Zeitfenster
Zeitfenster (Zeitkorridor, englisch time frame) ist im Zeitmanagement ein fĂŒr die Erledigung einer bestimmten Aufgabe oder die Vornahme einer bestimmten Handlung zur VerfĂŒgung stehender Zeitraum.
Allgemeines
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Kompositum Zeitfenster setzt sich aus der Zeit als Abfolge von Ereignissen und dem Fenster als Begrenzung der Aussicht zusammen. FrĂŒher âbetratâ man in der deutschen Sprache einen Zeitraum oder legte einen Zeitrahmen fest, heute âöffnetâ man ein Zeitfenster.[1] Der Begriff des Zeitfensters stammt aus der angelsĂ€chsischen Fachliteratur, wo ökonomische Zeitfenster (englisch strategic windows) oder optimale Zeitfenster (englisch windows of opportunity) als Zeitfenster des Handelns seit 1978 diskutiert werden.[2] Der Autor wies auf die limitierten ZeitrĂ€ume hin, die Unternehmen bei Marktentwicklungen nutzen mĂŒssen, wenn sich Marktpotenziale öffnen und schlieĂen. Nachfolgend wurde der Begriff auf alle zeitkritischen Situationen ausgedehnt. Bereits 1972 sprach Eric Heinz Lenneberg von der âkritischen Periodeâ; wer mit 14 Jahren nicht sprechen gelernt habe, wĂŒrde es nie mehr (vollstĂ€ndig) erlernen, meinte er.[3]
Zeitfenster ist als Neologismus aufzufassen, der eine erweiterte Bedeutung vom Wort Fenster zur Grundlage hat. Daneben kommt als Variante heute zudem der Zeitkorridor vor; auch er bezeichnet einen speziellen, fĂŒr einen besonderen Zweck bestimmten Zeitraum.[4]
Organisation
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ăberall dort, wo AuftrĂ€ge, Bestellungen, Ereignisse, Fristen, Stichtage, Termine und Terminplanung eine Rolle spielen, tauchen Zeitfenster auf. Das ist im Beruf und in der PrivatsphĂ€re der Fall. Die gröbsten Zeitfenster sind der Lebenszyklus, Produktlebenszyklus oder die Aufteilung des Alltags in Arbeitszeit und Freizeit. Bei letzteren sollte es das persönliche Ziel sein, weder in der Arbeitszeit private Aufgaben zu erledigen (PrivatgeprĂ€che, Nutzung von dienstlichen Arbeitsmitteln fĂŒr private Zwecke) noch in der Freizeit dienstliche Aufgaben wahrzunehmen.
Zeitfenster im Beruf gibt es insbesondere bei der Wahrnehmung von Fristen (Ausschlussfristen) oder Terminen jeder Art, die durch TerminplĂ€ne zu koordinieren sind. Weiteres Arbeitsmittel bei komplexen Projekten ist die Netzplantechnik, die eine temporale und finale VerknĂŒpfung von Aktionen vornimmt. Der Beginn eines Zeitfensters ist die Kenntnisnahme von kĂŒnftigen Fristen oder Terminen, Ende des Zeitfensters ist ein bestimmter Kalendertag oder sogar eine bestimmte Uhrzeit, die wegen PĂŒnktlichkeit, Termintreue oder zur Vermeidung von Rechtsfolgen einzuhalten sind. Beginn und/oder Ende eines Zeitfensters können jedoch auch zeitlich unbestimmt sein. So war in der Politik das Zeitfenster zur Wiedervereinigung sehr eng, denn es bestand die BefĂŒrchtung, dass Michail Gorbatschow einem Attentat zum Opfer fallen oder gestĂŒrzt werden könnte und seine Nachfolger nicht mehr zur Wiedervereinigung bereit gewesen wĂ€ren.[5] Der tatsĂ€chlich erfolgte Putsch am 19. August 1991 in Moskau beendete die politische Karriere Gorbatschows und das Zeitfenster.
Zeitfenster in der Wirtschaft
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Eine durch ArbeitskrĂ€fte zu erledigende Arbeitsaufgabe besitzt als Beginn des Zeitfensters die Weisung des Vorgesetzten an seine Mitarbeiter zur Erledigung einer bestimmten Aufgabe, mit der meist die Zielvorgabe eines Erledigungstermins verbunden ist. Die Aufteilung des fĂŒr die Aufgabe verfĂŒgbaren Zeitbudgets in sinnvolle Zeitfenster fĂŒr einzelne ArbeitsablĂ€ufe und Ablauffolgen hilft bei der zeitgerechten Erledigung.
