fĂŒr den sĂ€chsischen Hof von einem einheimischen HĂ€ndler erworbenen „2 Schock weiss streiffigten Weingleser“ wurden mit grĂ¶ĂŸter Wahrscheinlichkeit in Sachsen selbst hergestellt. Mehrere Becher mit einfacher Fadeneinlage und emailliertem sĂ€chsischen Wappen aus dem 17. Jh. sind sowohl in Dresdener Sammlungen als in den Museen zu London und Prag erhalten [3, S. 143f.].

Sicherlich wurden auch GefĂ€ĂŸe mit „gekĂ€mmtem“ Faden in Deutschland hergestellt, doch gelten die kleinen, bauchigen Kannen mit TĂŒlle und Henkel, deren meist lang ausgezogener Hals vielfach kuppelartig fest verschlossen ist, im allgemeinen als spanische Erzeugnisse des 16. und 17. Jh. (Abb. 9). Durch ihre ins Gelbliche spielende Masse und die oft breit und schleimig ausgekĂ€mmten, fast grau wirkenden weißen FĂ€den unterscheiden sie sich von venezianischen Vorbildern.

In England, wo schon gegen 1550 venezianische GlasblĂ€ser bezeugt sind (s. Sp. 1044), hat sich das F. offensichtlich nicht durchgesetzt. Eine SpezialitĂ€t englischer TrinkglĂ€ser wurde im 18. Jh. der lange, zylindrische, glatte Schaft mit spiraligen Fadeneinlagen in Weiß oder verschiedenen Farben.

SchĂ€fte mit Fadeneinlagen – hĂ€ufig in Rubinrot – kommen auch bei böhmischen TrinkglĂ€sern des 18. Jh. nicht selten vor. Die Technik des F. reizte die böhmischen GlasblĂ€ser noch in der Biedermeierzeit zu Nachbildungen venezianischer Glasschöpfungen ([56]; [57] S. 282–292). 1842 bis 1843 gelang Franz Pohl, dem GrĂŒnder der JosephinenhĂŒtte bei Schreiberhau, die Nacherfindung des Herstellungsverfahrens von Netzglas.

Zu den Abbildungen

1. Wien, Österr. Mus. fĂŒr angewandte K., Inv.Nr. Gl 31, Pokal. 14 cm h. Venedig, 16. Jh. Fot. Mus.

2. Bremen, Slg. Dr. Otto Dettmers, Stangenglas. 28 cm h. Deutschland, 16. Jh. Fot. Mus. fĂŒr K. und Gewerbe Hamburg (H.-J. Heyden), Nr. 15012.

3. Hamburg, Mus. fĂŒr K. und Gewerbe. Inv.-Nr. 1893.436, Kanne. 25 cm h. Venedig, 16. Jh. Fot. Mus. (H.-J. Heyden).

4. Kassel, Staatl. K.slgn., Inv.Nr. B IX. 156, Deckelpokal. 28,4 cm h. Kassel 1583. Fot. Mus.

5. Bremen, Slg. Dr. Otto Dettmers, Deckelbecher, Silbermontierung von MatthĂ€us Wallbaum, A. 17. Jh. 21 cm h. Venedig, E. 16. Jh. Fot. Mus. fĂŒr K. und Gewerbe Hamburg (H.-J. Heyden), Nr. 15019.

6. Frankfurt am Main, Mus. fĂŒr K.handwerk, Kredenzplatte. 44,3 cm Dm. Venedig, E. 16. Jh. Fot. Mus.

7. Ehem. Klagenfurt, L.mus. fĂŒr KĂ€rnten, Pokal (1945 zerst.). Maße unbekannt. Façon de Venise, gegen 1600 (?). Fot. Lala Aufsberg, Sonthofen i. A., Nr. 27 114.

