Kreolisierung
Kreolisierung bezeichnet historisch-kulturelle Prozesse, die zur Bildung der Kreolen und der Kreolsprachen fĂŒhrten. Die erste Verwendung der aus dem Portugiesischen und Spanischen stammenden Bezeichnung ist ab dem 19. Jahrhundert belegt; heute wird er meist fĂŒr einen Zustand der kulturellen Vermischung verwendet (siehe auch Multikulturalismus).
Etymologie des Begriffes und historische Einbettung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]âDie Diskurse um die Etymologie und Bedeutung der Bezeichnung ,Kreoleâ und der Begriffe ,Kreolisierungâ und ,KreolitĂ€tâ variieren je nach sozialem, historischem und kulturellem Kontext und abhĂ€ngig davon, seitens welcher Gruppe sie gefĂŒhrt werdenâ
Jacqueline Knörr fasst in diesem Zitat bereits die verschiedenen (grammatikalischen) Formen des Begriffes zusammen, die mit einer VerĂ€nderung der Bedeutung einhergehen, und geht auf die Schwierigkeit einer etymologischen Definition ein. âKreolisierungâ meint dabei einen gesellschaftlichen Prozess von kultureller Durchmischung, an dessen Ende eine neue Kultur steht. âKreolitĂ€tâ hingegen ist die aus der âKreolisierungâ entstehende QualitĂ€t, die bereits vermuten lĂ€sst, dass Kreolisierung ein endlicher Prozess ist.[1] âKreoleâ meint letztlich die Betitelung eines Individuums bzw. einer Gruppe, die sich durch die im Folgenden erlĂ€uterten Merkmale auszeichnen.
Knörr geht darauf ein, dass die Antwort auf die Frage nach dem Ursprung der Bezeichnung âKreoleâ auch die Frage nach dem âUr-Kreolenâ beantworten wĂŒrde: âSo wird beispielsweise von den einen eine âweiĂeâ, von den anderen eine âschwarzeâ Etymologie konstruiert â um daraus in Folge eine âweiĂeâ beziehungsweise âschwarzeâ Ur-KreolitĂ€t abzuleiten.â[2]
WĂ€hrend die Ă€lteste Bezeichnung fĂŒr einen âKreolenâ, nach Knörr, das portugiesische crioulo ist, ist die Verwendung des spanischen Wortes criollo als erstes belegt worden. Dieses bezeichne die in der âNeuen Weltâ geborenen Spanier, um sie von den in Europa gebĂŒrtigen âpeninsularesâ abzugrenzen.[3] Beide Vokabeln hingegen sind auf das lateinische creare zurĂŒckzufĂŒhren, das mit âkreierenâ und âerschaffenâ ĂŒbersetzt werden kann. Zudem sind das portugiesische und spanische Verb criar (âaufziehen, ernĂ€hren, erzeugen, erschaffenâ) und das Substantiv cria (âBaby, SĂ€ugling, Person ohne Familieâ) von Bedeutung, da sie Aufschluss darĂŒber geben, in welchem Rahmen der Begriff Kreole gebraucht wurde. Letztlich verweisen sie nĂ€mlich wie die Endung -olo bzw. -oulo, die ein Nomen als Diminutiv ausweist, auf die Bezeichnung fĂŒr im Exil geborene Kinder. Erst spĂ€ter schloss der Begriff Kreole auch dort gebĂŒrtige Erwachsene mit ein.[4] Nach Charles Stewart lassen sich erste Belege fĂŒr die Verwendung des Begriffes Kreolisierung im 19. Jahrhundert finden, der Begriff Kreole hingegen lĂ€sst sich schon ab dem 16. Jahrhundert attestieren. Im 16. und 17. Jahrhundert diskutierte man bereits die Unterschiede zwischen den Kreolen und den Individuen aus der âAlten Weltâ.[5] Im Lichte der Verwendung dieser Begrifflichkeiten, die v. a. im kolonialen Kontext Anwendung finden, betitelte Jacqueline Knörr eine ihrer Arbeiten Postkoloniale KreolitĂ€t versus koloniale Kreolisierung. Nachdem nun die in der Neuen Welt geborenen âoffspringsâ[6] als Kreolen angesehen wurden, traf es wenige Jahre spĂ€ter nach Amerika und in die Kolonien verkaufte afrikanische Sklaven. Durch creoles, criollos oder crioulos wurden sie als in der neuen Kolonie geborene Sklaven bezeichnet. Sklaven, die in Afrika geboren wurden, nannte man hingegen New Africans, Saltwater Negroes oder Wild Negroes.[7] âKreolen wurden auch die Nachfahren aus Verbindungen von Schwarzen und WeiĂen genannt und schlieĂlich alle nicht indigenen, aber im Land gebĂŒrtigen Personenâ (Knörr 2009: 94, vgl. auch Stewart 2007: 4, der darauf eingeht, dass diese starke Einengung des Begriffes auch heute noch so praktiziert wird.).
