Rocket â88â
| Rocket â88â | |
|---|---|
| Jackie Brenston & his Delta Cats | |
| Veröffentlichung | April 1951 |
| Genre(s) | Soul |
| Autor(en) | Ike Turner, Jackie Brenston |
| Produktion | Sam Phillips |
| Label | Chess Records |
| Coverversion | |
| 1951 | Bill Haley |
Rocket â88â (alternativ: Rocket 88)[Anm. 1] ist ein Rhythm-and-Blues-Lied, das Ike Turner und seine Band Kings of Rhythm erstmals im MĂ€rz 1951 einspielten. Bei der Vermarktung wurde allerdings der Bandname Jackie Brenston and his Delta Cats genutzt. Das Lied beeinflusste in den folgenden Jahren wesentlich die Entwicklung des Rock ânâ Roll.[1] Viele Autoren halten Jackie Brenstons Version von Rocket â88â fĂŒr die erste oder zumindest eine der ersten Rock-ânâ-Roll-Aufnahmen.[2]
Entstehungsgeschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der in Clarksdale, Mississippi, geborene Musiker Ike Turner trat seit den ersten Nachkriegsjahren zusammen mit seiner Band Kings of Rhythm regelmĂ€Ăig in seiner Heimatstadt und in StĂ€dten des Mississippi Delta auf. Zur Band gehörte seit 1950 unter anderem der ebenfalls aus Clarksdale stammende Jackie Brenston, der in erster Linie das Tenorsaxophon spielte, nach dem Weggang des SĂ€ngers Johnny OâNeal aber wiederholt auch Gesangspartien ĂŒbernahm.[3] Anfang 1951 lud der Musikproduzent Sam Phillips nach Vermittlung von B.B. King[4] den damals erst 19-jĂ€hrigen Ike Turner und die Kings of Rhythm zu einer Aufnahmesession nach Memphis, Tennessee ein. Die Aufnahmen fanden in den Studios des Memphis Recording Service statt, ein im Sommer 1950 gegrĂŒndeter VorlĂ€ufer der Sun Studios. Eine Bedingung war, dass die Band ein eigenes StĂŒck einspielte. Brenston, der etwas Ă€lter als der Bandleader war, schlug ein Lied mit den Themenkomplexen MĂ€dchen, Alkohol und Autos vor. Er verfasste den Text und gilt als Komponist, wĂ€hrend Turner ânurâ als Arrangeur gefĂŒhrt wird. Brenston griff unmittelbar auf den 1947 von Jimmy Liggins eingespielten Cadillac Boogie zurĂŒck und ĂŒbernahm VersmaĂ und Textstruktur sowie GrundzĂŒge des Inhalts. Allerdings ersetzte er den Cadillac, einen Wagen eines US-amerikanischen Herstellers von Oberklasseautomobilen, durch den Oldsmobile 88, ein kurz zuvor neu vorgestelltes, sportliches Fahrzeug mit Achtzylindermotor, das in der Werbung den Beinamen âRocketâ (Rakete) erhalten hatte. Brenston bestĂ€tigte spĂ€ter ausdrĂŒcklich, er habe den Cadillac Boogie kopiert.[5]
Inhaltlich beschreibt das Lied zum einen das Auto und seine technischen Besonderheiten, zum anderen seine Wirkung auf MĂ€dchen und schlieĂlich eine gemeinsame Fahrt, die in einer Kneipe endet. Wenn Brenston ĂŒber Cruisinâ and Boozinâ along (etwa: herumfahren und sich betrinken) singt, gehen diese HandlungsstrĂ€nge âuntrennbar ineinander aufâ:[6]
Vee-eight Motor, and this modern design, black convertible top and the gals donât mind.
âV8-Motor und dieses moderne Design, schwarzes Cabriodach, und die MĂ€dchen stellen sich nicht so an.â
Ein weiteres, damals beliebtes Motiv war die Zahl 88, die typische Tastenzahl eines Klaviers. Bereits 1949 hatte Pete Johnson mit diesem Motiv die InstrumentalstĂŒcke Rocket 88 Boogie (Part 1 + 2) veröffentlicht.
