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Pierer-1888: Sachsen-Coburg-Gotha

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
Autor:Joseph KĂŒrschner
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Titel:Sachsen-Coburg-Gotha
Untertitel:
aus:Pierer’s Universal-Lexikon 7. Auflage 1888–1893, Bd. 11, 1892, Sp. 110–113
Herausgeber:W. Spemann.
Auflage:11
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum:1892
Verlag:Union Deutsche Verlagsanstalt
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Erscheinungsort:Berlin und Stuttgart
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle:Commons
Kurzbeschreibung:
Siehe Gotha
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[110] 110 Sachsen-Coburg-Gotha (S.-Coburg u. Gotha), zwei unter demselben Herrscher stehende deutsche HerzogtĂŒmer (zusammen 1956,5 qkm mit 1/12 1890: 206.513 Ew., davon 99.746 mĂ€nnl., 106.767 weibl. u. 202.444 Protestanten, 2909 kathol., 577 sonstige Christen, 549 Israel., 10 unbestimmt u. 24 ohne Bekenntnis), welche rĂ€umlich ganz voneinander geschieden u. auch in Verfassung u. fast ganz gesondert sind. S.-Gotha liegt auf der NOSeite des ThĂŒringer Waldes, reicht aber bis zu dessen höchsten Bergen hinan. S.-Coburg breitet sich hingegen sĂŒdl. derselben aus u. zeigt schon stark sĂŒddeutsches GeprĂ€ge. (Vgl. hierzu die Karte „ThĂŒringische Staaten“.) In beiden HerzogtĂŒmer 1889: 6995 Geburten, 4442 TodesfĂ€lle, 1690 Eheschließungen, 176 Seelen wanderten aus.

      Das Herzogtum Sachsen-Coburg liegt zwischen dem Königreich Bayern u. S.-Meiningen; mehrere Enklaven liegen im SĂŒden (Königsberg i. Fr., Nassach). Es hat 562,3 qkm u. (90):59.287 Ew., davon 28243 mĂ€nnl. u. 31.044 weibl. Die Bewohner sind frĂ€nk. Stammes, fast durchweg evangel.; die Mundart ist die hennebergische. S.-Coburg liegt im sĂŒdl. Vorland des ThĂŒringer Waldes u. reicht bis zur FrĂ€nk. Platte; der Festungsberg bei Coburg ist 465 m hoch. Coburg gehört zum Maingebiet: die Itz ist der Hauptzufluß des Mains innerhalb des Herzogtums. Die mittlere Jahrestemperatur ist in Coburg 7,9° C. Jagd und Fischerei sind umfangreich; kĂŒnstliche Fischzucht in Mönchröden; hier auch großer Saupark. Landwirtschaft bildet den Haupterwerb. Bedeutender Obst- u. Hopfenbau. In den Forsten ĂŒberwiegt Nadelwald. Viehstand (83): 1163 Pferde, 24.335 Rinder, 12.265 Schafe, 12.761 Schafe, 6222. Lebhafter Handel bes. mit Bier u. Korbwaren. Werrabahn u. Bahnlinie Coburg–Sonneberg–Lauscha. Sachsen-Coburg und Sachsen-Coburg zusammen haben (Ende 1888.89) 174,8 km Eisenbahnen. [111] 111 Bildungsanstalten: Gymnasium, Realschule, Lehrerseminar, Anstalt fĂŒr Bauhandwerker, gegen 80 Volksschulen. LandesuniversitĂ€t ist Jena.

