Paula Schlier
Paula Schlier (* 12. MĂ€rz 1899 in Neuburg an der Donau; â 28. Mai 1977 in Bad Heilbrunn) war eine deutsche Schriftstellerin und Journalistin. Ihr erstes und bedeutendstes Werk Petras Aufzeichnungen oder Konzept einer Jugend nach dem Diktat der Zeit (1926) ist eines der frĂŒhesten Beispiele fĂŒr investigativen Journalismus in deutscher Sprache und gilt als eines der ersten BĂŒcher der Neuen Sachlichkeit, das die âNeue Frauâ thematisiert.[1] Schlier, die verdeckt beim Parteiblatt der NSDAP, dem Völkischen Beobachter, gearbeitet und den Hitler-Putsch von 1923 aus nĂ€chster NĂ€he erlebt hatte, bezog darin deutlich Stellung gegen den Nationalsozialismus. Der Verfolgung in der NS-Zeit konnte sie sich durch Flucht entziehen. Sie lebte vor allem in Bayern, zuletzt in Tutzing am Starnberger See und in Bad Heilbrunn.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Kindheit und Ausbildung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Paula Schlier war das Ă€ltere Kind des MilitĂ€rarztes Heinrich Schlier und seiner Frau Pauline, geb. Puls. Ein Jahr nach ihr wurde ihr Bruder Heinrich Schlier jun. geboren. Als MĂ€dchen durfte sie, anders als ihr Bruder, doch fĂŒr die Zeit ĂŒblich, kein Gymnasium besuchen, sondern erhielt ihre Ausbildung an der Höheren Töchterschule Gnadenthal in Ingolstadt, was in etwa einer heutigen Realschulausbildung entsprach. Nach Schulabschluss 1915 meldete sie sich als freiwillige Kriegspflegerin beim Bayerischen Roten Kreuz.[2]
Karriere
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]1921 zog sie nach MĂŒnchen, wo sie als Stenotypistin arbeitete. Bereits im Januar 1923 erschienen ihre ersten Artikel im NĂŒrnberger Anzeiger gegen den aufkeimenden Nationalsozialismus und seinen antisemitischen Kern.[3] Im Herbst 1923 lieĂ sie sich als SekretĂ€rin im NS-Blatt Völkischer Beobachter anstellen, um, wie sie sagte, zu prĂŒfen, âob eine solche Volksbegeisterung wirklich jeder tieferen Berechtigung entbehren könneâ.[4] So erlebte sie hautnah den Hitler-Ludendorff-Putschversuch in MĂŒnchen 1923 mit. Sie zeichnete alles auf, was sie hörte und sah.
1925 lernte sie in Innsbruck Ludwig Ficker, den Herausgeber der Zeitschrift Der Brenner und Verleger des Brenner-Verlags, kennen, der ihr den entscheidenden Impuls gab, ihre Aufzeichnungen zu veröffentlichen. So schilderte sie den Hitler-Putsch 1926 im Kapitel In der Redaktion der Patrioten in ihrem Erstlingswerk Petras Aufzeichnungen oder Konzept einer Jugend nach dem Diktat der Zeit.[5] Abgesehen von dem selbst betroffenen Völkischen Beobachter, erhielt das Buch durchweg positive, vielfach sogar begeisterte Kritiken.[6] Schlier beschreibt darin das Leben von jungen Frauen ihrer Zeit: als Pflegerinnen im Kriegslazarett 1916,[7] als Stenotypistinnen zwischen Hoffnung und Hunger nach 1918, als Leidtragende der Hyperinflation und der politischen Radikalisierung in Bayern 1923. Bereits in Petras Aufzeichnungen ist die spirituelle und ethische Suche der Autorin deutlich.