So fungierte der Begriff letztlich als Differenzierung von Personen und Gruppen im Hinblick auf ihre IndigenitĂ€t bzw. Abstammung in Abgrenzung von den Kolonisten und ihren Nachkommen in der Alten Welt. So sieht Knörr das Sklavenexil und die frĂŒhen kolonialen Gesellschaften als klassische Beispiele fĂŒr historische Kreolisierungsprozesse und erlĂ€utert den alternativen Prozess der Bildung von Diaspora-Gemeinschaften, die durch eine entsprechende GruppengröĂe und -dynamik ermöglicht werden könnten.[8]
Linguistische Bedeutung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Begriff Kreolsprache wird oft in Abgrenzung zu Pidgin-Sprachen erlĂ€utert. WĂ€hrend Pidgins vereinfachte und irregulĂ€re Kommunikationsmittel sind, die oft nur von Nicht-Muttersprachlern gesprochen werden und nur rudimentĂ€ren grammatikalischen Regeln folgen, sind Kreolsprachen grammatikalisch voll ausgebaute Sprachen, die auch einen umfangreicheren Wortschatz aufweisen[9]. Nach Stewart[10] wĂŒrden Linguisten mittlerweile darin ĂŒbereinstimmen, dass Kreolsprachen aus der Verwendung von Pidginsprachen als Muttersprache resultieren. Kreolsprachen basieren meist auf einem Zusammentreffen verschiedener Kontaktsprachen, unterscheiden sich aber dennoch im Lautsystem und ihrer Grammatik von ihnen. âNach dem Prozess der Kreolisierung sind Phonologie, Morphologie, Lexik und Syntax verschieden von denen der Ausgangssprachenâ (Stoll 2005: 147) und werden zudem als Muttersprache erworben. Heute werden in vielen ehemaligen Kolonien Kreolsprachen gesprochen, die auf das Spanische, Portugiesische, Französische, Englische und NiederlĂ€ndische zurĂŒckzufĂŒhren sind (im Fall von Martinique z. B. auf das Französische). Doch existieren in der Kreolistik durchaus noch Unklarheiten ĂŒber den Ursprung einiger Sprachen (vgl. z. B. Thomas L. Markey und seine Arbeit ĂŒber Afrikaans).
Ethnologische und soziologische Bedeutung damals und heute
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zur Bedeutung der Zuweisung und Differenzierung âKreolâ: Zum einen wurden EuropĂ€er, die in der âNeuen Weltâ geboren waren, âKreolâ genannt, zum anderen Menschen, die in den Neuen Kolonien auf die Welt kamen. Ebenso erging es den Nachkommen âaus Verbindungen zwischen (ehemaligen) Sklaven beziehungsweise zwischen Angehörigen verschiedener Herkunftâ (Knörr 2009: 95). âKreolâ fungiert also als Differenzierung zwischen verschiedenen Ethnien und Generationen amerikanischer Migranten und postkolonialer Gruppen. Kreolisierung wird aber auch im Zusammenhang mit Begriffen (und Prozessbezeichnungen) wie Globalisierung und Transnationalisierung verwendet. Die Parallelisierung dieser Begriffe hat ihre Berechtigung: Auch Kreolisierung beschreibt einen Prozess bzw. eine Lösung, die aus dem NebeneinanderâExistieren von verschiedenen Kulturen und Sprachen resultiert. Gerade in Zeiten der (wirtschaftlichen) Globalisierung haben derartige Begriffe und TheorieansĂ€tze Hochkonjunktur und werden stark diskutiert.
âIn Interaktion von Gruppen unterschiedlicher Herkunft prĂ€gten sie im Laufe der Zeit neue und gemeinsame soziale und kulturelle Formen aus, die Merkmale der verschiedenen Herkunftskulturen der Kreolisierenden mit denen der dominanten Kolonialkultur und der lokalen Kultur vor Ort verbandenâ
Doch ist dieser Verlauf auch voraussetzungsreich, wie Knörr beschreibt. Ein BedĂŒrfnis nach einer neuen ethnischen IdentitĂ€t muss existieren, was wahrscheinlich ist, wenn die HerkunftsidentitĂ€ten an sozialer Relevanz verlieren und die Integration in die hiesige Gesellschaft erschwert ist. Zudem scheinen âethnische Strukturierung und Klassifizierungâ fördernd fĂŒr einen Kreolisierungsprozess zu sein[11].