      Das Herzogtum Sachsen-Gotha liegt zwischen der preuß. Prov. Sachsen, S.-Weimar-Eisenach, S.-Meiningen u.-Schwarzburg-Sondershausen; zu dem Hauptgebiet gehören mehrere Enklaven (die sind Bolkenroda im N. Nazza im NW.). Es hat 1394 qkm mit (90): 147.226 Ew., davon 71.503 mĂ€nnl. u. 75.723 weibl. Die Bewohner sind thĂŒring. Stammes, fast durchweg evangel. Der Anteil am ThĂŒringer Wald umfaßt etwa 550 qkm. Zu ihm gehören die höchsten Erhebungen desselben: der Beerberg (983 m), Schneekopf (976 m) u. der Inselberg (915 m) Das ĂŒbrige Gebiet gehört zum ThĂŒringer HĂŒgelland (Seeberg bei Gotha 410, Wachsenburg 415 m). Zur Werra fließen die Hörsel, die Hasel mit Schwarza u. Lichtenau u. die Schmalkalde auf der SWSeite des ThĂŒringer Waldes. Zur Saale fließen die Unstrut u. ihr Zufluß, die Gera mit Apfelstedt u. Wipfra. Klima: Gotha hat 7,6° C Jahrestemperatur, das Inselsberghaus nur 4° C. Die Jagd ist ergiebig, bes. viel Hochwild in den herzogl. DomĂ€nenwaldungen. Viehzucht 1883: 7024 Pferde, 33.861 Rinder, 60.984 Schafe, 38.798 Schweine, 20.793 Ziegen. Acker-, Garten- und Obstbau sind betrĂ€chtlich. Die Forstwirtschaft steht auf hoher Stufe. Bergbau wird auf Braunstein betrieben (um Elgersburg): die Eisengewinnung ist sehr zurĂŒckgegangen. Bei Busleben ist die Saline Ernsthall. Industrie: Eisen- und Stahlindustrie (Gewehre in Zella-Mehlis, NĂ€hnadeln in Ichtershausen, Maschinen in Gotha), Pechsiedereien u. KienrußhĂŒtten (bei Ohrdruf), MĂŒhlsteine (Crawinkel), Spiel- und Marmorwaren (Waltershausen), Pfeifen (Ruhla), Wurstfabrikation (Gothaer Wurst), Bierbrauerei. Handel: Ausfuhr bes. v. Fleischwaren, bedeutende Bankinstitute in Gotha. Den Verkehr vermittelt zumeist die ThĂŒringer Eisenbahn u. zahlreiche von ihr abgehende Nebenbahnen. Bildungsanstalten: 1 Gymnasium mit Realgymnasium, 1 Handelsschule, 1 höhere BĂŒrgerschule, 1 Progymnasium mit Realschule (Ohrdruf), 1 Lehrerseminar, 5 Gewerbe- u. Fortbildungsschulen, 176 Volksschulen. Große Sammlungen fĂŒr Kunst u. Wissenschaft auf Schloß Friedenstein, im Museum zu Gotha; hierselbst auch eine Sternwarte. Julius Perthes’ kartographische Anstalt in Gotha hat Weltruf.

      Verfassung u. Verwaltung. Das Herzogtum S.-Coburg-Gotha hat im Bundesrat des Deutschen Reiches 1 Stimme u. entsendet zum deutschen Reichstag 2 Abgeordnete. Bis 1852 waren beide HerzogtĂŒmer nur durch Personalunion verbunden, in ihrer Verfassung waren sie völlig getrennt. Durch das Staatsgrundgesetz vom 3/5 1852 wurden sie in realer Union vereinigt. Seit 29/1 1814 regiert Ernst II., geb. 21/6 1818. Da er kinderlos ist, hat nach seinem Tode der zweite Sohn des Bruders, des Prinzen Albert, Gemahls der Königin Victoria v. England, der Herzog v. Edinburgh die nĂ€chste Anwartschaft. Das Hausgesetz datiert vom 1/3 1855; es bestimmt fĂŒr die VolljĂ€hrigkeit das 21. Jahr. Die Staatsverwaltung hat das gemeinsame Staatsministerium; es zerfĂ€llt in 2 Abteilungen, eine fĂŒr Coburg, eine fĂŒr Gotha. Unter dem Mnisterium stehen fĂŒr die innere Verwaltung die LandratsĂ€mter (in Coburg 1, in Gotha 3); die Magistrate der StĂ€dte stehen direkt unter dem Ministerium. Die Volksvertretung bildet der Landtag fĂŒr Coburg mit 11, fĂŒr Gotha mit 19 Abgeordneten; diese 30 Mitglieder bilden zusammen den gemeinschaftlichen Landtag der vereinigten HerzogtĂŒmer. Sie werden auf vier Jahre gewĂ€hlt. Jeder 25 Jahre alte, direkte Steuern zahlende StaatsbĂŒrger hat das Wahlrecht, jeder 30-jĂ€hrige Wahlberechtigte ist wĂ€hlbar. Gemeinsame Angelegenheiten sind: das VerhĂ€ltnis zum Herzog, mit Ausschluß der BezĂŒge des Herzogs u. seines Hauses aus den Staats- und DomĂ€nemitteln, die Beziehungen zum Deutschen Reich u. zum Ausland, das Justizwesen, die Strafanstalten, die Verwaltung der an das Reich abzufĂŒhrenden indirekten Steuern. [112] 112 S.-Coburg-Gotha gehört zum Oberlandesgerichtsbezirk Jena; Gotha bildet 1 Landgericht mit 8 Amtsgerichten; Coburg mit 5 Amtsgerichten gehört zum Landgericht Meiningen.

