Spitzel
Spitzel (ursprĂŒnglich wienerisch, Verkleinerungsform von Spitz, wörtlich âwachsamer kleiner Spitzâ)[1] ist eine meist negativ konnotierte Bezeichnung fĂŒr eine Person, die Spionage auf niederer gesellschaftlicher Ebene oder nicht in AusĂŒbung einer amtlichen Funktion ausfĂŒhrt und ermittelte Informationen an Auftraggeber oder Gleichgesinnte weitergibt. Die gezielte Suche nach Informationen unterscheidet einen Spitzel von einem Informanten (Informationslieferer) oder Whistleblower (Aufdecker).
Spitzel und andere Agenten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Als Spitzel werden gewöhnlich ZutrĂ€ger bezeichnet, die aus eigenem Antrieb oder auf Nachfrage, meist gegen eine Form von Belohnung, einem Nachrichtendienst, der Polizei oder einem privaten Ermittler Informationen ĂŒber solche Personen, Gruppen oder Organisationen liefern, zu denen der EmpfĂ€nger der Information selbst keinen Zugang hat.
Markus Mohr und Klaus Viehmann definieren die TĂ€tigkeit eines Spitzels:
âAuch wenn ein Spitzel denunziert, so ist er doch von der Figur des Denunzianten zu unterscheiden: Ein Spitzel nutzt nicht nur Gelegenheiten aus, er hat den Auftrag, sie aktiv herzustellen. Und so steht selbst der VerrĂ€ter noch ĂŒber ihm. Zwar verrĂ€t auch ein Spitzel, doch im Unterschied zum VerrĂ€ter hat er nie die Sache oder politischen Ziele und TrĂ€ume geteilt, fĂŒr die Menschen sich einsetzen [âŠ]. Ein Spitzel besitzt auch nicht den Hauch einer SouverĂ€nitĂ€t, wie sie vielleicht ein Agent oder Spion im Sold einer auslĂ€ndischen Staatsmacht beanspruchen kann.â
Spitzel unterscheiden sich von verdeckten Ermittlern. Diese dringen in der Regel als Angehörige einer staatlichen Dienststelle (etwa Polizei oder Zoll) in deren Auftrag mit falscher IdentitÀt in Gruppen oder Organisationen ein, die diese Dienststelle illegaler, meist strafbarer Handlungen verdÀchtigt, welche sie aus offenen Quellen nicht nachweisen kann.
Ebenso von Spitzeln zu unterscheiden sind V-Mann oder V-Frau (âVâ fĂŒr Vertrauen oder Verbindung: âVertrauenspersonâ), die in einer festen Beziehung zu einem Nachrichtendienst (meist einem staatlichen, aber auch dem einer politischen Organisation, etwa im 20. Jahrhundert der SA, SS, dem AM-Apparat der KPD) stehen und in dessen Auftrag und nach dessen Weisungen mit einiger RegelmĂ€Ăigkeit Nachrichten aus ihnen (oft dank Mitgliedschaft oder Sympathisantenstatus) zugĂ€nglichen Gruppen, Kreisen, Organisationen beschaffen.
In Deutschland sind V-Leute oft tĂ€tig fĂŒr den Verfassungsschutz oder die Polizei, verdeckte Ermittler fĂŒr die Polizei oder private ErmittlungsbĂŒros. Spitzel finden sich vom Rotlichtmilieu ĂŒber die Drogenszene und in anderen Milieus aus dem Umfeld der organisierten KriminalitĂ€t bis hin zu politischen Gruppen und Organisationen, die womöglich verfassungsfeindliche Ziele verfolgen, insbesondere aus dem rechtsextremen oder linksextremen Spektrum aber auch dort, wo sich sicherheitsgefĂ€hrdende Bestrebungen von AuslĂ€ndern andeuten.