Auch Stoll definiert Kreolisierung als âschöpferische Aneignung kultureller Durchmischung unter Achtung und Bewahrung von Vielfalt und HeterogenitĂ€tâ (Stoll 2005: 147). Mit Blick auf ausgefĂŒhrte Definitionen kann Kreolisierung also durchaus als positiv konnotiert bezeichnet werden. Es beschreibt einen Prozess der Fusion verschiedener Kulturen und Sprachen zu einer neuen autonomen, die durch âkulturelle BerĂŒhrung, Begegnung, Vermischung oder wechselseitige Transformation differenter Kulturenâ (MĂŒller, Ueckmann 2013: 9) erzielt wird. Im Hinblick auf die historischen Kreolisierungsprozesse kann Kreolisierung aber auch als Ăberlebensstrategie interpretiert werden[12]: das erzwungene Verlassen der Heimat, der Verlust des Altbekannten und die Situation von Ungleichheit und Asymmetrie. Kreolisierung kann folglich auch als âWiderstand gegen einen kompletten Verlust von Sprache und Kultur, gegen ein ökonomisches System, in dem man zu einem Objekt oder zu einer frei verfĂŒgbaren Person wurdeâ (VergĂšs 2008 zitiert nach MĂŒller, Ueckmann 2013: 10, vgl. auch Djoufack 2010: 118) verstanden werden. Letztlich bedĂŒrfen Kreolisierungsprozesse keiner sozialen UnterdrĂŒckung groĂer Bevölkerungsgruppen, dennoch waren der Sklavenhandel und die kolonialen BemĂŒhungen Europas ein Push-Faktor: die groĂe Distanz der Bevölkerung zu ihrer Heimat und ihrem bekannten Umfeld und das daraus folgende BedĂŒrfnis, in ein (wenn auch unbekanntes) soziales GefĂŒge eingebettet zu sein.
âEs existierte sowohl die Notwendigkeit der Beheimatung im erzwungenen Exil als auch das BedĂŒrfnis, auf dem Hintergrund heterogener UrsprĂŒnge herkunftsbezogener IdentitĂ€t und Kultur zu bewahren, die unter anderem auch der Abgrenzung gegenĂŒber jenen diente, die fĂŒr das Schicksal der eigenen Versklavung, Verschleppung und UnterdrĂŒckung maĂgeblich verantwortlich warenâ
Doch was anfangs negativ konnotiert war, wurde durch die Zeit und den steigenden kulturellen Austausch zwischen den Kreolisierten, den Kreolisierenden und dem Lokalen zu einer anderen Erfahrung und Erinnerung[13]. Durch die HeterogenitĂ€t der Gesellschaft, ihre unterschiedlichen HerkĂŒnfte und die gleichermaĂen stattfindende Interaktion zwischen den unterschiedlichen Gruppierungen entstehen âquasi neo-integrierteâ Kulturen, die wiederum auch in einer neuen kollektiven IdentitĂ€t gipfeln. Die Besonderheit an der Kreolisierung ist, dass vorher parallel existierende Kulturen und Sprachen in ihrer fusionierten Form die alten Kontaktsprachen und die vorherige Kultur (und IdentitĂ€t) ablösen[14].
Kreolisierung als Theorieansatz
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ădouard Glissant
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der von der Anthropologie und Linguistik geprĂ€gte Begriff wurde maĂgeblich von Ădouard Glissant, einem Essayisten und Romanautor, vorangetrieben, indem er diesen durch die VerknĂŒpfung mit poststrukturalen Theorien in den Bereich des Kulturellen ĂŒberfĂŒhrte.[15] Sein Ziel ist dabei, die Bedingungen zu schaffen, âin einer globalen Welt an einem von Macht befreiten Spiel zwischen Sprachen und Kulturen teilzunehmenâ (Djoufack 2010: 119) (vgl. JĂŒrgen Habermas machtfreie Zone, in der das bessere Argument zĂ€hlt). Glissant geht es um die (an)geeignete Sprache, die âlangage appropriĂ©â, die nicht nur als âKonsumspracheâ, sondern auch der KreativitĂ€t und der freien Produktion dient. Diese Sprache solle die Konstruktion der IdentitĂ€t ermöglichen.[16] Der in Martinique gebĂŒrtige Glissant zieht diese Schlussfolgerungen aus seinen Arbeiten in der Karibik und seinen Beobachtungen der dortigen Sprachsituation (dem Konflikt zwischen dem Französischen und dem Kreolischen). Dabei favorisiert er nicht eine spezielle Sprache, sondern setzt nur wichtige Charakteristika fest, die ebendieses âbefreite Spielâ ermöglichen sollen und Asymmetrien zwischen Sprachen und Kulturen abbauen sollen.
