Papiercomputer (Vester)
Der Papiercomputer (auch als Vesterâsche Einflussmatrix, Vernetzungsmatrix oder Vernetzungsgitter bekannt) ist eine 1970 von Frederic Vester entwickelte Matrix als Werkzeug zur Systemerfassung im Rahmen von vernetztem Denken. Vester nennt dieses Werkzeug spĂ€ter auch Einflussmatrix und entwickelt darauf aufbauend sein so genanntes SensitivitĂ€tmodell.
Funktionsweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In den Papiercomputer wird ein Variablensatz von bis zu 100 Variablen des zu betrachtenden Systems eingefĂŒgt und SchĂ€tzungen der EinflussstĂ€rken zwischen allen Variablen eingetragen. Ziel dabei ist, die Relations-Informationen aus dem Papiercomputer in Auslistungen und kybernetischen grafischen WirkungsgefĂŒgen abzubilden und anschlieĂend fĂŒr die Ableitung z. B. von gezielten MaĂnahmen, VerĂ€nderungsstrategien und Szenarien zu nutzen[1]. Damit können die Folgen von Eingriffen in Systeme, wie z. B. verdeckte RĂŒckkopplungen, verhĂ€ngnisvolle Zeitverzögerungen und langfristige SpĂ€tfolgen besser abgeschĂ€tzt und geplant werden, was vor allem in komplexen ZusammenhĂ€ngen vor Herausforderungen stellt. Ein Anwendungsbeispiel wĂ€re eine Untersuchung innerhalb des Systems eines Unternehmens-Bereichs, wie stark und auf welche Weise dort die Faktoren Mitarbeiterzufriedenheit, Selbstorganisation, Digitalisierung, ServicequalitĂ€t und ProduktivitĂ€t einander beeinflussen und voneinander beeinflusst werden.
Der Papiercomputer nach Vester weist einige Ăhnlichkeiten mit einer Cross-Impact-Matrix aus der Wechselwirkungsanalyse auf: bei beiden sind die eingetragenen Elemente in Vorspalte und Tabellenkopf gleich und werden miteinander in Relation gesetzt und bei beiden ist sowohl Auswahl als auch Beurteilung der relevanten Faktoren abhĂ€ngig von der subjektiven EinschĂ€tzung der Beteiligten. WĂ€hrend jedoch in der Wechselwirkungsanalyse die geschĂ€tzten Eintrittswahrscheinlichkeiten fĂŒr Ereignisse verknĂŒpft und daraus die bedingte Eintrittswahrscheinlichkeit errechnet werden, beziehen sich im Vesterâschen Papiercomputer EinflussgröĂen mit der geschĂ€tzten StĂ€rke ihrer Wirkungen und Beeinflussbarkeiten aufeinander, um danach in weiteren Diagrammen und Auswertungen ihre Vernetzungen, Art der Wirkungen und RĂŒckkopplungen miteinander zu analysieren und abzubilden.
| Â | Wirkung auf | Auswertung | ||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Wirkung von | F1 | F2 | F3 | F4 | F5 | F6 | F7 | F8 | AS | V |
| F1 | - | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 |
| F2 | 0 | - | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 |
| F3 | 0 | 0 | - | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 |
| F4 | 0 | 0 | 0 | - | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 |
| F5 | 0 | 0 | 0 | 0 | - | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 |
| F6 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | - | 0 | 0 | 0 | 0 |
| F7 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | - | 0 | 0 | 0 |
| F8 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | - | 0 | 0 |
| PS | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | ||
| A | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | ||
| Papiercomputer mit 8 Faktoren (hier noch ohne Daten) | ||||||||||
Aufbau
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Angelegt wird der Vesterâsche Papiercomputer als zweidimensionale Matrix. Dabei werden die einzelnen Positionen sowohl waagerecht als auch senkrecht eingetragen (Ă€hnlich den Entfernungstabellen in Atlanten). Bewertet werden die einzelnen Positionen nach Beeinflussung und Beeinflussbarkeit. Als Werte werden dann Zahlen zwischen null und drei eingetragen. Null steht dabei fĂŒr Positionen, die sich nicht gegenseitig beeinflussen, drei fĂŒr solche mit groĂem Einfluss. Entscheidend fĂŒr die nachfolgende Auswertung ist es, dass hier die richtigen Faktoren gefunden und benannt werden und auch die richtige Bewertung erhalten.
Auswertung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Auswertung selbst ist wiederum recht einfach, da nur addiert (bei Aktiv- und Passivsumme) und multipliziert wird.
Von links nach rechts wird in jeder Zeile die Aktivsumme (AS) gebildet, sie soll angeben, wie stark ein Faktor auf andere Faktoren wirkt.