FĂŒr die TĂ€tigkeit von Spitzeln gibt es nach der Natur der Sache keine Regeln und Vorschriften. Verdeckten Ermittlern und V-Personen staatlicher Dienststellen ist es grundsĂ€tzlich, wie jedermann, verboten, Straftaten zu begehen, auch wenn sie sich in Kreisen organisierter KriminalitĂ€t oder terroristischen Gruppen bewegen. FĂŒr den Einsatz von V-Leuten durch staatliche Dienststellen zur Beobachtung extremistischer Parteien hat das Bundesverfassungsgericht im ersten NPD-Verbotsverfahren BeschrĂ€nkungen festgelegt.
In der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) gab es ein weit verzweigtes Netz von Spitzeln, die zumeist fĂŒr das Ministerium fĂŒr Staatssicherheit (Stasi) als âInoffizielle Mitarbeiterâ (IM) in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen tĂ€tig waren (bis hinein in Familien), um Informationen ĂŒber tatsĂ€chliche oder auch potenzielle staatsfeindliche ĂuĂerungen oder AktivitĂ€ten zu sammeln und diese an das Ministerium weiterzuleiten. IM wurden zum Teil auch zu TĂ€tigkeiten in der Bundesrepublik Deutschland und im Ausland herangezogen, um verdeckt Informationen zu sammeln, die dem System der DDR nĂŒtzten.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Udo Grashoff: Gefahr von innen. Verrat im Kommunistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Wallstein Verlag, Göttingen 2021, ISBN 978-3-8353-3950-7.
- Klaus-Michael Mallmann: Die V-Leute der Gestapo: Umrisse einer kollektiven Biographie. In: Gerhard Paul, Klaus-Michael Mallmann: Die Gestapo: Mythos und RealitÀt. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1995, ISBN 3-534-12572-X.
- Wilhelm Mensing: Gestapo V-Leute kommunistischer Herkunft â auch ein Strukturproblem der KPD? In: Mitteilungsblatt des Instituts fĂŒr soziale Bewegungen. Band 34, 2005, S. 77Â ff.
- Wilhelm Mensing: Vertrauensleute kommunistischer Herkunft bei der Gestapo und den NS-Nachrichtendiensten. In: Jahrbuch fĂŒr historische Kommunismusforschung. 2004, S. 111Â ff.
- Wilhelm Mensing: BekĂ€mpft, gesucht, benutzt: Zur Geschichte der Gestapo-V-Leute und âGestapo-Agentenâ. In: Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat. Nr. 167, 2005, S. 111 ff.
- Markus Mohr, Klaus Viehmann (Hrsg.): Spitzel: Eine kleine Sozialgeschichte. Assoziation A, Berlin 2004, ISBN 3-935936-27-3.
- Hans Schafranek: V-Leute und âVerrĂ€terâ: Die Unterwanderung kommunistischer Widerstandsgruppen durch Konfidenten der Wiener Gestapo. In: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeitsbewegung. Nr. 3, 2000, S. 300â349.
- Hans Schafranek: Unternehmen âNordpolâ: Das âEnglandspielâ der deutschen militĂ€rischen Abwehr in den Niederlanden 1942â1944. In: Hans Schafranek, Johannes Tuchel (Hrsg.): Krieg im Ăther: Widerstand und Spionage im Zweiten Weltkrieg. Picus, Wien 2004, ISBN 3-85452-470-6, S. 247â291.
- Walter Otto Weyrauch: Gestapo V-Leute: Tatsachen und Theorie des Geheimdienstes. Untersuchungen zur Geheimen Staatspolizei wÀhrend der nationalsozialistischen Herrschaft. Fischer, Frankfurt/M. 1992, ISBN 3-596-11255-9.
- Alexander Sperk: V-Leute der Politischen Polizei zu Beginn des Nationalsozialismus. In: Mitteilungen des Vereins fĂŒr Anhaltische Landeskunde. Jahrgang 21, 2012, S. 163â182.
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Agent Provocateur (Lockspitzel)
- Lockvogel (Person)
- Maulwurf (Agent)
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Worteintrag: Spitzel, der. In: Duden online. Abgerufen am 13. Dezember 2020.
- â Markus Mohr, Klaus Viehmann (Hrsg.): Spitzel: Eine kleine Sozialgeschichte. Assoziation A, Berlin 2004, ISBN 3-935936-27-3, S. ??.