GIOVANNI MICHELINI: Im Werkkommentar zu Ihrem neuen Stück fast dasselbe stoßen wir auf ein Zitat von Felix Philipp Ingold: »Etwas Gesetztes, das seinerseits etwas Vorausgesetztes, etwas also Fortzusetzendes ist.« Das ist eine bemerkenswerte Satzkonstruktion, über die man beim Lesen zwangsläufig stolpert. Warum schicken Sie Ihrer neuen Partitur ausgerechnet diese Zeilen voraus?
MICHAEL REUDENBACH: Mir gefällt an diesem Satz, wie in ihm prägnant und sinnreich ein Gedanke formuliert ist, der mich beim Komponieren meines Orchesterstückes begleitet hat, nämlich, dass ich – bewusst oder unbewusst – an Dingen weiterschreibe, die bereits da waren oder die ich im Nachhinein als etwas Vorformuliertes oder Gesetztes erfahre. So ist schon das Orchester ein historisch tief geprägter, fest gefügter Organismus. Als Komponist trifft man auf eine gewaltige Tradition, auf etwas zutiefst Gesetztes. Die zentrale Frage lautet: Inwieweit folge ich diesem, wie weit breche ich daraus aus und wie setze ich es fort?
MICHELINI: Das hat eine Parallele in der Musikgeschichte. Wenn Bach eine Sonate schrieb, hatte er das Modell von Corelli im Hinterkopf; Mozart führte Bach fort, Alban Berg wiederum Mozart. Das Prinzip des Weiterdenkens ist der Musik von Natur aus eingeschrieben.
REUDENBACH: Genau, allerdings bezieht sich bei fast dasselbe der Gedanke des ›Fortsetzens‹ nicht nur auf die Musikgeschichte, sondern auch ganz direkt auf meinen Arbeitsprozess.
MICHELINI: Inwiefern? War das Stück für Sie auch ein Wiederbegegnen mit dem eigenen Archiv?
REUDENBACH: Wenn ich ein neues Stück beginne, greife ich manchmal zu älteren Skizzenbüchern und stelle überrascht fest: Mensch, das hast du vor zwanzig Jahren so oder so ähnlich schon einmal gedacht! In fast dasselbe habe ich dann gezielt Gedanken und Ideen aus älteren Partituren – aus abgeschlossenen, unvollständigen oder zurückgezogenen Werken – mit in die neue Arbeit übernommen. Der Titel ist deshalb in einem sehr umfassenden Sinne zu verstehen. Er betrifft die Werkgenese ebenso wie das, was im Stück selbst geschieht.
MICHELINI: Ein Blick in die Partitur von fast dasselbe verrät, dass Sie trotz der weitgehend etablierten Besetzung sehr spezifische Vorgaben für die Raumaufstellung machen. So platzieren Sie die drei Schlagzeuger räumlich getrennt und formieren Schlagzeug 3, Harfe und Klavier als geschlossenes Ensemble. Welche dramaturgische und akustische Überlegung steckt hinter dieser genauen Geografie?
REUDENBACH: Grundsätzlich behalte ich die klassische Sitzordnung im Orchester bei, die ich aber für die genannten Instrumente gezielt modifiziere: Schlagzeug 3, Harfe und Klavier sitzen unter anderem deshalb beieinander, weil sie im zweiten Formteil zu einem eigenständigen akustischen Gefüge innerhalb des Orchesterapparates werden. Und was die drei Schlagzeuger betrifft: Sie beschließen mit einem mechanischen Ticken das Stück. Mir war wichtig, dass dieses Ticken räumlich wandert, den gesamten Bühnenraum aufspannt, damit der Klang keinesfalls starr aus nur einer einzigen Richtung kommt.
MICHELINI: Dieses mechanische Ticken und das Vergehen von Zeit berühren eine zentrale Kategorie Ihres Schaffens: das Phänomen der Wiederholung.
REUDENBACH: Die Wiederholung ist zwar ein fundamentales Merkmal der Musik, aber im physikalischen wie wahrnehmungspsychologischen Sinne findet sie niemals identisch statt. In einem klassischen Sonatensatz hört man nach der Durchführung faktisch dieselbe Musik wie die zu Beginn des Satzes. Allerdings wirkt sie in der Reprise nach einigen Minuten dramatischer Entwicklung verändert. Man erlebt das schon einmal Gehörte als etwas Fremdes bzw. das nach der Entwicklung nun Neue als etwas Vertrautes. Ähnliches in fast dasselbe: hier spielt im mittleren Formteil die schon genannte Schlagzeug-Klavier-Harfen-Gruppe scheinbar unverändert dasselbe Material. Aber weil sich der Kontext – also das, was von den anderen Instrumenten davor, dazu und danach gespielt wird – kontinuierlich verschiebt, verändert sich auch die Wahrnehmung dieses Materials, mal diskret, mal auffällig.
MICHELINI: Oft bewegen Sie sich an den äußersten Rändern der Wahrnehmbarkeit, im tiefen Pianissimo. Warum gilt Ihr Interesse so konsequent diesen fragilen, leisen Bereichen?
REUDENBACH: Es gibt in meinen Werken nicht ausschließlich leise Klänge, aber der Schwerpunkt liegt zweifellos dort. Vielleicht hat das etwas mit meiner persönlichen Wahrnehmung zu tun: Ich bin ein lärmempfindlicher Mensch und habe häufig Probleme mit unserer krachenden Umwelt. Als Komponist liegt mir jedenfalls viel daran, den Fokus auf ein aktives Zu- und genaues Hinhören zu lenken.
MICHELINI: Was fordert das vom Publikum im Saal?
