Impfstoffdesign

Das Impfstoffdesign (auch Impfstoffentwicklung) beschreibt Verfahren zur gezielten Anpassung von Impfstoffen. Das Impfstoffdesign ist eine Form des rationalen Designs und verwendet teilweise auch Methoden des Proteindesigns und des Vektordesigns.
Eigenschaften
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Mit einer Impfung soll ein lĂ€ngerfristiger Schutz vor einer Erkrankung und idealerweise eine Minderung der Weitergabe (Transmission) erzielt werden. Die adaptiven Teile des Immunsystems, die eine Form eines immunologischen GedĂ€chtnisses ausbilden, sind bei SĂ€ugetieren Antikörper-produzierende B-Zellen, T-Helferzellen und zytotoxische T-Zellen. FĂŒr ein Impfstoffdesign mĂŒssen zuerst die in einem Impfstoff einzusetzenden Antigene identifiziert werden. Auf einem Antigen befinden sich meistens mehrere Epitope, an die Teile der adaptiven Immunantwort binden können.
Das Impfstoffdesign besteht als evolutive Methode aus einer Identifikation wirksamer Epitope anhand zuvor festgelegter Kriterien (engl. scoring âPunkte-Bewertungâ), gefolgt von Methoden zur Optimierung der Immunantwort. Im Gegensatz zur Gentherapie mit viralen Vektoren ist bei einer immunogenen Impfung mit viralen Vektoren ein lĂ€ngerfristiger Verbleib des Vektors im Impfling unerwĂŒnscht, da dies zur Ausbildung einer Immuntoleranz fĂŒhren kann. Impfstoffe können immunogene (z. B. Impfstoffe gegen Pathogene oder Krebsimpfstoffe) oder tolerogene Wirkungen (Hyposensibilisierung, z. B. Glatirameracetat) erzeugen.[1] Entwicklungsparameter umfassen die Identifikation der zu verwendenden Antigene, die Applikationsform, Korrelate eines Impfschutzes, Tiermodelle, Skalierbarkeit, ProduktionskapazitĂ€ten, das Zielprofil des Endprodukts, Vorhersage der Epidemiologie und die zu impfende Population.[2]
Bei attenuierten Viren, viralen Vektoren, DNA- und RNA-Impfstoffen wird der Impfstoff von den Zellen des Impflings hergestellt, mit nativer Konformation und korrekten posttranslationalen Modifikationen, im Gegensatz zu rekombinanten Proteinen, die in Zellkulturen aus anderen Klassen erzeugt wurden. Innerhalb der Zelle erfolgt eine Zerlegung der Antigene im Proteasom, eine Bindung der Fragmente (Peptide) an den Antigenpeptid-Transporter, ein Import des Peptids in das endoplasmatische Retikulum, eine Bindung des Peptids an MHCI und eine Exozytose des Peptid-MHCI-Komplexes an die ZelloberflĂ€che. Dort werden die Peptid-MHCI-Komplexe den Immunzellen prĂ€sentiert und fĂŒhren zu einer Aktivierung der zellulĂ€ren Immunantwort.[3][4][5] Antigene auĂerhalb der Zelle werden per Endozytose in Endosomen aufgenommen, durch Peptidasen in Peptide zerlegt und dann von MHCII gebunden. Diese Komplexe werden per Exozytose an die ZelloberflĂ€che sezerniert und ebenfalls den Immunzellen prĂ€sentiert. Daneben werden Membranproteine direkt auf der ZelloberflĂ€che prĂ€sentiert, wo sie fĂŒr B-Zellen zugĂ€nglich sind.
Identifikation
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Epitope können durch zwei verschiedene Strategien charakterisiert werden. Die Epitope können aufgrund empirischer Kenntnisse ĂŒber die ImmunogenitĂ€t bzw. die Korrelate des Impfschutzes gegen eine Infektion anhand einer vorhergehenden Bestimmung der Immunantwort gegen ein gezieltes Epitop gewĂ€hlt werden. Alternativ können die Epitope aufgrund der Identifikation der Epitope durch eine Epitopkartierung mit Hilfe von Immunseren und GedĂ€chtniszellen von Rekonvaleszenten ausgewĂ€hlt werden.
Bewertungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Verschiedene Ergebnisse können als maĂgeblich ausgewĂ€hlt werden, z. B. Induktion eines Titers, Wirksamkeit in einem Neutralisationstest,[6] ELISA oder ELISPOT oder durch einen Tierversuch nach Immunisierung und anschlieĂender Infektion (Belastungsversuch, engl. challenge experiment) mit einer Erfassung des PathogenitĂ€tsindexes und der LetalitĂ€t. Hierbei können zur Minderung der Anzahl der VersuchsansĂ€tze die in-vitro-Methoden als begrenzte Vorschau verwendet werden. Die ĂberprĂŒfung von Immunogenen erfolgt jedoch anschlieĂend ĂŒber einen Belastungsversuch, sofern ein Tiermodell der Infektion vorhanden ist. Gelegentlich wird auch ein HĂ€magglutinationshemmtest oder verschiedene Methoden zur Bestimmung der ZellviabilitĂ€t antigenbeladener Opferzellen nach Zugabe von Immunzellen verwendet.
Neben den Kriterien zur Wirksamkeit (engl. efficacy) und Effizienz (engl. efficiency) des Impfstoffkandidaten werden auch die Wirksamkeit gegen mehrere StĂ€mme eines Erregers, die Immundominanz, der Vektortyp, die Verabreichungsform, die Biologische Halbwertszeit, die LagerstabilitĂ€t, die Kosten, eine Erweiterbarkeit der ProduktionskapazitĂ€t im Epidemiefall, die Depotwirkung, die Dosis, eine Immunmodulation, der protektive Quotient und unerwĂŒnschte Arzneimittelwirkungen in eine Bewertung miteinbezogen. Als Ziele der Wirksamkeit können verschiedene Endpunkte herangezogen werden, wie eine Abwesenheit einer Infektion bei Geimpften (sterilisierende ImmunitĂ€t), eine Abwesenheit von Krankheit oder eine Abwesenheit von schweren KrankheitsverlĂ€ufen. Je schwieriger ein Endpunkt zu erreichen ist, desto geringer ist die Wirksamkeit. Das bedeutet, dass derselbe Impfstoff höhere Werte der Wirksamkeit erreicht, wenn niedrigere Erfolgskriterien verlangt sind.
Korrelate eines Impfschutzes[7]
| Impfstoff | Typ | Testverfahren | Schutz ab |
|---|---|---|---|
| Hepatitis-A-Impfstoff | Inaktiviert | ELISA | 10 mIU/mL |
| Hepatitis-B-Impfstoff | HBsAg | ELISA | 10 mIU/mL |
| HPV-Impfstoff | Virus-like particle | ELISA | undefiniert |
| Influenzaimpfstoff | Gespalten oder attenuiert | HAI | 1:40 Titer |
| Japanische-Enzephalitis-Impfstoff | Inaktiviert oder attenuiert | Neutralisation | 1:10 Titer |
| Masernimpfstoff | Attenuiert | Neutralisation | 120â200 mIU/mL |
| Mumpsimpfstoff | Attenuiert | Neutralisation? | undefiniert |
| Polioimpfstoff | Attenuiert oder inaktiviert | Neutralisation | 1:4 bis 1:8 Titer |
| Tetanusimpfstoff | Inaktiviert | Neutralisation | 0.01 IU/mL |
| Tollwutimpfstoff | Inaktiviert | Neutralisation | 0.5 IU/mL |
| Rotavirus-Impfstoff | Attenuiert | Serum IgA | undefiniert |
| Rötelnimpfstoff | Attenuiert | ImmunprĂ€zipitation | 10â15 mIU/mL |
| Pockenimpfstoff | Attenuiert | Neutralisation | 1:20 bis 1:32 Titer |
| Varicellaimpfstoff | Attenuiert | FAMA, gpELISA, T-Zell-Proliferation | 1:64 Titer, 5 IU/mL, undefiniert |
