Reduktionssilbe
Unter einer Reduktionssilbe versteht man in der Sprachwissenschaft â besonders mit Utz Maas â eine unbetonte Nebensilbe, wie sie beispielsweise in den trochĂ€ischen deutschen Erbwörtern auftritt. In dem Wort âschreibenâ beispielsweise ist die Reduktionssilbe -en enthalten. Die betonte Silbe, die der Reduktionssilbe vorangeht, bezeichnet Maas als prominente Silbe.
Der Bezeichnung Reduktionssilbe drĂŒckt aus, dass der Vokal schwachtoniger und weniger markant ist als in einer betonten Vollsilbe. Er wird âgemurmeltâ (Bsp.: âWelleâ [ËvÉlÉ], â Schwa-Laut; âbesserâ [ËbÉsÉ], â Tiefschwa-Laut).
Noch im Althochdeutschen erschienen an den entsprechenden Positionen volltönende Silben (z. B. ahd. scrĂźban, scrĂźpan â mhd. schrÄ«ben â nhd. schreiben).
Reduktionssilbe im Deutschen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Standarddeutsch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Deutschland
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bei deutschen Sprechern sind in der Regel die einzigen Vokallaute, die in Reduktionssilben erscheinen können, das Schwa und das Tiefschwa. In Reduktionssilben, die auf Nasalkonsonanten, /l/ oder /Ê/ enden, kann der Vokal ganz verschwinden, wie in Gabel [ËÉĄaËblÌ©].
Bei den meisten Sprechern ist das Repertoire der Reduktionssilben klein. Es umfasst insbesondere die folgenden FĂ€lle:
| Reduktionssilben | Beispielwörter | Vokal |
|---|---|---|
| -e, -em, -es, -est | Torte [ËtÉÊtÉ], einem [ËaÉȘÌŻnÉm], dieses [ËdiËzÉs], spieltest [ËÊpiËltÉst] | Schwa ([É]) |
| -er, -ern, -ert, -erst | Bauer [ËbaÊÌŻÉ], Federn [ËfeËdÉn], hundert [ËhÊndÉt], weigerst [ËvaÉȘÌŻÉĄÉst], | Tiefschwa ([É]) |
| -en, -el, -eln, -elt, -elst | Leben [ËleËbnÌ©], Regel [ËÊeËÉĄlÌ©], jodeln [ËjoËdlÌ©n], fremdelt [ËfÊÉmdlÌ©t], handelst [ËhandlÌ©st] | kein Vokal, stattdessen ein silbischer Konsonant |
Schweiz
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In der Deutschschweiz sind die Vokalisierung des /r/ und die silbische Aussprache von -en, -el, -em nicht verbreitet. Es bleibt also das Schwa als einziger Vokal der Reduktionssilben: Bauer [ËbaÊÌŻÉr], Federn [ËfeËdÉrn], hundert [ËhÊndÉrt], weigerst [ËvaÉȘÌŻÉĄÉrst], Leben [ËleËbÉn], Regel [ËÊeËÉĄÉl], jodeln [ËjoËdÉln], fremdelt [ËfÊÉmdÉlt], handelst [ËhandÉlst].
Oft wird der Vokal der Reduktionssilbe gar nicht zu einem Schwa reduziert, sondern als [É] oder [e] ausgesprochen: Gedanke [ÉĄÌeËdÌ„anke] oder [ÉĄÌÉËdÌ„ankÉ].
In deutschen Dialekten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bairisch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Bairischen wird das Schwa regelmĂ€Ăig getilgt. In Substantiven entfĂ€llt die Silbe âe entweder ganz, oder sie wird â besonders bei Feminina â durch ân ersetzt (Nosn âNaseâ, Strass âStraĂeâ, Subbn âSuppeâ). Das Plural-Suffix âer wird zu âa (Kinda âKinderâ).[1]
Adjektive lauten je nach Genus und Kasus entweder auf âa, auf âe oder auf âs aus (a gloĂ na Hund âein kleiner Hundâ; a gloĂ ne Flaschn âeine kleine Flascheâ; a gloĂ ns BiĂ âein kleines Bierâ). Die Steigerungssuffixe lauten âa und -sdn (schiĂ ch, schiĂ cha, am schiĂ chsdn âhĂ€sslich, hĂ€sslicher, am hĂ€sslichstenâ).[1]
Das Schwa entfĂ€llt auch in Verben. So wird das standarddeutsche Suffix âen im Bairischen zu âa oder (seltener) âan (macha âmachenâ, miĂ macha(n) âwir machenâ), in Partizipien auch zu -n (gwesn âgewesenâ). Bei der ich-Form entfĂ€llt das âe (i mach âich macheâ). Wenn am Anfangsrand der Reduktionssilbe ein stimmhafter Plosiv [b], [d] oder [g] steht, entfĂ€llt nicht nur das Schwa, sondern auch dieser Plosiv (miĂ gem âwir gebenâ; miĂ leng âwir legenâ; miĂ bon âwir badenâ).[1]
Schweizerdeutsch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Anders als im Standarddeutschen sind die schweizerdeutschen Nebensilben-Vokale nicht alle zu einem Schwa reduziert. Alle schweizerdeutschen Dialekte können auch den Auslaut -i aufweisen. So kennen Verben etwa den Auslaut âi (i[ch] machi âich macheâ [Konjunktiv] vs. i[ch] machÉ âich macheâ [Indikativ]). In Dialekten mit l-Vokalisierung tritt auch ein -u als Auslaut auf. Insbesondere die höchstalemannischen Dialekte können noch weitere Nebensilben-Vokale aufweisen, etwa auslautendes âa, oder geschlossenes âe.