Ludwig Ficker macht sie zur Hauptmitarbeiterin seiner Zeitschrift, aber sein Einfluss wirkte sich negativ auf ihren Stil aus,[8] und ihre spĂ€teren BĂŒcher konnten an den ersten Erfolg nicht anschlieĂen. Ihr zweites Buch ChorĂłnoz. Ein Buch der Wirklichkeit in TrĂ€umen, das 1928 im renommierten Kurt-Wolff-Verlag erschien, enthĂ€lt Traum-Texte, die dem Surrealismus nahe scheinen. 1932 wandte sie sich persönlich und literarisch dem Katholizismus zu, konvertierte 1932 in Innsbruck und schrieb religiöse Lyrik.[9][10]
Verfolgung wÀhrend der NS-Zeit
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]WĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs gab Schliers Beichtvater Briefe weiter, aus denen ihre NS-kritische Haltung hervorging. Diese gerieten in die HĂ€nde der Gestapo, so dass sie 1942 verhaftet wurde. Das Attest eines befreundeten Arztes, der ihr âreligiösen Wahnâ bescheinigte, bewahrte sie vor dem KZ Dachau.[11] Stattdessen wurde sie in die Psychiatrie Eglfing-Haar eingewiesen, aus der sie aber fliehen konnte. Bis zum Kriegsende versteckte sie sich in Tirol.[11] Nach 1945 wurde die Tatsache ihrer Haft bestĂ€tigt, sie gewann einen Prozess gegen den bayerischen Staat wegen HaftentschĂ€digung.[12]
Privatleben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Paula Schlier war mit dem Publizisten und Schriftsteller Werner von Trott zu Solz, einem Bruder des WiderstandskĂ€mpfers Adam von Trott zu Solz, befreundet.[13] Seit 1948 lebte sie in Tutzing am Starnberger See. 1959 heiratete sie den pensionierten Offizier Karl RoĂmann. Nach dessen Tod ĂŒbersiedelte Schlier nach Bad Heilbrunn, wo sie 1977 starb.[14]
Paula Schliers Nachlass wird im Forschungsinstitut Brenner-Archiv der UniversitÀt Innsbruck aufbewahrt.[15]
Werke
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Petras Aufzeichnungen oder Konzept einer Jugend nach dem Diktat der Zeit. Brenner, Innsbruck 1926.
- neu herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Annette Steinsiek und Ursula A. Schneider im Auftrag des Forschungsinstituts Brenner-Archiv. Otto MĂŒller, Salzburg 2018. ISBN 978-3-7013-1256-6.
- ChorĂłnoz. Ein Buch der Wirklichkeit in TrĂ€umen. Kurt Wolff, MĂŒnchen 1928.
- Legende zur Apokalypse. Herder, Freiburg 1949.
- Das Menschenherz. Otto MĂŒller, Salzburg 1953.
- Der Engel der WĂŒste. Roman, Styria, Graz/Wien/Köln 1974.
- Die letzte Weltennacht. Schauungen zur Apokalypse. 2. Aufl., Miriam, Jestetten 1976, ISBN 3-87449-095-5.
Rezeption
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Dokumentarfilm âHitlerputsch 1923: Das Tagebuch der Paula Schlier.â 2023 Erstausstrahlung: 15. November 2023 im BR Fernsehen,[16] ARD Mediathek (Video verfĂŒgbar bis 7. November 2026)
- 3-teiliger Podcast von Paula Lochte: âPaula sucht Paulaâ in der Reihe âAlles Geschichte â History von radioWissenâ von Bayern 2 Online
- Podcast 11 km, Folge: Undercover in der Hitler-Redaktion Online
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Literatur von und ĂŒber Paula Schlier im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Paula Schlier im Literaturportal Bayern (Projekt der Bayerischen Staatsbibliothek)
- Nachlass im Forschungsinstitut Brenner-Archiv, UniversitÀt Innsbruck
- Online-Materialien zu Petras Aufzeichnungen oder Konzept einer Jugend nach dem Diktat der Zeit, Forschungsinstitut Brenner-Archiv, UniversitÀt Innsbruck, abgerufen am 21. September 2019.
- Paula Schlier: Gestapo-Internierung. (PDF; 19 MB) In: Forschungsinstitut Brenner-Archiv, UniversitÀt Innsbruck. 1993, abgerufen am 7. November 2018.
- Annamaria Foppa: Paula Schlier. Versuch einer Monographie. Phil. Diss., Innsbruck 1986.
- Fabian Kluge: Neuburg sollte Paula Schlier wĂŒrdigen. In: Augsburger-Allgemeine.de. 2. August 2019, abgerufen am 9. August 2019 (Kommentar, Bezahlschranke).
- UniversitĂ€t Innsbruck: Forschungsinstitut Brenner-Archiv: Virtuelle FĂŒhrung. Schlier #1: Erster Weltkrieg auf YouTube, 8. Juni 2021, abgerufen am 17. November 2023.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Annette Steinsiek, Ursula A. Schneider: Am eigenen Leib (Nachwort). In: Paula Schlier: Petras Aufzeichnungen oder Konzept einer Jugend nach dem Diktat der Zeit. Hrsg.: Annette Steinsiek, Ursula A. Schneider. Otto MĂŒller, Salzburg 2018, S. 150â193.