âIch behaupte also, daĂ die Welt sich kreolisiert. Schlagartig und dabei in vollem Bewusstsein, werden die Kulturen der Welt miteinander in Kontakt gebracht, verĂ€ndern sich in ihrem Austausch, was hĂ€ufig zu abwendbaren ZusammenstöĂen, erbarmungslosen Kriegen fĂŒhrt [âŠ] Kreolisierung bedeutet, daĂ die in Kontakt gebrachten kulturellen Elemente unbedingt als âșgleichrangigâč gelten mĂŒssen, sonst kann die Kreolisierung nicht wirklich stattfinden [âŠ] Die Kreolisierung verlangt die wechselseitige WertschĂ€tzung der heterogenen Elemente, die zueinander in Beziehung gesetzt werden, das heiĂt, daĂ in Austausch und Mischung das Sein weder von innen noch von auĂen herabgesetzt oder missachtet wird. Warum spreche ich von Kreolisierung und nicht von Vermischung? Weil die Kreolisierung unvorhersehbar ist, wĂ€hrend man das Ergebnis einer Mischung absehen könnteâ
Von Glissants Ăberzeugung und Theorie, die ganze Welt werde kreolisiert, zeugt auch sein deterritorialisierter Begriff Tout-monde:
âMit dem deterritorialisierten Begriff des Tout-monde soll ein kultureller Essentialismus, der eine Afrikanisierung Afrikas, eine Karibisierung bzw. KreolitĂ€t der Karibik oder eine Orientalisierung des Orients befördert hatte, zugunsten einer Hybridisierung von Kulturen aufgegeben werdenâ
In diesem Zitat wird die Kreolisierung wiederum mit einem anderen Begriff, nĂ€mlich der âHybridisierungâ, erlĂ€utert.
Jacqueline Knörr
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Wie Glissant beschĂ€ftigt sich auch Knörr stark mit der Kreolisierung und veröffentlichte viele Arbeiten, die von dieser Thematik handelten. Unter anderem in ihrem Beitrag âPostkoloniale KreolitĂ€t versus koloniale Kreolisierungâ fordert sie einen âanalytisch-komparativen KreolitĂ€tsbegriffâ, der zusĂ€tzlich zu anderen Differenzierungen die Unterscheidung zwischen âKreolisierung als P r o z e Ă und Kreolisierung als K o n z e p tâ (Knörr 2009: 101, vgl. auch Knörr 2007: 44 ff.) vollzieht. Damit will sie das Problem der Fremd- und Selbstzuschreibung von KreolitĂ€t beheben. âWas unter etischen Gesichtspunkten kreolisch ist, muĂ unter emischen Gesichtspunkten nicht so genannt (oder erkannt) werdenâ (Knörr 2009: 100). Diese Diskrepanz zwischen dem Etischen und dem Emischen wiederum ist zurĂŒckzufĂŒhren auf die bereits erlĂ€uterte Problematik der Verwendung der Termini. Weder die Hautfarbe noch die Herkunft sind eindeutige Indizes fĂŒr KreolitĂ€t. Zudem wird es abgesehen von der Zustandsbeschreibung âKreolitĂ€tâ oder âKreoleâ auch als Prozessbezeichnung verwendet und mit anderen Begriffen und Prozessen wie der Transnationalisierung und der Globalisierung verglichen[17]. Knörr geht es somit um die wissenschaftliche Konzeptualisierung einer IdentitĂ€t, Kultur oder Gruppe als kreolisiert bzw. kreolisch âanhand (sozio-)kultureller, (ethno-)historischer und anderer auf die Gruppe, Kultur und IdentitĂ€t bezogener Kriterien vorzunehmen und nicht davon abhĂ€ngig zu machen, ob sie ,KreolÊ» im Namen trĂ€gt oder nichtâ[18].
Abgrenzung zu anderen Begriffen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Benutzen des Kreolisierungsbegriffes fĂŒr gegenwĂ€rtige Prozesse wurde kritisiert, da man sich dadurch von der historischen Bedeutung, die eng mit dem Sklavenhandel verwoben ist, entfernen oder den Begriff gar von diesem Zusammenhang ablösen wĂŒrde[19]. Doch widerspricht der Diagnostizierung einer aktuellen gesellschaftlichen Situation als kreolisiert nichts, wenn dieser Begriff in Abgrenzung zu anderen Modebegriffen verwendet wird.