Die Originalaufnahme
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Besetzung und Aufnahme
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Ike Turner und die Kings of Rhythm nahmen Rocket â88â am 3. oder am 5. MĂ€rz 1951[Anm. 2] in Sam Phillipsâ Studio in Memphis auf. Die Band war mit Brenston (Gesang), Turner (Klavier), Raymond Hill (Tenorsaxophon), Willie Kizart (Gitarre) und Willie Sims (Schlagzeug) besetzt.[6] Sam Phillips produzierte die Einspielung.
Zu den Besonderheiten dieser Aufnahme gehört einerseits Ike Turners Piano-Intro, das Little Richard einige Jahre spĂ€ter unverĂ€ndert fĂŒr Good Golly Miss Molly ĂŒbernahm,[2] und andererseits der verzerrte Klang der Gitarre.[2] Rocket â88â gilt als eine der ersten Platteneinspielungen mit Verzerrung.[7] Der Effekt war allerdings zufĂ€llig durch einen Schaden am GitarrenverstĂ€rker entstanden.[4] Je nach Quelle war der RöhrenverstĂ€rker der Band auf dem Weg nach Memphis vom Dach des Transportwagens gefallen,[8] im undichten Kofferraum durch eindringendes Regenwasser oder aber durch nachlĂ€ssiges Behandeln beim LeerrĂ€umen des Kofferraums wegen eines Reifenwechsels beschĂ€digt worden.[9] Der ungewöhnliche, neue Gitarrenklang wurde Vorbild fĂŒr die sogenannte âFuzz Guitarâ, einen Verzerrer-Effekt, der ĂŒblicherweise mit einem speziellen EffektgerĂ€t erzeugt wird, der Fuzzbox. SchlieĂlich erreichte das Saxophonspiel des damals 17-jĂ€hrigen Raymond Hill einen neuen, bislang unbekannten Grad an âRauheit und Wildheit.â[1]
Jedes Bandmitglied erhielt 20 US-$ fĂŒr die Aufnahme. Brenston verkaufte die Rechte an dem Lied fĂŒr 910 US-$ an Sam Phillips.[4]
Vier Monate nach Rocket â88â nahmen Brenston und die Delta Cats mit My Real Gone Rocket eine Folgeversion auf (Chess Nummer 1469), die musikalisch sehr Ă€hnlich war, aber nur geringen Erfolg hatte.
Erfolg
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Sam Phillips lizenzierte das 1950 gegrĂŒndete Chicagoer Schallplattenlabel Chess Records mit der Veröffentlichung des Liedes.[4] Rocket â88â erhielt bei Chess die Nummer 1458. Auf der B-Seite erschien Come Back Where You Belong. Chess brachte die Platte im April 1951 landesweit heraus. Sie wurde nicht Ike Turner, sondern Jackie Brenston zugeordnet, der auch als alleiniger Autor des Liedes gefĂŒhrt wurde. Die Kings of Rhythm erhielten fĂŒr diese Veröffentlichung den auf das Mississippi-Delta anspielenden Namen Delta Cats. Die Entscheidung fĂŒr diese Art der Vermarktung fiel bei Chess; eine Abstimmung mit Ike Turner hatte es nicht gegeben.[10]
Sam Phillipsâ Beziehungen zu verschiedenen Diskjockeys fĂŒhrten dazu, dass zahlreiche Radiostationen Rocket â88â immer wieder spielten. Unter ihnen waren auch Radiosender mit weiĂem Publikum. Nach Ansicht von Ike Turner war Rocket â88â eine der ersten Aufnahmen schwarzer Musiker, die Eingang in das Programm weiĂer Radiosender fanden.[11] Im Sommer 1951 erreichte die Aufnahme Platz eins der Rhythm & Blues Charts und blieb dort lĂ€nger als einen Monat. Rocket â88â war der erste Nummer-eins-Hit von Chess Records in diesem Segment.[12]
Der Erfolg der Aufnahme fĂŒhrte zum ZerwĂŒrfnis zwischen Turner und Brenston und lieĂ die Kings of Rhythm auseinanderbrechen.[12] Turner sah sich als ĂŒbervorteilt an, weil er weder als Autor des Liedes genannt wurde noch sein Name oder seine Band mit dem Titel in Verbindung gebracht wurde. Brenston wiederum wollte angesichts des Erfolgs zum neuen Frontmann der Kings of Rhythm werden, was Turner verweigerte. Brenston verlieĂ Turner und nahm, angeregt von Sam Phillips,[12] einzelne Mitglieder der Kings of Rhythm mit. Nachdem er einige erfolglose Aufnahmen fĂŒr Chess eingespielt hatte, kehrte er 1955 zu Turner zurĂŒck und nahm einen Platz als zweiter Saxophonist ein. 1961 trennte er sich, mittlerweile schwer alkoholkrank, endgĂŒltig von Turner.[6]
Bedeutung: Der erste Rock-ânâ-Roll-Song?
