Kindleinwiegen

Das Kindleinwiegen, auch Christkindlwiegen oder Kindelwiegen ist ein Weihnachtsbrauch, der auf das liturgische Spiel des Mittelalters zurĂŒckgeht und in verschiedener Form in Klöstern, Kirchen oder im privaten Kreis gepflegt wurde.
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das erste Zeugnis einer Kindelwiegenfeier findet sich in der Schrift De investigatione Antichristi, die der Propst des oberösterreichischen Augustiner Chorherrenstiftes Reichersberg, Gerhoch von Reichersberg, verfasste. Nach seiner Schilderung war der AuffĂŒhrungsort eine Klosterkirche, die Akteure Mönche oder Kleriker. Die Kindelwiegenfeier bestand in einer Reihe von GesĂ€ngen â aus dem Stundengebet und liturgisch nicht festgelegte Cantionen â, die durch einzelne Aktionen dramatisch angereichert wurden.
Bis ins 20. Jahrhundert findet sich der Brauch in vielen Variationen, unterschiedlich nach dem AuffĂŒhrungsort â Dom, kleine Kirche, Kloster ⊠â den AusfĂŒhrenden, und wohl auch den Erwartungen des Publikums. Als Requisiten dienten kĂŒnstlerisch gestaltete Wiegen mit einer Christkindpuppe. Kinder wiegten in der Kirche eine in einer Wiege liegende Figur des Jesuskindes aus Holz oder Wachs. Ăberliefert ist auch, dass MĂ€dchen in einer Reihe sitzend an langen SeidenbĂ€ndern das Christkindlwiegen praktizierten, wobei jede eine eigene Wiege mit einem Kind aus Wachs mitbrachte und beim Wiegen alte Wiegenlieder gesungen wurden.[2] So ist beispielsweise das Lied Joseph, lieber Joseph mein mit diesem Brauch verknĂŒpft.[3] Im 16. Jahrhundert berichtete Thomas Naogeorg von MĂ€dchen und Jungen, die vor einem auf den Altar gelegten hölzernen Christkind tanzten, die Erwachsenen klatschten dazu. Auch war es ĂŒblich, dass die Christkindfigur in der Kirche durch die Bankreihen weitergegeben wurde.[4]
Die Christkindlwiegen sind VorlĂ€ufer der Weihnachtskrippen.[5] Die Ă€ltesten isolierten Christkindlwiegen â das heiĂt ohne Maria und Joseph â stammen aus der Zeit um 1300.[6]
Genau 850 Jahre nach der ersten ErwĂ€hnung â am 7. JĂ€nner 2012 â hat der Wiener Experte fĂŒr mittelalterliche Musik Eberhard Kummer den Brauch wiederaufleben lassen. Zwei Ministrantinnen schaukelten das âChristkindâ in einer Wiege, dazu wurde ein historischer Schreittanz aufgefĂŒhrt. Schauplatz war die kleine romanische Kirche St. Gertrud in Klosterneuburg. Dort fand die Kindelwiegenfeier auch im Januar 2013 und 2014 statt.
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- August Heinrich Hoffmann von Fallersleben: Geschichte des deutschen Kirchenliedes bis auf Luthers Zeit. RĂŒmpler, Hannover 1861, S. 416â440 (Digitalisat).
- Walter Pötzl: Das Kindleinwiegen â der Ă€lteste Weihnachtsbrauch In: Brauchtum. Von der Martinsgans zum Leonhardiritt, von der Wiege bis zur Bahre. Augsburg 1999. S. 37â39 Archivversion.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Eintrag zu Kindelwiegen im Austria-Forum (im ABC zur Volkskunde Ăsterreichs), dort auch weitere Einzelnachweise
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Walter Pötzl; S. 39
- â Walter Pötzl; S. 37â39
- â Eduard Hoffmann-Krayer (Hrsg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Band 9, Spalte 878.
- â Manfred Becker-Huberti: Feiern â Feste â Jahreszeiten. Lebendige BrĂ€uche im ganzen Jahr. Sonderausgabe, Herder Verlag, Freiburg (Breisgau) 2001, ISBN 3-451-27702-6, S. 131.
- â Ulrike Bergmann: Nur ein Zeugnis der Vergangenheit? Krippenkunst in Deutschland. In: Deutsches Ărzteblatt 51/52 1984. S. 3829â3830
- â Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte. Band 3. Sp. 603, 604, Online-Fassung.