Kreolisierung versus Transnationalisierung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einer dieser Begriffe ist Transnationalisierung. Wie die Kreolisierung beschreibt auch die Transnationalisierung ein UngenĂŒgen nationalstaatlicher Grenzen und ein GefĂŒhl des âDazwischenâ bei Betroffenen[20]. Es ist die bereits beschriebene Distanz zum Herkunftsort und die Unerreichbarkeit der neuen Gesellschaft, in die man (noch) nicht eingebettet ist, die die Kreolisierung hervorruft, indem dieser Zustand des âDazwischen-Seinsâ ein StĂŒck weit behoben wird. Dieses gefĂŒhlte und gelebte âDazwischenâ, das oft analytisch zum Einsatz kommt, wenn nationale IdentitĂ€ten nicht mehr greifen, ist auch aus Transnationalisierungsstudien bekannt. In Deutschland ist es besonders populĂ€r, um die (emotionale) Situation von tĂŒrkischen Gastarbeitermigranten zu beschreiben, obwohl die heutige Situation dieser Generationen (allein schon wegen der heutigen technischen Möglichkeiten ĂŒber groĂe Distanzen zu interagieren) wohl kaum vergleichbar ist mit dem Dazwischen, das MĂŒller und Ueckmann am Sklavenhandel beschreiben. Ausgangspunkt der Transnationalisierung ist der Nationalstaat und die von diesem beherbergte Gesellschaft. Ihr Bezugspunkt ist vorerst offen im Gegensatz zu den Szenarien, die folgende Begriffe prognostizieren: EuropĂ€isierung, Globalisierung oder Amerikanisierung. Zudem ist Transnationalisierung ein relationaler Begriff, âder die Interaktionen und Transaktionen innerhalb eines sozialen Gebildes in das VerhĂ€ltnis zu Interaktionen und Transaktionen mit auĂerhalb des sozialen Gebildes liegenden Einheiten setztâ[21]. So unterscheidet sich der Kreolisierungsbegriff in einem Punkt auf jeden Fall vom Transnationalisierungsbegriff. Die Kreolisierung ist nicht gebunden an nationalstaatliche Grenzen und muss diese auch nicht ĂŒberschreiten, um zu wirken. Vielmehr wirkt sie meist innerhalb eines Nationalstaates, indem sie diese kulturelle Durchdringung vollzieht, die auch die Transnationalisierung ĂŒber nationale Grenzen hinweg verspricht. Wobei auch hier wieder eine Differenzierung vorgenommen werden muss: WĂ€hrend die Transnationalisierung nicht unbedingt ein festes greifbares Ziel hat, erwartet man am Ende eines Kreolisierungsprozesses, z. B. sprachlicher Art, eine neue Muttersprache, die sich aus grammatikalischen Regeln, Vokabeln und der Phonetik anderer Kontaktsprachen zusammensetzt und diese zumindest fĂŒr die kreolisierte Gruppe ersetzt. In welche (kulturelle) Richtung dieser Prozess genau driftet, ist nicht eindeutig zu sagen, aber prognostiziert wird ein sprachliches oder kulturelles Mischmasch.
Mögen auch im Laufe der Zeit unterschiedliche Gruppen und Individuen als Kreole bezeichnet, so ist und bleibt ein Spezifikum der Kreolisierung die Verbindung mit Indigenisierung und Ethnisierung[22]. Was zusammenfassend der Kreolisierung eigen ist, ist ihre historische und etymologische Entstehungsgeschichte, die sie stark von der Transnationalisierung (und auch von der Globalisierung) unterscheidet. Abgesehen davon, dass beide Begriffe oft teilweise undifferenziert, inflationĂ€r und ohne genaue Kriterienkataloge gebraucht werden, hat die Kreolisierung, mag man behaupten, eine geschlossenere Definition. Kreolisierung ist wahrscheinlich ein StĂŒck weit auch Transnationalisierung, Transnationalisierung aber muss nicht unbedingt auch kreolisiert sein. WĂ€hrend der eine Begriff v. a. aus einem (post-)kolonialen Kontext heraus entstanden ist, ist Transnationalisierung wohl eher als ein europĂ€isches NeuzeitphĂ€nomen zu bezeichnen.