In der zeitkritischen FlieĂbandfertigung beispielsweise bewegt sich eine FertigungsstraĂe mit einer voreingestellten Geschwindigkeit, die die ArbeitsintensitĂ€t an jeder einzelnen Station (Arbeitsplatz) vorgibt. Hier betrĂ€gt das Zeitfenster weniger als 10 Minuten bis hin zu Ein-Minuten-Takten,[6] beginnt mit dem Auftauchen des WerkstĂŒcks an der Station und endet, wenn es die Station verlĂ€sst. Vergleichbar knapp bemessen sind die Zeitfenster bei Akkordarbeit und bestehen darin, dass Arbeiter innerhalb einer Taktzeit von wenigen Minuten ein Produkt bearbeiten mĂŒssen.
Die Just-in-time-Produktion erfordert eine zeitpunktgenaue Lieferung der VorleistungsgĂŒter, wobei ein bestimmtes Zeitfenster definiert wird, das einzuhalten ist, um Betriebsstörungen zu vermeiden.[7] Im Handel ist es ĂŒblich, dass die Logistikunternehmen in Zeitfenstermanagementsystemen fĂŒr ihre Lieferungen Zeitfenster buchen mĂŒssen, innerhalb derer sie ihre Ware abliefern können.[8] Kommen Logistikdienstleister zu spĂ€t an die Laderampe, verfĂ€llt hĂ€ufig ihr gebuchtes Zeitfenster.
Zeitfenster spielen auch bei Projekten eine groĂe Rolle, weil meistens jedes Teilprojekt von anderen vollendeten Teilprojekten abhĂ€ngig ist. Durch die Festlegung der Zeitfenster kann erst eine Vorhersage fĂŒr die Fertigstellung eines Projekts stattfinden. Bei Zeitfenstern wird daher immer ein Zeitpuffer eingerechnet (derjenige Zeitraum, der tatsĂ€chlich notwendig ist plus der Zeitraum, der als Sicherheitsreserve fungiert). Wird ein Zeitfenster ĂŒberschritten, kann es zu Verzögerungen im Nachlauf kommen. In bestimmten Bereichen, beispielsweise in der Technik, ist gar zudem ein Systemabsturz, ein UnglĂŒck oder der Eintritt von Chaosreaktionen im Sinne der Chaostheorie möglich.
Bei Start und Landung mĂŒssen FlugkapitĂ€ne bestimmte Zeitfenster einhalten, sonst geraten sie in Slots beim Start oder Warteschleifen bei der Landung. Da die KapazitĂ€t mancher FlughĂ€fen wegen starker Nachfrage ausgeschöpft ist, erhalten die Fluggesellschaften enge Zeitfenster, wĂ€hrend der sie den Flughafen zum Starten oder Landen eines Flugzeugs nutzen können.[9] Raumsonden können aus energetischen GrĂŒnden (begrenzte Leistung der TrĂ€gerrakete) nur innerhalb eines bestimmten Zeitraums, dem Startfenster, zu ihrer Mission gestartet werden.
Zeitkorridor fĂŒr die Saisonarbeit ist die vom Wetter abhĂ€ngige Erntezeit. Wird der vorhandene Zeitkorridor durch FehleinschĂ€tzung versĂ€umt, kann es zur Missernte kommen. Horst Albach beschrieb 2001 die Zeitfenster, die der Treuhandanstalt verblieben, um marode DDR-Unternehmen vor der Liquidation zu bewahren.[10]
Zeitfenster in der Freizeit
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Privatleben kann eine gĂŒnstige Wetterlage das Zeitfenster fĂŒr sportliche AktivitĂ€ten bilden (Wintersport), bei einer Expedition die Durchquerung eines gefĂ€hrlichen Gebietes ermöglichen oder im FrĂŒhjahr die Gartenarbeit zulassen. Auf dem Arbeitsweg steht Pendlern ein bestimmtes Zeitfenster zur VerfĂŒgung, um der Hauptverkehrszeit und damit dem Verkehrsstau auszuweichen. Die fruchtbaren Tage innerhalb des Zyklus einer Frau sind ein Zeitfenster, um schwanger werden zu können.