| FSME-Impfung | Inaktiviert | Neutralisation | 125 IU/mL |
| Gelbfieberimpfstoff | Attenuiert | Neutralisation | 0.7 LNI |
Optimierungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zur VerstĂ€rkung einer Immunantwort gibt es verschiedene Strategien wie beispielsweise Wiederholungsimpfungen oder Dosiserhöhungen. Beim Prime-Boost-Verfahren werden mehrere Einzelkomponenten in definierter zeitlicher Abfolge gegeben, um eine additive oder synergistische Wirkung auf das Immunsystem zu erzielen. Man unterscheidet homologe (gleiche Start- und Wiederholungsvakzine) und heterologe (unterschiedliche Start- und Wiederholungvakzine) Prime-Boost-Schemata.[8] Auch eine Zugabe von Adjuvanzien kann zu einer Steigerung der Immunantwort fĂŒhren.[9][10] Der Applikationsort hat einen Einfluss auf den entstehenden Antikörper-Subtyp: im Muskel werden eher IgG gebildet, die systemisch vor Erkrankung schĂŒtzen, wĂ€hrend in den SchleimhĂ€uten eher IgA gebildet werden, welche an den Eintrittspforten vor Ansteckung schĂŒtzen und so die Transmission mindern.
Weiterhin beschrieben sind die folgende Strategien bzw. Techniken. Zur Minderung der Effekte der Immunevasion und einem möglicherweise daraus folgenden Impfdurchbruch (insbesondere bei RNA-Viren und Bakterien) werden gelegentlich Konsensussequenzen eines Epitops aus verschiedenen StĂ€mmen eines Pathogens oder Mischungen von Antigenen verschiedener StĂ€mme (z. B. beim Influenzaimpfstoff) verwendet, um einen begrenzten Schutz gegen mehrere StĂ€mme zu vermitteln.[11] Die Verwendung eines konservierten Epitops kann den Impfschutz auf mehrere StĂ€mme ausdehnen.[12][13] Wiederholungen von Epitopen extrazellulĂ€rer Antigene können als Thymus-unabhĂ€ngige Antigene eine humorale Immunantwort verstĂ€rken. Durch Aktivierung antigenprĂ€sentierender Zellen kann die Impfantwort gesteigert werden.[14] Bei intrazellulĂ€ren Pathogenen kann die Immunreaktion in Richtung zytotoxischer T-Zellen gelenkt werden, weil die humorale Immunantwort nicht innerhalb der Zelle wirken kann.[3] Retard-Formulierungen können die AntigenprĂ€sentation zeitlich verlĂ€ngern und so die Immunantwort steigern.[15] Durch virusartige Partikel und Virosomen kann eine gelegentlich schwache ImmunogenitĂ€t gereinigter Antigene (wie Untereinheitenimpfstoffe) teilweise kompensiert werden.[16] Durch einen geeigneten Vektor kann die Immunantwort gesteigert werden.[17] Bei genetischen Impfstoffen wie DNA-Impfstoffen (z. B. per Injektion oder per Genkanone), RNA-Impfstoffen oder viralen Vektoren werden die Antigene intrazellulĂ€r im Impfling hergestellt,[18] letztere können aufgrund einer VektorimmunitĂ€t nur einmal wirksam pro Geimpften eingesetzt werden. Daher wurden bei viralen Vektoren verschiedene Prime-Boost-Strategien zur VerstĂ€rkung der Immunantwort durch mehrfache Impfungen bei gleichzeitiger Umgehung einer VektorimmunitĂ€t entwickelt, bei der verschiedene Vektoren, jedoch mit dem gleichen Antigen, fĂŒr die einzelnen Impfungen verwendet werden.