- â Ursula A. Schneider: Freiwillige Krankenschwester im Ersten Weltkrieg. Paula Schlier, 1918, Lazarett Ingolstadt. In: Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv 33/2014, S. 81â89. 2014, abgerufen am 21. September 2019.
- â Artikel von Paula Schlier 1923 im Volltext. In: Forschungsinstitut Brenner-Archiv, Materialien online zu Paula Schlier: Petras Aufzeichnungen oder Konzept einer Jugend nach dem Diktat der Zeit (Ausgabe 2018). 20. MĂ€rz 2018, abgerufen am 21. September 2019.
- â Paula Schlier: Petras Aufzeichnungen oder Konzept einer Jugend nach dem Diktat der Zeit. Hrsg.: Annette Steinsiek, Ursula A. Schneider. Otto MĂŒller, Salzburg 2018, S. 70. â Schliers Vorgehen weist Analogien zu dem des Journalisten Leo Lania auf, der sich ebenfalls im Jahr 1923 im Vorfeld des Hitlerputsches in die MĂŒnchner Redaktion des âVölkischen Beobachtersâ einschleuste und im folgenden Jahr in dem Buch Die TotengrĂ€ber Deutschlands von seinen dortigen Erfahrungen berichtete.
- â Paula Schlier: Petras Aufzeichnungen oder Konzept einer Jugend nach dem Diktat der Zeit. Brenner, Innsbruck 1926.
- â Rezensionen zu Paula Schlier: Petras Aufzeichnungen, 1926. In: Forschungsinstitut Brenner-Archiv, Materialien online zu Paula Schlier: Petras Aufzeichnungen oder Konzept einer Jugend nach dem Diktat der Zeit (Ausgabe 2018). 20. MĂ€rz 2018, abgerufen am 21. September 2019.
- â Paula Schlier: Das Lazarett (Ausschnitt). In: Petras Aufzeichnungen. Konzept einer Jugend nach dem Diktat der Zeit (Ausgabe 2018). 10. Mai 2019, abgerufen am 21. September 2019.
- â Fabian Kluge: Wie eine Neuburgerin die Nazis reinlegte. (PDF) In: Neuburger Rundschau, Nummer 178. Forschungsinstitut Brenner-Archiv, UniversitĂ€t Innsbruck, 3. August 2019, abgerufen am 9. August 2019.
- â Annette Steinsiek, Ursula A. Schneider: Bibliographie Paula Schlier. In: Online-Materialien zu Paula Schlier: Petras Aufzeichnungen oder Konzept einer Jugend nach dem Diktat der Zeit. Abgerufen am 21. September 2019.
- â Ursula A. Schneider: Das âweibliche Ingeniumâ. Ludwig Fickers Ă€sthetisches Konzept der zwanziger und dreiĂiger Jahre. In: Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv 14/1995, S. 78â100. In: Forschungsinstitut Brenner-Archiv, UniversitĂ€t Innsbruck. 1995, abgerufen am 21. September 2019.
- 1 2 Paula Schlier: Gestapo-Internierung. In: Brenner-Archiv Digital. Mai 1993, abgerufen am 21. September 2019.
- â Annette Steinsiek, Ursula A. Schneider: An eigenen Leib (Nachwort). In: Paula Schlier: Petras Aufzeichnungen oder Konzept einer Jugend nach dem Diktat der Zeit. Hrsg.: Annette Steinsiek, Ursula A. Schneider. Otto MĂŒller, Salzburg 2018, S. 177.
- â Paula Schlier GESTAPO-INTERNIERUNG. (PDF) In: uibk.ac.at. S. 72, abgerufen am 14. November 2023 (bearbeitet und kommentiert von Ursula Schneider): âWilhelm KĂŒtemeyer verband mit Paula Schlier vor allem der gemeinsame Freund Werner von Trott zu Solz.â
- â Annamaria Foppa: Paula Schlier. Versuch einer Monographie. Innsbruck: phil. Diss. 1986. In: Brenner-Archiv Digital. 1986, abgerufen am 21. September 2019.
- â Nachlassverzeichnis Paula Schlier. In: Forschungsinstitut Brenner-Archiv, UniversitĂ€t Innsbruck. Abgerufen am 21. September 2019.
- â Hitlerputsch 1923: Das Tagebuch der Paula Schlier, programm.ard.de, 15. November 2023
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Schlier, Paula |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Schriftstellerin und Journalistin |
| GEBURTSDATUM | 12. MĂ€rz 1899 |
| GEBURTSORT | Neuburg an der Donau |
| STERBEDATUM | 28. Mai 1977 |
| STERBEORT | Bad Heilbrunn |