Von oben nach unten wird in jeder Spalte die Passivsumme (PS) gebildet, die aussagen soll, wie stark ein Faktor von anderen Faktoren beeinflusst wird.
Peter Gomez und Gilbert Probst haben die Methodik 1987 nach Vester ebenfalls angewandt. In Frederic Vesters professionellem Planungs- und Managementwerkzeug âSensitivitĂ€tsmodell Prof.VesterÂźâ ist die Einflussmatrix einer von neun Schritten bei der umfassenden Systemanalyse nach Vester. Dabei wird in dem Schritt der Einflussmatrix zusĂ€tzlich das Produkt P bzw. der Quotient Q aus Aktivsumme und Passivsumme gebildet und in der Rollenverteilung abgebildet. Aktive Elemente zeichnen sich durch einen groĂen Q-Wert aus, passive Elemente haben einen kleinen Q-Wert. Kritische Elemente haben einen groĂen P-Wert und trĂ€ge Elemente einen kleinen P-Wert.
Einsatz und Anwendung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Papiercomputer kann von einer einzelnen Person oder auch in Gruppen angewendet werden. In Gruppen wird der Zeitaufwand deutlich gröĂer. Angesetzt werden Zeiten ab einer Stunde fĂŒr eine Person mit einer einfachen Aufgabenstellung bis zu mehrtĂ€gigen DurchlĂ€ufen bei komplexen Themen in Gruppen.
In Seminaren, Symposien und Workshops, bei Fortbildungen und Coachings wird die Methode zunehmend eingesetzt, da sie einfach auf Flipcharts durchgefĂŒhrt werden kann.
Zwar erfolgen die Anwendungen aufgrund als plausibel eingeschĂ€tzter Werte im Wertebereich von 0, 1, 2 und 3. Aber wie bei allen Rating-Skalen mit mindestens vier unterscheidbaren Werten gilt die These, dass die Anwender implizit von einer Intervallskalierung ausgehen.[2] Bejaht man diese These, dann kann man die in einen ausgefĂŒllten Papiercomputer angegebenen Werte als intervallskaliert interpretieren und in einem weiteren Schritt auch quantitative Verfahren einsetzen.
Nach dem Prinzip des Papiercomputers funktioniert auch das 1980 von Frederic Vester entworfene Spiel Ăkolopoly und dessen Nachfolger, das multimediale Simulationsspiel âecopolicyÂźâ.
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Falko Wilms hat die Methodik 2001 in ein Gesamtkonzept des systemorientierten Managements integriert. Darin wurde u. a. die Idee des Papiercomputers in Form einer PrioritÀtenmatrix abgewandelt.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Frederic Vester: Die Kunst vernetzt zu denken. Ideen und Werkzeuge fĂŒr einen neuen Umgang mit KomplexitĂ€t. Der neue Bericht an den Club of Rome. dtv, MĂŒnchen 1999, ISBN 978-3-423-33077-0.
- Frederic Vester: Ballungsgebiete in der Krise. 1976
- GĂŒnther Ossimitz: Materialien zur Systemdynamik. 1990
- GĂŒnther Ossimitz, Christian Lapp: Das Metanoia-Prinzip. Eine EinfĂŒhrung in systemgerechtes Denken und Handeln. 2006
- Peter Gomez, Gilbert Probst: Die Praxis des ganzheitlichen Problemlösens. Vernetzt denken â Unternehmerisch handeln â Persönlich ĂŒberzeugen. 3. Auflage. Paul Haupt, Bern / Stuttgart / Wien 1999, ISBN 3-258-05575-0.
- Peter Gomez, Gilbert Probst: Vernetztes Denken im Management. Eine Methodik des ganzheitlichen Problemlösens. 1987, in Die Orientierung
- F. E. P. Wilms: Systemorientiertes Management. 2001, ISBN 3-8006-2389-7
- A. Ninck et al.: Systemik â Vernetztes Denken in komplexen Situationen. 4. Auflage. Verlag Industrielle Organisation, 2004
- Horst O. Mayer: Interview und schriftliche Befragung, 5. ĂŒberarb. u. erw. Auflage. Oldenbourg Verlag, MĂŒnchen/Wien 2009, ISBN 978-3-486-59070-8
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Frederic Vester: Die Kunst vernetzt zu denken. Ideen und Werkzeuge fĂŒr einen neuen Umgang mit KomplexitĂ€t. Der neue Bericht an den Club of Rome. 9. Auflage. dtv, MĂŒnchen 2012, ISBN 978-3-423-33077-0, S. 194â197 (373 S.).
- â Mayer, Horst O.: Interview und schriftliche Befragung. 5. ĂŒberarb. u. erw. Auflage. Oldenbourg Verlag, MĂŒnchen/Wien 2009, S. 83