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Originalaufnahme von Rocket â88â wurde in den spĂ€ten 1960er-Jahren oftmals als erster Rock-ânâ-Roll-Song bezeichnet.[13] Es besteht die Vermutung, dass diese EinschĂ€tzung auf Sam Phillips zurĂŒckzufĂŒhren ist. In der aktuellen Literatur wird das differenzierter gesehen. Die meisten Autoren billigen dem Lied einen besonderen Einfluss auf die Entwicklung des Rock ânâ Roll zu, sehen in Rocket â88â aber nicht âdas erste Rock-ânâ-Roll-Lied.â Heute wird die Geschichte des Rock ânâ Roll zumeist als ein Prozess verstanden, der sich ĂŒber mehrere Monate oder Jahre hinweg weiterentwickelte. Rocket â88â sei ein weiterer Schritt in diesem Prozess gewesen.[2] Ike Turner sah in Rocket â88â rĂŒckblickend eine reine Rhythm-&-Blues-Nummer, die allerdings den Weg zum Rock ânâ Roll geebnet habe: Nach seiner Auffassung hĂ€tte es den Rock ânâ Roll ohne Rocket â88â nicht gegeben.[11]
Das Piano-Intro
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Musikalische Einordnung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Hinsichtlich der Struktur folgt Rocket â88â noch dem gewohnten Muster des Twelve-bar Blues mit jeweils zwölf Takten und einer weitgehend vorgegebenen Harmoniefolge. Mit 170 Beats per minute ist das Lied fĂŒr seine Zeit ungewöhnlich schnell, weshalb es mitunter als Up-tempo-Nummer eingestuft wird. Stilistisch orientiert es sich am Jump Blues und der zeitgenössischen Swing Combo Music. Ungewöhnlich und aus Sicht mancher Beobachter neuartig war das raue Spiel und der enthusiastische Gesangsstil in Verbindung mit der verzerrten Gitarre, dem prĂ€gnanten Klavierspiel und dem Saxophonsolo.
Einfluss des Liedes auf andere KĂŒnstler
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Eine Renaissance erlebte Rocket â88â im Jahr 1966 durch seine Aufnahme in die Kompilation Chicago/The Blues/Today!, einer Zusammenstellung von als bedeutsam erachteten Blues-Songs auf drei Langspielplatten, die von Kritikern und Musikern vielfach gelobt wurde. Der Interpret auf dieser Aufnahme ist das Jimmy Cotton Blues Quartet.
Zu Ehren des Songs gab sich die 1978 gegrĂŒndete Boogie-Band um Alexis Korner, Ian Stewart, Bob Hall und Charlie Watts den Namen Rocket 88. Eine 1980 gegrĂŒndete kalifornische Bluesband, deren Stil mitunter als âRock-a-Boogieâ bezeichnet wird, nannte sich Mitch Woods & His Rocket 88s.
Ein weiteres Revival erlebte das Lied 2003 durch die Aufnahme in die CD-Box Martin Scorsese Presents the Blues: A Musical Journey nebst Dokumentarfilm und Begleitbuch des US-amerikanischen Regisseurs Martin Scorsese.