REUDENBACH: Vielleicht eine Wachheit und Konzentration … das mag anstrengend sein, aber ich bedaure es immer, wenn es in Musik hauptsächlich um einen komponierten Ausdruck geht, wenn sie im Wesentlichen auf eine unmittelbare Emotion abzielt. Natürlich ist in Musik stets auch eine emotionale Dimension gegenwärtig, aber sie erschöpft sich nicht nur darin. Sie besitzt ebenso eine geistige, eine intellektuelle Ebene, eine Welt, die weit über eine ausschließliche Expressivität hinaus geht. Ich biete eine Klangstruktur an; wie diese erlebt wird, bleibt vollkommen frei.
MICHELINI: Die Kritik hat Ihr Werk gelegentlich als »Musik im Konjunktiv« beschrieben – als ein Komponieren, das kategorische Behauptungen vermeidet und stattdessen Denkräume öffnet. Können Sie sich in dieser Formulierung wiederfinden?
REUDENBACH: Eine Beschreibung, mit der ich mich gut anfreunden kann. Tatsächlich möchte ich das Rhetorische, das Ausrufezeichen in meiner Musik vermeiden. So besitzt fast dasselbe auch keinen klassischen Schluss im Sinne eines dogmatischen Schlusspunktes. Das Stück bricht ab, hört einfach auf.
MICHELINI: Das erinnert an den berühmten Seitensatz in Schuberts Unvollendeter: Eine Melodie, die theoretisch unendlich weiterlaufen könnte und die Schubert schlicht durch eine abrupte Generalpause abbrechen lässt, weil es keinen rein kadenzlogischen Schlusspunkt gibt.
REUDENBACH: Ja, das ist die unvermeidliche Konsequenz! Bei meinem Stück gibt es Vergleichbares: Das metronomische Ticken am Ende des Stückes ist endlos. Es gibt keinen inneren Zwang, warum die drei Schlagzeuger genau an der Stelle ihr Spiel beenden, an der ich sie aufhören lasse. Es ist kein klassischer Schlusspunkt, sondern der Abbruch mitten in einem endlosen Verlauf.
MICHELINI: Wie schwer ist es in einer von Informationsüberfluss geprägten Epoche, dieses Prinzip der extremen Reduktion und Konzentration auf das Wesentliche zu verteidigen?
REUDENBACH: Ich weiß nicht, ob ich etwas aktiv »verteidigen« möchte. Ich setze mich nicht mit dem Vorsatz an den Schreibtisch: »Heute muss ich aber gründlich reduzieren!« Vielmehr versuche ich etwas zu schreiben, was mir für das Stück als richtig und notwendig erscheint. Falls das als Reduktion wahrgenommen wird, dann hat dieser Gedanke aber durchaus seinen Charme.
MICHELINI: Hört man Ihre Werkgruppe im Rückblick, fällt die mikroskopische Arbeit auf: Oft bildet ein winziges Motiv – etwa eine fünfgliedrige Figur – die Keimzelle eines ganzen Satzes. Wie verbindet sich dieses Aushorchen des Details mit der großformalen Disposition?
REUDENBACH: Nehmen wir die angesprochene Fünftonfigur zu Beginn von fast dasselbe: Einerseits durchläuft sie kleinteilig und in serieller Strenge alle möglichen Varianten. Es bleibt aber offen, wie oft und wann welche Variante wiederholt wird. Und andererseits werden signifikante Eigenschaften dieser Figur ins Große projiziert, wirken beispielsweise umfassend auf Akkordfolgen, Formabläufe usw. ein. Die Summe dieser vielen Arbeitsschritte besteht aus einer Mischung von systematischen Ordnungen und Entscheidungen, die diese Ordnungen ignorieren.
MICHELINI: Wenn ein Werk schließlich vollendet ist, die Partitur auf dem Pult des Dirigenten liegt und die Uraufführung bevorsteht – mit welchem Gefühl übergeben Sie das Stück an das Orchester?
REUDENBACH: In spannungsvoller Erwartung und mit kritischer Zurückhaltung. Letztere liegt daran, dass ich bei der Abgabe der noch druckfrischen Partitur nicht über eine notwendige Distanz zu dieser Arbeit verfüge – die stellt sich meist erst nach Wochen ein.
MICHELINI: Das Konzert der musica viva wird live im Herkulessaal der Münchner Residenz gespielt und zugleich im Radio auf BR Klassik übertragen. Welchen Raum hatten Sie beim Komponieren vor Augen?
REUDENBACH: Ich bin beim Komponieren weniger an einem konkreten Ort, sondern meist in einem abstrakten Fantasieraum mit einem idealisierten Zuhörerplatz. Aber selbst wenn ich ganz spezifisch für den Herkulessaal komponiert hätte – was würde das für die Zuhörer am Radio bedeuten? Dazu hat sich der Mathematiker Bertrand Russell einmal sinngemäß geäußert: Es gibt im Raum exakt nur einen einzigen Ort, von dem aus man einen quadratischen Tisch tatsächlich als perfektes Quadrat wahrnimmt. Sobald man nur wenige Zentimeter zur Seite tritt, wird das Quadrat perspektivisch zum Trapez. So auch im Konzertsaal: Jeder Platz bietet eine ganz eigene, ausschließliche Perspektive auf den Klang. Frei nach Russell bedeutet das, dass Musik immer so gehört wird, wie sie erscheint und nicht so, wie sie vielleicht für mich als Komponist »wirklich« ist.
Das Interview von Giovanni Michelini ist ein Originalbeitrag für die musica viva des Bayerischen Rundfunks