Kreolisierung versus Globalisierung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Globalisierung, ein durch seinen Ursprung v. a. wirtschaftlich geprĂ€gtes Wort, fand Ende des 20. Jahrhunderts auch seinen Weg in die Sozialwissenschaften. Meist bzw. auch durch viele Theorien wie Benjamin Barbers âMcWorldâ oder George Ritzers McDonaldisierung wird die Globalisierung mit UniversalitĂ€t und Standardisierung gleichgesetzt[23]. In Deutschland (bzw. im amerikanischen Exil) unternahmen Adorno und Horkheimer mit ihrer Theorie der Kulturindustrie und der âAufklĂ€rung als Massenbetrugâ einen der ersten Versuche diese Standardisierung der Alltagskultur zu beschreiben. Als Ursachen entlarvten sie v. a. die fortgeschrittenen technischen Errungenschaften, die Distanzen ĂŒberbrĂŒckbar und irrelevant machen und eine Weltgesellschaft ermöglichen. Eine Folge daraus und die relevantere Ursache fĂŒr die Standardisierung sind schlieĂlich die Massenmedien und die Massenproduktion von KulturgĂŒtern durch amerikanische GroĂindustrien, die die Kunst ihre AuthentizitĂ€t kosten. Genauso wie Adorno und Horkheimer beschreibt auch Barber eine Amerikanisierung des Lebensstils, die ĂŒber die Werbeindustrie, KonsumgĂŒter und Massenmedien vermittelt wird[24]. Ritzer hingegen schrĂ€nkt diese allgemeinen durch globale Prozesse verbreiteten Kulturmerkmale, die er als Schnelllebigkeit, Effizienz und RationalitĂ€t enttarnt, nicht nur auf die USA ein[25]. Stoll und Gerhards sehen im Gegensatz dazu die Kreolisierung als Gegengewicht zu den Globalisierungstheorien. Sie gehen diesbezĂŒglich zum Beispiel auf die variierende Angebotspalette bei McDonaldâs ein, die eben nicht, wie unterstellt werden könnte und wurde, unabhĂ€ngig von Nationalstaat, Kultur und Religion serviert wird. So hat der amerikanische Konzern fĂŒr den indischen Markt seinen Kassenschlager, den Big Mac aus dem Sortiment genommen und hat auch seine GewĂŒrzmischungen und die GetrĂ€nkeauswahl an lokale Geschmacksmuster angepasst[26]. Gerhards sieht hier die Kreolisierung am Werk, indem die Produkte âdurch die EmpfĂ€ngerkultur eingefĂ€rbt und anverwandelt [werden]â (Gerhards 2003: 145). âDas Resultat dieses Prozesses der lokalen Aneignung globaler GĂŒter sind Interaktionseffekte, die zu Prozessen der Kreolisierung fĂŒhrenâ (Gerhards 2003: 146). Auch Stoll betont in diesem Zusammenhang erneut die kulturelle Durchmischung, die nicht wie die Globalisierung auf der Ebene des kleinsten gemeinsamen Nenners UniversalitĂ€t schafft, aber HeterogenitĂ€t und Vielfalt bewahrt[27]. Worauf Gerhards zudem eingeht, ist die Gefahr der Globalisierungstheorien auf Grund ihrer zeit- und raumunabhĂ€ngigen Formulierungen nicht falsifizierbar zu sein und damit dem Falsifikationsprinzip Karl Poppers zu widersprechen[28]. Der Kreolisierungsbegriff hingegen ist in seinem historischen VerstĂ€ndnis so eingeschrĂ€nkt, rĂ€umlich und zeitlich, dass er mit diesem Hintergrund, dieser Gefahr entgehen sollen könnte, doch bleibt auch hier wieder die Kritik an der inflationĂ€ren Verwendung des Wortstammes âKreol-â mitsamt seinen Suffixen, die die Frage nach der Falsifizierbarkeit wohl erstmal offen lĂ€sst.
AbschlieĂend sollen nun weitere Differenzierungen genannt, aber â auf Grund der Konzeption des Beitrages â nicht nĂ€her erlĂ€utert werden: dieser ist zum einen der Begriff der Glokalisierung und die Bewegung CrĂ©olite. Von Glissants Kreolisierungsbegriff inspiriert, entwickelte sich nĂ€mlich eine neue Bewegung, die CrĂ©olite, die sich aber in ihren Zielsetzungen und Folgen von Glissant abwendete (v. a. ist hier der Zusammenhang von Raum und Sprache, im Sinne von kreolen Traditionen zu nennen)[29].
