Tantra



Tantra (sanskritisch तन्त्र, Neutrum, „Gewebe, Kontinuum, Zusammenhang“) oder Tantrismus bezeichnet verschiedene Strömungen innerhalb der indischen Philosophie und Religion. In fast allen tantrischen Schulen und Richtungen ist die Verehrung und Huldigung der weiblichen Gottheit zentral. Die Ursprünge des Tantra beginnen im 2. Jahrhundert, in voller Ausprägung liegen ihre Lehren frühestens ab dem 7./8. Jahrhundert vor. Tantra entstand als esoterische Form des Hinduismus und später auch innerhalb der nördlichen Mahayana-Tradition des Buddhismus. Im Buddhismus wird dieser tantrische Buddhismus (Vajrayana oder Tantrayana „Fahrzeug der Tantra-Texte“) heute häufig als eigene Schule betrachtet und ist vor allem in Tibet, Bhutan und der Mongolei verbreitet.
Im Westen ist als „Tantra“ vor allem Neo-Tantra bekannt, welcher einen starken Fokus auf Sexualität besitzt, obwohl diese im Tantra überhaupt nicht im Mittelpunkt steht.
Ursprünge und Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach Poller (2013) sind in den Tantras magische Vorstellungen der vielen auf dem indischen Subkontinent beheimateten Ethnien eingeflossen. Man kann deren Methoden in Indien gesichert bis in die vedische Zeit zurückverfolgen (ab etwa 1500 v. Chr.). Bei den magischen Praktiken ging es vor allem darum, sich das Leben zu erleichtern, vom Beeinflussen des Wetters (Wetterzauber) über die Hilfe beim Gebären bis hin zu Kriegs- und Schadenzauber. Tantras enthalten Anrufungen von einer großen Anzahl von Göttern und Geistwesen vermittels Mantras, Visualisationen, speziellen Bildern, Gegenständen, dem Gebrauch von Farben, Düften, Musik, komplizierten Opfergaben und ähnlichem mehr.[1] Auch die für die meisten tantrischen Schulen zentrale Verehrung einer Göttin, symbolisiert als Shakti, gab es bereits in altvedischer Zeit (1750–1200 v. Chr.).[2]
Eine wichtige Kategorisierung oder Einteilung lässt sich vornehmen, indem man zwischen buddhistischen und hinduistischen Tantras unterscheidet. Beide Strömungen traten zwischen 500 und 1000 n. Chr. nahezu gleichzeitig auf und beeinflussten sich zu jener Zeit gegenseitig: Nach ihrer zunehmenden Konsolidierung entwickelten sie sich unabhängig weiter.[3] Tantras wurden in der Zeit zwischen 300 und 800 n. Chr. entwickelt und weiterentwickelt, so dass einige Konzepte in der Zeit von 800 bis 1200 n. Chr. ihre Hochblütezeit erlebten, hiernach folgte ein langsamer Prozess allmählichen Schwindens.
Yoga und Tantra
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Texte der älteren Upanishaden, ca. 700 v. Chr., beschreiben Atemübungen und das Zurückziehen der Sinne (Pratyahara) in den Atman als Hilfsmittel der Meditation (Dhyana). Die mittleren Upanishaden, die um 400 v. Chr. entstanden, erwähnen mehrfach den Begriff Yoga und auch die wesentlichen Elemente des späteren Yoga-Systems. Der Yoga stand hierbei in enger Verbindung mit den Theorien, wie sie das philosophische System des Samkhya entwickelte, und bildete seine praktische Weiterführung.
Ursprünglich war Yoga ein rein spiritueller Weg, der vor allem die Suche nach Erleuchtung durch Meditation zum Ziel hatte. Die vielen Asanas entstanden erst im Laufe der Zeit. Ihr vorrangiges Ziel ist, den Körper so zu kräftigen und zu mobilisieren, dass er möglichst beschwerdefrei über einen längeren Zeitraum im Meditationssitz – z. B. Lotossitz – verweilen kann. Das Tantra weist als spiritueller Weg nicht nur große Ähnlichkeiten mit dem Yoga auf, es gibt auch eine Reihe von Überschneidungen, so dass man im Ergebnis von einem „tantrischen Yoga“ sprechen kann. Das klassische Yoga orientiert sich an einem asketischen Ideal, verzichtet werden soll auf alles was vom Weg ablenkt, etwa Genüsse, Bhukti (Sanskrit: भुक्ति bhukti) und im Speziellen auf Sexualität.
Tantra nutzt die wesentlichen Elemente des klassischen Yogas, nutzt aber im Gegensatz zu diesem die Leidenschaften und sinnlichen Bedürfnisse als integralen Bestandteil. Eigene Elemente des Tantras, wie sie sich im klassischen Yoga finden, kommen hinzu, etwa einfache oder komplexe Rituale, meditative Visualisierungen, Verwendung von Gegenständen mit symbolischer Bedeutung (Bilder, Statuen) und eben auch erotische Rituale (Mithuna-Rituale).[4][5]
Buddhistische Tantras
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das buddhistische Tantra konsolidierte sich in Indien durch Padmasambhava (8. bis 9. Jh. n. Chr.) und durch verschiedene Mahasiddhas und deren Lehren bzw. Auslegungen: Später gelangten die Vorstellungen nach Tibet, wo ihre Inhalte in Auseinandersetzung mit dem tibetischen Buddhismus zum Teil stark verändert wurden.[6]
Im buddhistischen Tantra soll durch Übungen eine außergewöhnliche Fertigkeit und Virtuosität erlangt werden um einen höheren Bewusstseinszustand zu erreichen. Letztendlich ist das Ziel einen Bewusstseinszustand zu erreichen, der weniger leidet und damit auch weniger Leiden (Dukkha) verursacht als der Zustand vor den Übungen. Dabei werden viele höhere Zustände beschrieben, einhergehend mit höheren Bewusstseinskräften (Siddhis), die sich als Ergebnis der Übungspraxis einstellen. Die im buddhistischen Tantra verwendeten Methoden wurden in Texten verschriftlicht, die häufig in ihrem Titel die Bezeichnung von tantrischen Gottheiten tragen. Sie alle galten als