Kolonialwaren


Stereoskopie Nr. 0669 von Knackstedt & NĂ€ther
Als Kolonialwaren, auch Colonialwaren (aus dem Englischen: colonial goods), wurden frĂŒher, besonders zur Kolonialzeit, ĂŒberseeische Lebens- und Genussmittel, wie z. B. Zucker, Kaffee, Tabak, Reis, Kakao, GewĂŒrze und Tee bezeichnet. KolonialwarenhĂ€ndler importierten diese Produkte, die in KolonialwarenlĂ€den und -handlungen verkauft wurden.
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Viele dieser Erzeugnisse stammten von GroĂplantagen, auf denen Sklaven oder Zwangsarbeiter tĂ€tig waren. Auch die Landwirtschaft in den deutschen Kolonien (z. B. die Kaffeeerzeugung in Deutsch-Ostafrika und die Kakaogewinnung in Kamerun, Tabak aus den SĂŒdseekolonien) konnten trotz Verbots der Sklaverei im Mutterland faktisch nur durch harte Zwangsarbeit betrieben werden.[1][2][3] In Kuba und Brasilien, wichtigen ExportlĂ€ndern fĂŒr Kaffee, Tabak und Zucker, wurde die Sklaverei offiziell sogar erst 1888 abgeschafft. Aus Deutschland wurde im Gegenzug u. a. Leinen fĂŒr die Bekleidung der Sklaven exportiert.[4]
Wichtigste ImportgĂŒter waren zunĂ€chst Rohrzucker (in Deutschland bis zum Ersatz durch RĂŒbenzucker in den 1850er Jahren) und Tabak aus Nordamerika und der Karibik. Das zu DĂ€nemark gehörende Flensburg entwickelte sich seit ca. 1760 durch die Rumimporte aus den dĂ€nische Kolonien in Westindien zur âRumstadtâ. Wichtigste deutsche EinfuhrhĂ€fen fĂŒr Kolonialwaren waren Bremen, Hamburg und (das bis 1864 ebenfalls dĂ€nische) Altona, die von ihrer Stellung als zollfreie FreihĂ€fen und der Weiterverarbeitung der GĂŒter stark profitierten. Hier entstanden Kaffeeröstereien, Schokoladen-, Zigarren- und Zigarettenfabriken und in deren Folge spezialisierte GroĂ- und EinzelhandelsgeschĂ€fte fĂŒr Kolonialwaren.
Mit dem Einsatz effektiver Dampfschiffe auf den Ăberseerouten und der Verdichtung des Eisenbahnnetzes (in Deutschland seit den 1870er Jahren) breitete sich der Kolonialwarenhandel auch in kleineren StĂ€dten und Dörfern aus, wĂ€hrend die saisonalen groĂstĂ€dtischen MĂ€rkte teilweise an Bedeutung verloren. Damit wurden Erzeugnisse fĂŒr alle Gesellschaftsschichten erschwinglich, die vorher den Reichen vorbehalten waren. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelten sich die spezialisierten KolonialwarenlĂ€den meist weiter zu LebensmittelgeschĂ€ften mit breiterem Angebot, welche wiederum spĂ€ter durch die SupermĂ€rkte ersetzt wurden.
Begriff
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Kolonialwarenhandel wurde statistisch vom Produktenhandel und vom Manufakturwarenhandel abgegrenzt.
Bis in die 1970er Jahre wurde der Begriff Kolonialwarenladen noch verwendet. Diese LĂ€den boten aber nicht mehr nur Kolonialwaren an, sondern alle Grundnahrungsmittel, unabhĂ€ngig vom Herkunftsland, daneben auch Seife, Waschmittel, Petroleum und anderen Haushaltsbedarf. Er entsprach dem Tante-Emma-Laden in Deutschland oder der Schweiz, wĂ€hrend in Ăsterreich der Begriff GreiĂler Verwendung fand. In der Schweiz ist Schwarzenbach Kolonialwaren in ZĂŒrich der letzte Kolonialwarenladen[5], in Deutschland der Kolonialwarenladen Wilhelm Holtorf in Bremen. Die Schweizer Migros bezeichnet einen Teil ihres Sortimentes immer noch als Kolonialwaren.[6][7]
Die Bezeichnung ist noch im Namen des in Deutschland weit verbreiteten Einzelhandelsverbandes Edeka zu finden (Einkaufsgenossenschaft der KolonialwarenhĂ€ndler im Halleschen Torbezirk zu Berlin â kurz E. d. K.).
Bildergalerie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Stollwerck-Kolonial-Schokolade (1890)
- KolonialwarengeschĂ€ft in SchĂŒlldorf bei Rendsburg (um 1930)
- GeschÀft in Passau nach Renovierung (2005)
- BĂ€ckerei, Conditorei und Kolonialwaren in Roggwil TG, Schweiz
- Rechnungskopf (1924)
- Frontansicht der Villa Schmitz-Scholl, Ruhrstr. 3 in der Ruhrtalstadt MĂŒlheim in Nordrhein-Westfalen
- Ehemalige Kaffeerösterei und KolonialwarengeschĂ€ft Unterberger in der Herzog-Friedrich-StraĂe in Innsbruck
- Hauswand am Gottesauer Platz in Karlsruhe
- Blick in Tabakverpackerei der Van Nelle Fabrik in Rotterdam
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Friedrich Wilhelm Schulze: Die Warenkunde des Kolonialwaren-Einzelhandels. Edeka-Verlagsgesellschaft, Berlin-Wilmersdorf 1930 (2. Auflage 1932).
- Ulrike Gleixner, Alexandra Kemmerer, Michael Matthiesen, Hermann Parzinger (Hrsg.): Kolonialwaren. In: Zeitschrift fĂŒr Ideengeschichte, Jg. XV, Quartalsheft 1 (FrĂŒhjahr 2021), C. H. Beck, MĂŒnchen 2021 (Auszug), ZDB-ID 2271417-0.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Private Seite ĂŒber Kolonialwaren und KolonialwarenlĂ€den in Freiburg i. Brsg. sowie Rezensionen zum Thema.
- Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache: Kolonialwarenladen.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Sebastian Gottschalk, Heike Hartmann: Der Maji-Maji-Krieg. Deutsches Historisches Museum, Berlin
- â Jonas Kreienbaum: Zwangsarbeit in den deutschen Kolonien. Beauftragte der Bundesregierung fĂŒr Kultur und Medien, Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, Berlin.
- â Tom Menger: Von massiver Gewalt geprĂ€gt. Interview vom 6. MĂ€rz 2023, Ludwig-Maximilians-UniversitĂ€t MĂŒnchen.
- â Horst Rössler: Bremer Kaufleute und die transatlantische Sklavenökonomie 1790â1865. In: Staatsarchiv Bremen (Hrsg.): Bremisches Jahrbuch, Band 95 (2016), S. 75â106 (Digitalisat).
- â Heini Hofmann: Kuriosum: Der letzte Kolonialwarenladen der Schweiz. In: Luzerner Zeitung. 11. Mai 2018, abgerufen am 7. November 2019.
- â Die RĂŒckkehr der Kolonialwaren (Neumarkt 3) â Saiten â Ostschweizer Kulturmagazin und Veranstaltungskalender. Abgerufen am 15. Juni 2020 (deutsch).
- â Neubau Migros Wittenbach. Archiviert vom (nicht mehr online verfĂŒgbar) am 9. Juni 2020; abgerufen am 15. Juni 2020.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprĂŒft. Bitte prĂŒfe Original- und Archivlink gemÀà Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.