Coverversionen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Laufe der Jahre entstand eine Reihe von Coverversionen von Rocket â88â:[14]
- Bill Haley and the Saddlemen (Juni 1951)
- Jimmy Cotton Blues Quartet (April 1966)
- Johnny Mars (1976)
- Nine Below Zero (1980)
- Downchild Blues Band (1981)
- Mitch Woods (1984)
- Andy J. Forest Band (1989)
- Warrior Soul (1991)
- Pepe Ahlqvist (1991)
- Buster Poindexter (1994)
- Nappy Brown & Kip Anderson (1996)
- The Alligators (1996)
- Bernard Allison (1997)
- Joey Welz (2001)
- Rob Stone & the C-Notes (2003)
- John Lindberg Trio (2006)
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Nick Tosches: Unsung Heroes of Rock ânâ Roll. Da Capo Press, New York 1999, ISBN 0-306-80891-9.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Liedtext
- Jackie Brenston & His Delta Cats feat. Ike Turner: Rocket â88â auf YouTube
- Bill Haley & His Comets: Rocket â88â auf YouTube
Anmerkungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Auf der Erstveröffentlichung der Aufnahme ist die Zahl 88 in AnfĂŒhrungszeichen gesetzt; bei spĂ€teren Veröffentlichungen fehlen die AnfĂŒhrungszeichen ĂŒblicherweise. Die Praxis in der Literatur ist uneinheitlich. Nick Toschesâ Standardwerk Unsung Heroes of Rock ânâ Roll (Da Capo Press, New York 1999, ISBN 0-306-80891-9, S. 139 ff.), verwendet im Kapitel zu Jackie Brenston regelmĂ€Ăig AnfĂŒhrungszeichen, Peter Guralnicks Biografie ĂŒber Sam Philipps (Peter Guralnick: Sam Phillips: The Man Who Invented Rock ânâ Roll. 2015, ISBN 978-0-297-60949-0) hingegen nicht.
- â Eine genaue Datierung ist mangels eindeutiger Unterlagen nicht mehr möglich.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 Robert Palmer in: Jim Miller (Hrsg.): The Rolling Stone History of Rock & Roll. MacMillan, 1981, ISBN 0-330-26568-7, S. 11.
- 1 2 3 4 David Cheal: The Life of a Song: âRocket 88â. www.ft.com, 13. November 2015, abgerufen am 23. MĂ€rz 2017.
- â Nick Talevski: Rock Obituaries â Knocking On Heavenâs DoorOmnibus Press, 2010, ISBN 978-0-85712-117-2, S. 51.
- 1 2 3 4 Hunter Schwarz: The History of Rock ânâ Roll in 25 Songs: Jackie Brenston and his Delta Cats â âRocket 88â. www.rhombusmag.com, 6. MĂ€rz 2011, archiviert vom (nicht mehr online verfĂŒgbar) am 4. April 2018; abgerufen am 14. April 2017.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprĂŒft. Bitte prĂŒfe Original- und Archivlink gemÀà Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
- â Nick Tosches: Unsung Heroes of Rock ânâ Roll. Da Capo Press, New York 1999, ISBN 0-306-80891-9, S. 138. (englisch)
- 1 2 3 Bill Dahl: Biography Jackie Brenston. www.allmusic.com, abgerufen am 23. MÀrz 2017.
- â John Shepherd: Continuum Encyclopedia of Popular Music of the World: Volume II. A&C Black, 2003, ISBN 0-8264-6322-3, S. 286 (englisch).
- â Robert Palmer: Deep Blues: A Musical and Cultural History of the Mississippi Delta. Penguin Books, 1982, ISBN 0-14-006223-8, S. 222. (englisch)
- â Peter Guralnick: Sam Phillips: The Man Who Invented Rock ânâ Roll. 2015, ISBN 978-0-297-60949-0, S. 194 (englisch).
- â Nick Tosches: Unsung Heroes of Rock ânâ Roll. Da Capo Press, New York 1999, ISBN 0-306-80891-9, S. 144.
- 1 2 Holger Petersen: Talking Music. Insomniac Press, 2011, ISBN 978-1-55483-058-9, S. 156.
- 1 2 3 Edward Komara, Peter Lee: The Blues Encyclopedia. Routledge, 2004, ISBN 1-135-95832-7, S. 146.
- â Rick Kennedy, Randy McNutt: Little Labels â Big Sound. 1999, ISBN 0-253-33548-5, S. 92.
- â Ăbersicht ĂŒber die Coverversionen auf secondhandsongs.com (abgerufen am 23. MĂ€rz 2017).
