Zum Inhalt springen

Tschusch

aus Wikipedia, der freien EnzyklopÀdie

Tschusch (weiblich Tschuschin, in Oberösterreich und Salzburg Tschutsch) ist im österreichischen Deutsch eine umgangssprachliche und abwertende Bezeichnung fĂŒr einen Angehörigen eines sĂŒdosteuropĂ€ischen oder orientalischen Volkes.[1] Manchmal wird der Begriff auch fĂŒr andere ethnische Gruppen verwendet.[2]

Über die Herkunft des Wortes gibt es mehrere Theorien:

Der Begriff Tschusch ist ein Merkmal der österreichischen Kultur beziehungsweise Alltagskultur und wurde in mehreren Werken thematisiert:

  • In der satirischen DoppelconfĂ©rence Travnicek im Urlaub von Carl Merz und Helmut Qualtinger (1958, gesprochen von Gerhard Bronner und Helmut Qualtinger) „raunzt“ der mĂŒrrische und zynische Wiener TrĂĄvníček ĂŒber seinen Jugoslawien-Urlaub, unter anderem weil er sich mit den dort lebenden „Tschuschen“ nicht habe unterhalten können. Auch im StĂŒck Travnicek und das neue Wien wird der Begriff erwĂ€hnt.[9]
  • Um der beginnenden Fremdenfeindlichkeit gegen Gastarbeiter in der Zeit der ersten Ölkrise entgegenzuwirken, wurden 1973 in Österreich – im Rahmen einer privaten Kampagne – Plakate affichiert, die einen Buben in der Lederhose zeigten, der zu einem offenkundig sĂŒdlĂ€ndischen Menschen aufblickt, mit folgendem Text:[10][11]
„I haaß Kolarić
du haaßt Kolarić
Warum sogns’ zu dir Tschusch?“
(Ich heiße Kolarić, du heißt Kolarić. Warum sagen sie zu dir Tschusch?)
Das Plakat thematisiert den Umstand, dass auch altösterreichisch assimilierte bzw. akkulturierte Österreicher slawischer Herkunft ihre kĂŒrzlich zugewanderten MitbĂŒrger abwertend als „Tschuschen“ bezeichnen. Diese Beobachtung wird aus dem Blickwinkel eines Kindes als widersprĂŒchlich dargestellt.
  • Rainhard Fendrich besingt 1983 in Alte Helden von der LP Auf und davon einen „klanen Bua“, der so wie sein Vater, der ihm von den vergangenen Zeiten vorschwĂ€rmt, werden will („Der Vater glĂ€nzt vor Stolz und erklĂ€rt, dass alles anders gwesen ist“). Der Junge wird grĂ¶ĂŸer und möchte ein Held, wie sein Vater, werden. „Seine Freunde denken ganz genau wie er. FĂŒr Heimatland und reines Blut fallns wie verrĂŒckt ĂŒber die Tschuschn her.“
  • Im Lied Drago der österreichischen Band S.T.S. taucht das Wort Tschusch auf: „Es brauchn nur drei Menschen zamman kumman und schon is aaner da Tschusch, da Jud oder da Neger.“ (Es mĂŒssen nur drei Menschen zusammenkommen und schon ist einer der Tschusch, der Jude oder der Neger.) Auch im Lied Das neue Vaterland findet das Wort Verwendung: „Er ist bereit zum Tschuschen jagen, bereit zum Leit daschlagen, bereit fĂŒrs neue Vaterland“. Es ist zu beachten, dass es sich bei beiden Liedern um Werke gegen Fremdenfeindlichkeit handelt.
  • Lukas Resetarits’ berĂŒhmter Sketch Tschusch-Tschusch erschien erstmals 1983 auf dem Album Werwolfromantik der Gruppe Drahdiwaberl. Er setzt sich satirisch mit Vorurteilen „echter Wiener“ gegenĂŒber jugoslawischen und tĂŒrkischen „Tschuschen“ auseinander.