Zeitfenster im Sport
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Sport (besonders im Rundstrecken-Motorsport) bezeichnet das Zeitfenster die Zeitdifferenz innerhalb einer Runde. Der Abstand zwischen zwei Fahrzeugen ist wĂ€hrend eines Umlaufs nicht statisch, sondern schwankt je nach Situation wie dem Anbremsen vor einer Kurve, wĂ€hrend der Verfolger noch unter Volllast fĂ€hrt, â oder umgekehrt beim Herausbeschleunigen. Auf Ovalkursen wie zum Beispiel dem Indianapolis Motor Speedway ist das Zeitfenster relativ konstant (von Vorteilen durch Windschattenfahren abgesehen), bei kurvenreichen Strecken, wie zum Beispiel dem Circuit de Monaco ist das Zeitfenster weiter (auch bedingt durch Zeitverzögerungen beim Ăberrunden etc.) So kann das Zeitfenster in einer Runde bei wenigen zehntel Sekunden, aber auch bei ĂŒber 1,5 und mehr Sekunden liegen. Beispiel: "Fahrer A lag in einem Fenster zwischen 4,8 und 6,1 Sekunden hinter Fahrer B". In der Formel 1 wird oft versucht durch einen gĂŒnstig gewĂ€hlten Boxenstopp das Zeitfenster zum Gegner zu verkĂŒrzen, und im gĂŒnstigsten Fall sogar an ihm vorbeizukommen, ohne ihn auf der Strecke ĂŒberholen zu mĂŒssen. Der Begriff fĂŒr dieses taktische Manöver lautet Undercut.
Zeitdruck
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Ereignis, bei dem die Pufferzeit grenzwertig wird, nennt man zeitkritisches Ereignis. Hierdurch entsteht sogenannter Zeitdruck (englisch time pressure). Die BemĂŒhungen fĂŒr die Erledigung dieses kritischen Pfades mĂŒssen somit forciert werden. Zeitdruck (Zeitnot) wird als der Eindruck verstanden, dass das gegebene Zeitfenster, um Aufgaben zu erledigen, Informationen zu bewerten oder Entscheidungen zu treffen, begrenzt ist.[11] Zeitdruck ist im Zeitmanagement eine Empfindung von Personen, dass die Arbeitszeit oder die Vorgabezeit nicht ausreicht, um Arbeitsaufgaben zu erfĂŒllen oder Probleme zu lösen.[12]
Zeitdruck entsteht auch, wenn eine erhöhte Dichte von Aufgaben, Ereignissen, Terminen oder endende Zeitfenster innerhalb eines Zeitraumes auftritt und zu Entscheidungsdruck fĂŒhrt,[13] bei dem nicht alle möglichen Handlungsalternativen geprĂŒft werden können. Dies erfordert erhöhten Synchronisierungsbedarf. Ferner gibt es Zeitdruck, wenn nacheinander stattfindende Termine zu knapp hintereinander angesetzt sind oder unerwartete VerspĂ€tungen (etwa durch Verkehrsstaus) die Terminplanung bedrohen. FĂŒr Entlastung kann die ALPEN-Methode sorgen, die ausreichende Pufferzeiten vorschlĂ€gt.
Der Zeitdruck bezieht sich auf das Arbeitstempo (bzw. Zeitfenster), in dem Mitarbeiter bestimmte Arbeitsaufgaben und Arbeitsvolumen in bestimmter ArbeitsqualitÀt erledigen sollen.[14] ArbeitsablÀufe oder ArbeitsvorgÀnge sind hÀufig durch Vorgabezeiten begrenzt, so dass ArbeitskrÀfte bei der Erledigung unter Zeitdruck geraten, wenn sie die Vorgabezeiten einhalten wollen.
Viele Kaufentscheidungen von Verbrauchern werden suboptimal unter Zeitdruck getroffen,[15] so der berĂŒhmte Kauf von Weihnachtsgeschenken am Heiligabend. Steht ein Anbieter unter Zeitdruck seine Ware zeitgerecht möglichst vollstĂ€ndig zu verkaufen, kann er unter dem Titel RestplĂ€tze oder Last-Minute-Angebot seinen Preis reduzieren.