Geschichte
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Die ersten Impfstoffe von Edward Jenner bestanden aus Pathogenen anderer Arten (z. B. Kuhpocken), die Humanpathogenen ausreichend Àhnelten, um eine Immunantwort bei geringerer Erkrankung auszulösen. Neben der Verwendung von Pathogenen anderer Arten kamen in Folge weitere Methoden hinzu. Virale Impfstoffe der nÀchsten Generation bestanden aus inaktivierten (z. B. der Polioimpfstoff von Jonas Salk),[19] gespaltenen (z. B. der Influenzaimpfstoff) oder attenuierten Virionen, wie der 17D-Gelbfieberimpfstoff von Max Theiler,[20] der Impfstoff gegen das Poliovirus von Albert Sabin oder das Modified Vaccinia Ankara von Anton Mayr.[21][22]
Aus den Spaltimpfstoffen gingen die gereinigten Antigene (auch Untereinheiten-Impfstoffe, engl. subunit vaccines) wie das HBsAg des Hepatitis-B-Virus im Jahr 1981,[23] Konjugatimpfstoffe wie gegen Haemophilus influenzae im Jahr 1983 und auch die synthetisch erzeugten Peptidimpfstoffe hervor,[24][25] die durch eine Proteinreinigung bzw. im letzten Fall durch eine Peptidsynthese weniger Nebenwirkungen durch Kontaminationen erzeugten, weniger bzw. im letzten Fall kein Risiko einer Erkrankung besaĂen und bei denen sich die Dosis leichter einstellen lieĂ, die jedoch auch oftmals weniger wirksam in Hinblick auf den Impfschutz waren. Diese Impfstoffe wirkten (mit Ausnahme der attenuierten Pathogene) vor allem auĂerhalb der Zelle auf die humorale Immunantwort, da nur eine geringe Aufnahme in Zellen und nur eine geringe anschlieĂende PrĂ€sentation der Epitope an MHCI fĂŒr eine zellulĂ€re Immunantwort erfolgte. Daher wurden in den folgenden Jahren verstĂ€rkt genetische Impfstoffe entwickelt. Der erste fĂŒr den Menschen zugelassene virale Vektorimpfstoff war ein Ebola-Impfstoff. Die ersten zugelassenen RNA- und DNA-Impfstoffe waren 2020 beziehungsweise 2021 COVID-19-Impfstoffe.
Markerimpfstoffe
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bei Markerimpfstoffen (synonym DIVA-Impfstoffe, von englisch Differentiating Infected from Vaccinated Animals âUnterscheidung von infizierten und geimpften Tierenâ) fehlt ein Epitop, wodurch Geimpfte und Erkrankte unterschieden werden können. Bei Geimpften fehlt die Immunreaktion gegen dieses Epitop.
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- C. Janeway et al.: Immunobiology (= Spektrum-Lehrbuch.). 5. Auflage, Spektrum, Akademischer Verlag, Berlin / Heidelberg 2002, ISBN 3-8274-1079-7 ((online)).
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â P. Moingeon, V. Lombardi, N. Saint-Lu, S. Tourdot, V. Bodo, L. Mascarell: Adjuvants and vector systems for allergy vaccines. In: Immunology and Allergy Clinics of North America. 2011, Band 31, Nr. 2, S. 407â419, xii, doi:10.1016/j.iac.2011.03.001, PMID 21530828.
- â E. Prompetchara, C. Ketloy, T. Palaga: Immune responses in COVID-19 and potential vaccines: Lessons learned from SARS and MERS epidemic. In: Asian Pacific journal of allergy and immunology. MĂ€rz 2020, Band 38, Nr. 1, S. 1â9, doi:10.12932/AP-200220-0772, PMID 32105090.
- 1 2 R. A. Koup, D. C. Douek: Vaccine design for CD8 T lymphocyte responses. In: Cold Spring Harbor Perspectives in Medicine. 2011, Band 1, Nr. 1, S. a007252, doi:10.1101/cshperspect.a007252, PMID 22229122, PMCÂ 3234456 (freier Volltext).
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