  • Im Tiefbau sind viele Arbeitsmigranten beschĂ€ftigt und so singt Wolfgang Ambros im 1975 erschienenen Lied De Kinettn wo i schlof (Die KĂŒnette, in der ich schlafe): „De Tschuschen kumman und i muaß mi schleichn, sonst zagns mi an!“ (Die Tschuschen kommen und ich muss weggehen, weil sie mich sonst anzeigen.)
  • Unter der Regie von Diagonale07-Gewinner Jakob M. Erwa drehte der ORF ab August 2007 eine fĂŒnfteilige Miniserie namens tschuschen:power ĂŒber junge Wiener auslĂ€ndischer Abstammung.[12] Die Miniserie wurde zum Monatswechsel MĂ€rz/April 2009 ausgestrahlt, die Einschaltquoten waren jedoch fĂŒr den Sender enttĂ€uschend.[13]
  • Auch die ehemalige österreichische Hip-Hop-Band Schönheitsfehler verarbeitet das Thema Tschuschen im Lied Ich dran (vom Album Broj Jedan). Hier geht es um die Kinder der 2. und 3. Generation von Einwanderern in Österreich. Der Frontman Milo (Milan Ć imić) ist selbst kroatischer Abstammung. In diesem Lied findet sich unter anderem das Wort „Tschuschen“ aus der oben erwĂ€hnten Qualtinger-AuffĂŒhrung als Sample und Remix.
  • Die tĂŒrkisch-österreichische Hip-Hop-Band EsRap thematisiert das Wort in ihrem Lied Der Tschusch ist da[14]
  • Bereits in der Propaganda anlĂ€sslich der Volksabstimmung 1920 in KĂ€rnten wurden auf FlugblĂ€ttern die Serben, in bewusster Abgrenzung zu den ethnischen Slowenen in KĂ€rnten, als „Tschuschen“ bezeichnet.
  • Im Film Die Migrantigen sagt ein Kunde zum Leiter einer Werbeagentur nach der Ablehnung von dessen EntwĂŒrfen, er habe sich von ihm etwas „Tschuschenhafteres“ erwartet.
Wiktionary: Tschusch – BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. ↑ Österreichisches Wörterbuch39, 611.
  2. ↑ Tom Priestly: On the Etymology of the Ethnic Slur "Tschusch". In: Journal of Slavic Linguistics. Vol. 4, No. 1 (winter—spring 1996), Seite 109 (siehe erster Satz). Englisch.
  3. ↑ Robert Sedlaczek: „Tschusch!“ im Wandel der Zeit. Wiener Zeitung, 15. Februar 2006 (Zugriff am 25. November 2013).
  4. ↑ Wolfgang Rohrbach: Auf den Spuren der Serben Wiens (Memento vom 29. September 2007 im Internet Archive) (MS Word; 161 kB) Wiener GeschichtsblĂ€tter, Jg. 56, 2001, Heft 3, S. 186 f.
  5. ↑ Michael Reichmayr: Ardigata! Krucinal! Ein slowenisches Schimpfwörterbuch, basierend auf Arbeiten von Josef Matl (1897–1974) zum deutsch-slawischen Sprach- und Kulturkontakt. Wissenschaftliche Schriftenreihe des Pavelhauses, Band 1, 2003. ISBN 3-9501567-3-9, S. 202f.
  6. ↑ ČĀʟĆȘSH, in: Encyclopaedia of Islam2, II, 16.
  7. ↑ Narodni običaji, in: Enciklopedija Jugoslavije1, VI, 246.
  8. ↑ Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), III, 261.
  9. ↑ Carl Merz, Helmut Qualtinger: Travniceks gesammelte Werke. Preiser Records, Wien 1988.
  10. ↑ Plakat „I haaß Kolaric, du haaßt Kolaric, warum sogns zu dir Tschusch?“, 1973
  11. ↑ Ursula Hemetek (Hrsg.): Am Anfang war der Kolaric. Plakate gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Mandelbaum, MĂ€rz 2002. ISBN 3-85476-067-1
  12. ↑ ORF-Kundendienst: tschuschen:power – Dreharbeiten zur neuen ORF-Miniserie in Wien (Memento vom 16. Juli 2014 im Internet Archive)
  13. ↑ Bericht im Standard
  14. ↑ EsRAP: EsRAP - DER TSCHUSCH IST DA auf YouTube, 21. Januar 2016, abgerufen am 25. Februar 2024 (Laufzeit: 2:56 min).