      Finanzen: Durch Vertrag vom 1/6 1855 ist der grĂ¶ĂŸte Teil der DomĂ€nen als unverĂ€ußerliches Hausgut v. dem Rest als Staatsgut getrennt. Der Etat der DomĂ€nenkasse in S.-Gotha (Periode 1889–93): 2.032.693 Mk. Jahreseinnahmen u. 1.191.680 Mk. Jahresausgaben; Üeberschuß 841.013 Mk., davon soll die Staatskasse 320.758 Mk., die herzogl. Kasse 520.255 Mk. erhalten. DomĂ€nenkassenetat in S.-Coburg (Periode 1891–97): 420.500 Mk. Jahreseinnahmen, 236.500 Jahresausgaben; Ueberschuß 184.000 Mk., davon sollen Staatskasse u. herzogl. Kasse je 92.000 Mk. erhalten. Der gemeinschaftliche Etat der HerzogtĂŒmer Coburg u. Gotha fĂŒr die Finanzperiode 1889–93 bezifferte die Einnahmen auf 1.647.800, die Ausgaben auf 2.074.408 Mk; Einnahmen u. Ausgaben beliefen sich im Etat des Herzogtums Coburg auf 707.500 Mrk., in dem des Herzogtums Gotha auf 1.704.181 Mk. in S.-Coburg betrugen 1/7 1890 die Passiva 3.318.101 Mk., die Aktive 1.425.803 Mk.; mithin belief sich der Ueberschuß der Passiva auf 1.892.298 Mk.; in S.-Gotha betrugen 1/7 1891 die Passiva 140.198 Mk., die Aktiva 2.925.404 Mk., mithin Ueberschuß der Aktiva v. 2.785.206 Mk.

      Die Truppenkontingente bilden nach der MilitĂ€rkonvention mit Preußen vom 15/9 1873 mit S.-Meiningen das 6. ThĂŒring. Inf.-Rgt. Nr. 95 (1. Bat. in Gotha, 2. Bat in Hildburghausen, 3. Bat. in Coburg); es gehört zur 22. Division des 11. preuß. Armeekorps (Cassel).

      Landesfarbe u. Feldzeichen: Weiß u. GrĂŒn.

      Orden u. Ehrenzeichen. Der Ernestinische Hausorden (s.d.): Verdienstmedaille u. Verdienstkreuz fĂŒr Kunst u. Wissenschaft, gestiftet 1835; Lebensrettungs-Medaille, gestiftet 1/5 1883, Herzog-Ernst-Medaille, gestiftet 17/2 1888. Wappen. Das allgemeine sĂ€chsische: 5 schwarze Balken im goldenen Feld mit darĂŒbergelegtem grĂŒnen Rautenkranz (s. „Wappentafel“).

      Haupt- u. ResidenzstĂ€dte sind Coburg u. Gotha; herzogl. Schlösser befinden sich außer in letzteren zu Kallenberg, Rosenau und Reinhardsbrunn.

     Litteratur: Gruner, Histor.-Statist. Beschreibung des FĂŒrstentums Coburg-Saalfeld. Anteils (Cob. 1793–1809, 5 Bde.); Schulze, Heimatskunde fĂŒr die Bewohner des Herzogtums Gotha (Gotha 1845–51); Landeskunde des Herzogtums Gotha (ebd. 1884); Mitteilungen des herzogl. Statist. Bureaus zu Gotha; Gaz, die Hausindustrie in ThĂŒringen: III. Die Korbflechterei in Oberfranken u. Coburg (Jena 1888); Bau- und KunstmĂ€ler ThĂŒringens, Heft 8, 10 u, 11 (ebd. 1891, wird fortgesetzt)