Folgen eines stetigen Zeitdrucks können zunehmendes Arbeitsleid, Stress, auftretende oder sich hÀufende Fehler oder Fehlzeiten sein.
Zeitfenstermanagement
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bei Unternehmen sorgt das Zeitfenstermanagement fĂŒr eine optimale Zeiteinteilung. Kern ist die Synchronisation als Abstimmung von verschiedenen Aufgaben oder Ereignissen. Unternehmensziel ist hierbei insbesondere die Vermeidung eines Schuldnerverzug- oder Zahlungsverzugs oder sonstigen VerspĂ€tungen.
Wirtschaftliche Aspekte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Eine VerkĂŒrzung der Zeitfenster oder Taktzeiten fĂŒhrt in Unternehmen durch Steigerung der ArbeitsproduktivitĂ€t zur Kostensenkung und umgekehrt. Dies kann durch eine Erhöhung der Arbeitsleistung in einem bestehenden Zeitfenster mit Hilfe optimierter Arbeitsgestaltung geschehen.[16] FĂŒr die am FlieĂband beschĂ€ftigten Mitarbeiter bedeutet der Einbau von Pufferzonen die Möglichkeit, innerhalb eines gewissen Zeitfensters den individuellen Arbeitsrhythmus etwa in Form einer entsprechenden Arbeitspause variieren zu können und in der Arbeitskurve anzugleichen.[17]
SchlieĂt ein Zeitfenster, können Aufgaben nicht zu Ende gebracht, Chancen oder Möglichkeiten nicht mehr wahrgenommen werden, Risiken nicht mehr beseitigt werden. Bei ĂŒberschrittenen Fristen oder Terminen drohen Rechtsfolgen (Schuldnerverzug, Vertragsverletzung, Vertragsstrafe).
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Literatur ĂŒber Zeitfenster im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Bastian Sick, Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod: Noch mehr Neues aus dem Irrgarten der deutschen Sprache, Folge 3, Band 3, 2006, S. 114
- â Derek F Abell, Strategic Windows. In: Journal of Marketing (7), 1978, S. 21
- â Eric Heinz Lenneberg, Biologische Grundlagen der Sprache, 1972, S. 106 f.
- â Gesellschaft fĂŒr deutsche Sprache (Hrsg.), Der Sprachdienst, Band 48, Ausgaben 2â6, 2004, S. 107
- â Gerhard A. Ritter, Der Preis der deutschen Einheit, 2007, S. 64
- â Markus J. Heibler, Unternehmens- und Arbeitsstrukturen von Automobilkonzernen im Wandel, 2010, S. 394 f.
- â Armin Töpfer, Betriebswirtschaftslehre: Anwendungs- und prozessorientierte Grundlagen, 2005, S. 897
- â Christoph Tripp, Distributions- und Handelslogistik, 2019, S. 153
- â Axel Schulz/Susanne Baumann/Simone Wiedenmann, Flughafen-Management, 2010, S. 128
- â Horst Albach (Hrsg.)/Christiana Weber, ZfB-ErgĂ€nzungsheft 1/2001: Personalmanagement, 2001, S. 131 ff.
- â Rajneesh Suri/Kent B Monroe, The Effekts ofEm Time Constraints on Consumerâs Judgement of Prices and Products, in: Journal of Consumer Research 30 (1), 2003, S. 92.
- â Rolf Bronner, Zeitdruck, in: Fritz Neske/Markus Wiener (Hrsg.), Management-Lexikon, Band IV, 1985, S. 1677; ISBN 3-886400093.
- â Ole R Holsti, Limitations of cognitive abilities in the face of crisis, in: Carolyne F Smart/W T Stanbury (Hrsg.), Studies on Crisis Management, 1978, S. 41.
- â Dieter Zapf, Stress-orientated analysis of computerized office work, in: The European Work and Organizational Psychologist 3 (2), 1993, S. 85 ff.
- â Graeme A. Haynes, Testing the Boundaries of the Choice Overload Phenomenon, in: Psychology and Marketing 26 (3), 2009, S. 206.
- â Markus J. Heibler, Unternehmens- und Arbeitsstrukturen von Automobilkonzernen im Wandel, 2010, S. 288
- â Markus J. Heibler, Unternehmens- und Arbeitsstrukturen von Automobilkonzernen im Wandel, 2010, S. 308