Studien und Arbeiten zur Kreolisierung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]MĂŒller und Ueckmann stellen in ihrem kĂŒrzlich herausgegebenen Band Kreolisierung revisited einleitend folgende Frage: âKann Kreolisierung als Modell einer neuen Kulturbegegnung im globalen Zeitalter dienen? Konkret: Kann die Reichweite auĂereuropĂ€ischer postkolonialer Theorie auch fĂŒr die Analyse innereuropĂ€ischer Migrationsgeschichte herangezogen und fruchtbar gemacht werden?â (MĂŒller/Ueckmann 2013: 14). Kann diese in Kolonien entstandene Theorie aus dem kolonialen Kontext herausgehoben und auch auf andere Territorien angewandt werden? Nach der von Stewart zusammengefassten Kritik mĂŒsste man wohl mit nein antworten. Auf Aisha Khan, einer aus der Karibik stammenden Anthropologin, eingehend, legt er die Geschlossenheit des Begriffes âKreolâ dar. In Trinidad wĂŒrde dieser zum Beispiel nur auf die Nachkommen aus Verbindungen zwischen (ehemaligen) schwarzen Sklaven und weiĂen EuropĂ€ern zutreffen. Zugleich wĂ€ren andere Migranten und Ethnien aus dieser kreolisierten Gesellschaft ausgeschlossen, wie zum Beispiel die Ost-Inder[30]. Dieses Problem fĂŒhrt im Grunde auf die, bereits erwĂ€hnte, von Knörr formulierte Forderung nach einem analytisch-komparativen KreolitĂ€tsbegriff zurĂŒck. WĂ€ren bereits Indikatoren, Merkmale, Charakteristika und Kriterien festgelegt, die unabhĂ€ngig von emischen und etischen Gesichtspunkten, eine gesellschaftliche (oder auch linguistische) wissenschaftliche Analyse ermöglichen wĂŒrden, wĂ€ren eingangs formulierte Fragen (eindeutiger) zu beantworten.
Letztlich aber sind dennoch Arbeiten und empirische Analysen aufzuzĂ€hlen, die sich mit der Kreolisierung auch auf europĂ€ischem Boden beschĂ€ftigt haben bzw. gesellschaftliche Prozesse als kreolisiert beschrieben haben. Zum einen wĂ€ren diesbezĂŒglich Arbeiten von Fatima El-Tayeb zu nennen, die z. B. in The Forces of Creolisation, auf die Situation von Migranten in Europa und ihren nachfolgenden Generationen eingehend, auf die latente Farbenblindheit Europas hinweist[31]. Eine weitere empirische Analyse, dieses Mal von JĂŒrgen Gerhards, entlarvt ein kreolisiertes Verhalten von deutschen Eltern bei der Vergabe der Namen fĂŒr ihre Kinder[32]. In diesen ZusammenhĂ€ngen meint Kreolisierung stets die Vermischung von verschiedenen Kulturen und Lebensstilen, unabhĂ€ngig von Hautfarbe und Ethnie der Untersuchungseinheiten. Teilweise werden gesellschaftliche VorgĂ€nge analysiert, ohne auf die historische und etymologische Begriffsgenese einzugehen, was Aisha Khan wohl erneut kritisieren wĂŒrde. AbschlieĂend bleibt wohl simpel die Forderung Jacqueline Knörrs nach einem analytisch-komparativen KreolitĂ€tsbegriff zu wiederholen, der die wissenschaftliche Arbeit mit diesem Begriff erheblich erleichtern wĂŒrde.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Djoufack, Patrice (2010): Entortung, hybride Sprache und IdentitÀtsbildung. Zur Erfindung von Sprache und IdentitÀt bei Franz Kafka, Elias Canetti und Paul Celan. V&R unipress: Göttingen.
- El-Tayeb, Fatima (2011): âThe Forces of Creolizationâ. Colorblindness and Visible Minorities in the New Europe. In: Lionnet, Françoise/Shi, Shu-mei (Hg.): The Creolization of Theory. Duke University Press: Durham. 226â252.
- Engel, Gisela/Marx, Birgit (2000): Globalisierung und UniversalitÀt interdisziplinÀre BeitrÀge. Röll Verlag: Dettelbach.
- Garcia-Canclini, Nestor: 'Hybridity'. In: International Encyclopedia of Social & Behavioral Sciences: Elsevier, Amsterdam [et al.], Vol. 10, S. 7095â7098.
- Gerhards, JĂŒrgen (2003): Globalisierung der Alltagskultur zwischen Verwestlichung und Kreolisierung: Das Beispiel Vornamen. In: Soziale Welt 54/2. 145â162.
- Gugenberger/Eva/Sartingen, Katrin (2011): HybriditĂ€t â TranskulturalitĂ€t â Kreolisierung â Innovation und Wandel in Kultur, Sprache und Literatur Lateinamerika. In: LIT Verlag: Wien. ISBN 978-3643503091
- Kahn, Aisha (2001): Journey to the center of the Earth: The Caribbean as master symbol. In: Cultural Anthropology 16. 271â302.
- Knörr, Jacqueline (2007): KreolitÀt und postkoloniale Gesellschaft. Integration und Differenzierung in Jakarta. Campus Verlag: Frankfurt a. M.