Wie viele westdeutschen VarietĂ€ten fĂŒhren die meisten schweizerdeutschen Dialekte die n-Apokope durch (chouffe âkaufenâ; Haagge âHakenâ). Wie in anderen sĂŒddeutschen VarietĂ€ten ist die Apokope des âe verbreiteter als im Standarddeutschen (BrĂŒgg/Brugg âBrĂŒckeâ; Böim âBĂ€umeâ).
Aufbau
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Wie alle Silben im Standarddeutschen können Reduktionssilben 3 Elemente enthalten:
- einen Anfangsrand (Va-ter, Sil-be); in Wörtern, in denen zwischen dem Vokal der prominenten Silbe und dem der Reduktionssilbe keine Konsonanten erscheinen, hat die Reduktionssilbe keinen Anfangsrand (Bau-er).
FĂŒr die genaue Lage des Anfangsrandes siehe den Artikel Silbengrenze. - einen Silbenkern (den Reduktionsvokal)
- einen Endrand (Ha-gel, Le-ser, lĂ€s-tern); nur die Reduktionssilbe âe hat keinen Endrand (lei-se).
Grammatische Funktion
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Reduktionssilbe besitzt das Potential, Wortarten und Wortformen zu unterscheiden (z. B. lese/Leser, liebe/lieber).[2]
Orthografische Schwierigkeit
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Aufgrund der lautlichen SchwĂ€che des Reduktionsvokals fĂŒhren Reduktionssilben bei SchreibanfĂ€ngern oft zu charakteristischen Problemen, besonders in Form von âSkelettschreibungâ (= Auslassung der Vokalbuchstaben) anstatt der orthografisch vorgeschriebenen Pleneschreibung (= Schreibung mit sĂ€mtlichen Vokalbuchstaben). Da die Reduktionssilben in hohem MaĂe stereotyp sind, werden solche Schwierigkeiten meist jedoch schnell gemeistert.
Wie Christina Noack aufgewiesen hat, wird im Unterricht oft der Fehler gemacht, die orthografisch korrekte Schreibung durch eine kĂŒnstliche Schriftaussprache (âDehnspracheâ, âPilotspracheâ) zu vermitteln. Dabei werden die prosodischen VerhĂ€ltnisse der Sprache missachtet und die Wörter so verfremdet, dass schwache Leser sie hĂ€ufig nicht mehr richtig zuordnen können.[3]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Utz Maas: Phonologie. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, ISBN 3-525-26526-3, S. 240ff.
- Utz Maas, Ulrich Mehlem: Schriftkulturelle Ressourcen und Barrieren bei marokkanischen Kindern in Deutschland. (PDF; 1,0 MB) IMIS (Institut fĂŒr Migrationsforschung und Interkulturelle Studien), S. 391, abgerufen am 20. Juni 2011 (deutsch, Kapitel 5.6. Die orthographische ReprĂ€sentation der Silbe I: Silbenkerne und komplexe RĂ€nder).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Reduktionssilben Lehrvideo
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 3 Bayrische Grammatik. Archiviert vom (nicht mehr online verfĂŒgbar) am 20. November 2015; abgerufen am 7. Oktober 2014.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprĂŒft. Bitte prĂŒfe Original- und Archivlink gemÀà Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
- â Henrike Pracht: Alphabetisierung in der Zweitsprache Deutsch als Schemabildungsprozess, Waxmann Verlag, 2010, S. 85.
- â Christina Noack: Die Silbe als Zugriffseinheit beim Leseprozess. Ergebnis eines linguistisch basierten Orthographieunterrichts mit leseschwachen HauptschĂŒlern, S. 185f; in: Ursula Bredel u. a. (Hrsg.): Orthographietheorie und Rechtschreibunterricht. Max Niemeyer / De Gruyter, TĂŒbingen 2006, ISBN 3-484-30509-6, S. 181â196.