      Geschichte: Die Herrschaft Coburg ging im 13. Jahrh. v. den Grafen v Wildberg an die Grafen von Henneberg ĂŒber, war 1245–91 Besitz einer Nebenlinie des zuletzt genannten Geschlechts, kam 1291 als „Pflege Coburg“ an Brandenburg, 1308 an Henneberg zurĂŒck, 1353 zum Theil an Meißen, zum Teil an WĂŒrttemberg. Der wĂŒrttemberg. Anteil gelangte schon 1354 an WĂŒrzburg. Das „sĂ€chs. Land in Franken“, wie Meißens Anteil genannt wurde, umfaßte Coburg, Sonneberg, Neuhaus, Neustadt, Rodach, Schallau u. Strauf, fiel 1485 der Ernestinischen Linie des Hauses Wettin zu, war 1541–53 Herrschaft des Herzogs Johann Ernst, Stiefbruders des KurfĂŒrsten Johann Friedrich, u. kam 1553 an Johann Friedrich zurĂŒck. 1572–1633 regierte zu Coburg Johann Kasimir, Ă€lterer Sohn Johann Friedrichs des Mittleren, worauf 1633–1638 Johann Ernst v. Eisenach, Bruder Johann Kasimirs, die Herrschaft erbte, welche 1641 an die Ă€ltere Altenburglinie, 1672 an Ernst den Frommen v. Gotha, 1650 an Albrecht; dem Sohne Ernsts, kam; doch starb diese Linie S.-Coburg schon 1699 mit ihrem Stifter aus. Dann wurde Coburg mit Saalfeld vereinigt (S.-Coburg-Saalfeld), aber Gotha behielt die Landeshoheit in Saalfeld. Auf Johann Ernst (gest. 1729), den siebenten Sohn Ernsts des Frommen, folgt die gemeinschaftliche Regierung [113] 113(1729–1745) der beiden Söhne Johann Ernsts, Christian Ernst (gest. 1745) u. Franz Josias. Letzterer 1745–64 Alleinherr, fĂŒhrte 1746 fĂŒr Coburg die Primogenitur ein. Unter Ernst Friedrich (1764–1800), dem Sohne des Franz Josias u. Franz (1800 bis 1806), dem Sohne Ernst Friedrichs, stieg die Schuldenlast des Landes bedeutend, doch wurde 1805 Saalfeld vom Nexus Gothanus befreit u. Römhild gegen Themar an Gotha abgetreten. Ernst I. (1803 bis 1844), Sohn von Franz, mußte dem Rheinbund beitreten, schloß sich aber November 1813 an die VerbĂŒndeten an u. erhielt 1815 das FĂŒrstentum Lichtenberg jenseits des Rheins, verkaufte indessen die Erwerbung 1834 an Preußen. Durch den Teilungsvertrag vom 12/11 1826 trat Ernst I. Saalfeld und Themar an Meiningen ab, erhielt aber dafĂŒr S.-Gotha unter sich nun Herzog zu S.-Coburg und Gotha. Gotha hatte 1821 eine liberale Verfassung erhalten, Gotha behielt seine eigene. Herzog Ernst II. (seit 1844), ein aufrichtig liberaler u. deutschgesinnter FĂŒrst, befehligte 1849 die ThĂŒring. Truppen in Schleswig-Holstein u. verwandelte durch das Staatsgrundgesetz vom 3/5 1852 die Personalunion mit Gotha in eine reale. Minister von Seebach (1851–88 im Amte) verwaltete das Land auch in der Zeit der Reaktion durchaus freisinnig. 1862 wurde mit Preußen eine MilitĂ€rkonvention geschlossen; 1866 nahmen die Coburg. Truppen auf preuß. Seite am Treffen bei Langensalza u. am Feldzug der Mainarmee teil, wofĂŒr Herzog Ernst ausgedehnte Forsten im Schmalkaldischen v. Preußen erhielt. 18/8 1866 erklĂ€rte S.-Coburg u. Gotha seinen Beitritt zum Norddeutschen Bunde u. ist seit 1/1 1871 Glied des Deutschen Reiches.

      Litteratur: Schultes, Coburgische Landesgeschichte im Mittelalter (Hildburgh. 1814); Derselbe, S.-Coburg-Saalfeldische Landesgeschichte v. 1425 bis auf die neueste Zeit (Coburg 1818–1821, 2 Bde.) Fleischmann, Zur Geschichte des Herzogtums S.-Coburg (Hildburgh. 1880–81, 2 Hefte).