- Knörr, Jacqueline (2009): Postkoloniale KreolitĂ€t versus koloniale Kreolisierung. In: Paideuma 55. 93â115.
- Lang, JĂŒrgen (2009): Les langues des autres dans la crĂ©olisation. ThĂ©orie et exemplification par le crĂ©ole d'empreinte wolof Ă l'Ăźle Santiago du Cap Vert. Narr: TĂŒbingen
- Markey, Thomas L. (1982): Afrikaans: Creole or Non-Creole? In: Zeitschrift fĂŒr Dialektologie und Linguistik, 49/2. 169â207.
- Mauer, Stefan (2013): Selbst Mc Donalds beugt sich der indischen Kultur. Im Handelsblatt unter: http://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-dienstleister/schwerer-markteinstieg-selbst-mc-donalds-beugt-sich-der-indischen-kultur/4552442.html, abgerufen am 30. MĂ€rz 2013.
- Miller, Ivor (1994): Creolizing for Survival in the City. In: Cultural Critique 27. 153â188.
- MĂŒller, Gesine/Ueckmann, Natascha (2013): Einleitung: Kreolisierung als weltweites Kulturmodell? In: MĂŒller, Gesine/Ueckmann, Natascha (Hg.): Kreolisierung revisited. Debatten um ein weltweites Kulturkonzept. Transcript Verlag: Bielefeld. 7â42.
- Stewart, Charles (2007): Creolization: History, Ethnography, Theory. In: Creolization. History, Ethnography, Theory. Left Coast Press: Walnut Creek. 1â25.
- Stoll, Karl-Heinz (2005): Translation als Kreolisierung. In: Lebende Sprachen 50/4. 146â155.
- VergĂšs, Françoise (2008): Postkoloniales Ausstellen. Ăber das Projekt eines >Museums der Gegenwart< auf der Insel RĂ©union. Ein Interview mit Françoise VergĂšs von Charlotte Martinz-Turek. In: EuropĂ€isches Institut fĂŒr progressive Kulturpolitik 6. Online unter: http://eipcp.net/transversal/0708/martinzturekverges/de. Abgerufen am 31. MĂ€rz 2013.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Jacqueline Knörr: Postkoloniale KreolitĂ€t versus koloniale Kreolisierung. 2009, S. 98 ff.
- â Jacqueline Knörr: Postkoloniale KreolitĂ€t versus koloniale Kreolisierung. 2009, S. 93.
- â Knörr 2009, S. 94; Stoll 2005, S. 146 ff.
- â Knörr 2009, S. 94; Stewart 2007, S. 1 ff.; Stoll 2005, S. 146 ff.
- â vgl. Stewart 2007, S. 20.
- â Stewart 2007, S. 1.
- â Jacqueline Knörr: Postkoloniale KreolitĂ€t versus koloniale Kreolisierung. 2009, S. 94.
- â vgl. Knörr 2009: 94.
- â vgl. Stoll 2005: 146 ff.
- â vgl. Stewart 2007: 2
- â vgl. Knörr 2007: 40 ff., 2009: 98 und MĂŒller/Ueckmann 2013: 12 zu der Desintegration der Sklaven
- â vgl. Miller 1994 und MĂŒller, Ueckmann 2013: 10
- â vgl. Stewart 2007: 1
- â vgl. Knörr 2009: 97
- â Vgl. MĂŒller, Ueckmann 2013: 8
- â vgl. Djoufack 2010: 118 ff.
- â Stewart erwĂ€hnt in diesem Zusammenhang noch die HybriditĂ€t und den Synkretismus, vlg. 2007: 3
- â Knörr 2009: 101, vgl. auch Stewart 2007 19 ff., der ebenso die Bedeutung von allgemeinen Kriterien hervorhebt
- â vgl. Knörr 2009: 96, MĂŒller/Ueckmann 2013: 12 und Stewart 2007: 4
- â vgl. MĂŒller/Ueckmann 2013: 18
- â Gerhards 2003: 148
- â vgl. Knörr 2009: 97
- â vgl. Engel/Marx 2000, Gerhards 2003: 146 und Stoll 2005: 147
- â vgl. Gerhards 2003: 146
- â vgl. Gerhards 2003: 146
- â vgl. Mauer 2013 und die Angebotspalette von McDonaldsIndia: http://www.mcdonaldsindia.com/images/Nutrition-Information.pdf
- â vgl. Stoll 2005: 147
- â vgl. Gerhards 2003: 147
- â vertiefend hierzu Knörr 2007: 61 ff. und MĂŒller/Ueckmann 2013: 18 ff.
- â vgl. Stewart 2007: 4 ff.
- â El-Tayeb 2011
- â vgl. Gerhards 2003