8. MĂŒnchen, Bayer. Nat.mus., Inv.Nr. 13/276, Paßglas. 23 cm h. SĂŒddeutschland, 17. Jh. Fot. Mus.

9. Hamburg, Mus. fĂŒr K. und Gewerbe, Inv.Nr. 1919.269, KĂ€nnchen. 17 cm h. Spanien, 17. Jh. Fot. Mus., Nr. 3808.

Literatur

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Zu Abschnitt III. A: 48. Ausst.Kat. „Dt. Glas. Zweitausend Jahre Glasveredelung“, Darmstadt, Hess. L.mus., 1935. – 49. Fritz Fremersdorf, Die Henkelkanne von Cortil-Noirmont im BrĂŒsseler Mus., eine Kölnische Arbeit, L’AntiquitĂ© classique 7, 1938, 201–214. – 50. ders. (Hrsg.), Die Dkm. des röm. Köln, Bd. 1–8, Köln 1958–67, bes. Bd. 5, Köln 1959. – 51. Otto Doppelfeld, Röm. und frĂ€nk. Glas in Köln, Köln 1966.

Zu Abschnitt III. B und C: 52. Alfred Walcher-Molthein, Die dt. Renss.glĂ€ser auf der Burg Kreuzenstein, Belvedere 9–10, 1926, Forum 37–47, 57–69. – 53. Franz Rademacher, Die dt. GlĂ€ser des MA, Bln. 1933. – 54. Waltraud von Pfeffer, Zur Typologie merowingerzeitlicher GlĂ€ser mit Fadenverzierung, in: „Fs. des Röm.-Germ. Zentralmus. in Mainz 1952“, Bd. 3, Mainz 1953, S. 147–160.

Zu Abschnitt IV: 55. E. von Czihak, Schlesische GlĂ€ser, Breslau 1891, S. 95–97. – 56. Gustav E. Pazaurek, Venetianisierende Tendenzen bei den BiedermeierglĂ€sern, AntiquitĂ€tenztg. 30, 1922, 1–4. – 57. ders., GlĂ€ser der Empire- und Biedermeierzeit, Lpz. 1923, S. 282–292. – 58. Margarete Killing, Die Glasmacherk. in Hessen, Marburg 1927. – 59. Alice Wilson Frothingham, Hispanic Glass ..., New York 1941. – 60. Giulio Lorenzetti, Murano e Parte del vetro soffiato. Guida del Mus. Vetrario di Murano, Murano o. J. – 61. Ignaz Schlosser, Venezianer GlĂ€ser (= Schriften des Österr. Mus. fĂŒr angewandte K., 2) Wien 1951. – 62. Raymond Chambon, L’hist. de la verrerie en Belgique ..., BrĂŒssel 1955. – 63. A. Wilson Frothingham, Barcelona Glass in Venetian Style, New York 1956. – 64. Ausst.Kat. „Three Great C. of Venetian Glass“, Corning, N. Y. 1958. – 65. Astone Gasparetto, Il vetro di Murano dalle origini ad oggi, Venedig 1958. – 66. Giov. Mariacher, Vetri italiani del Cinquecento, Mailand 1959. – 67. Gudmund Boesen, Venetianske Glas pĂ„ Rosenborg, Kopenhagen 1960. – 68. Karel HetteĆĄ, Venezianisches Glas, Prag 1960. – 69. R. Chambon, Influence vĂ©nitienne sur la production verriĂšre de la Belgique Ă  la fin du XVe et au XVIe s., Cah. de la CĂ©ramique, du Verre et des Arts du Feu 18, 1960, 120–134. – 70. Kat. „Cat. van noord- en zuidnederlands glas“, Den Haag, Gemeentemus. 1962. – 71. J. Stanley Brothers Jr., The Miracle of Enclosed Ornamentation, Journ. of Glass Stud. 4, 1962, 117–126. – 72. A. Wilson Frothingham, Spanish Glass, London 1964. – 73. Ausst.Kat. „Forme e colori del vetro in Italia attraverso il tempo“, bearb. von Titti Caita, Reggio Calabria 1967. – 74. Franz-Adrian Dreier, Glask. in Hessen-Kassel (Kassel 1968).

FĂŒr weitere einschlĂ€gige Literatur s. Façon de Venise (Sp. 1047f.).

Verweise