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Geoidbestimmung

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„Potsdamer Kartoffel“ – dreidimensionales Modell einer fĂŒnfzehntausendfach ĂŒberhöhten Darstellung des Geoids (2017, Deutsches GeoForschungsZentrum)

Geoidbestimmung bezeichnet in der GeodÀsie Verfahren zur Definition des Geoids.

Das Geoid ist diejenige NiveauflĂ€che des Schwerefelds der Erde, die mit dem mittleren Meeresspiegel der Weltmeere zusammenfĂ€llt und sich auf Meereshöhe unter den Kontinenten fortsetzt. Es stellt als idealisierte Form der ErdoberflĂ€che fĂŒr die Geowissenschaften die Erdfigur theoretisch dar und dient als BezugsflĂ€che fĂŒr fast alle gebrĂ€uchlichen Höhensysteme. Daher ist die genaue Bestimmung des Geoids auch praktisch von grundlegender Bedeutung fĂŒr die Landesvermessung und fĂŒr die Transformation verschiedener Höhensysteme.

Diese Aufgabe ist eng mit der Bestimmung von Details des Erdschwerefeldes verbunden. Die Methoden zur Messung der benötigten physikalischen Parameter des Erdschwerefelds wie auch die mathematischen Modelle zur Auswertung der erfassten Daten werden laufend weiterentwickelt und sind Gegenstand zahlreicher Forschungsprojekte. Die erreichbaren Genauigkeiten haben sich in den letzten fĂŒnf Jahrzehnten nahezu verzehnfacht. Das um 1990 postulierte Zentimeter-Geoid wurde noch nicht erreicht, in den Industriestaaten liegt die Genauigkeit bei 3–5 cm (Stand 2017).

Erdschwerefeld: Lotlinie durch P, senkrecht darauf das Geoid (Potential V = Vo) und weitere ÄquipotenzialflĂ€chen (Vi)

Globale und regionale Geoidbestimmung

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Jede konkrete Geoidbestimmung bezieht sich ĂŒblicherweise auf eine mathematisch klar definierte ReferenzflĂ€che, wofĂŒr entweder das mittlere Erdellipsoid oder das Referenzellipsoid der jeweiligen Landesvermessung dient. Die Distanz zu dem gewĂ€hlten Ellipsoid, gemessen lĂ€ngs der Ellipsoidnormalen, bezeichnet man als Geoidhöhe. Die Referenzellipsoide – von denen weltweit etwa 200 in Gebrauch sind – wurden in den Industriestaaten vor etwa 100 Jahren festgelegt und schmiegen sich dem Geoid des jeweiligen Staatsgebietes möglichst gut an. Von einem global gemittelten Erdellipsoid können sie – je nach Lage ihrer Fundamentalpunkte  – um BetrĂ€ge zwischen 10 und 100 Meter in der Höhe abweichen.

Das globale Erdellipsoid kann heute auf wenige Zentimeter genau berechnet werden, wozu die SatellitengeodĂ€sie wesentlich beitrĂ€gt. Um 1960 waren dessen Halbachsen auf etwa 30 Meter bekannt, was bei einem mittleren Erdradius von 6.370 km immerhin einer relativen Genauigkeit von fĂŒnf Millionstel entspricht (0,0005 Prozent oder 5 mm/km). Lokale Vermessungen kommen auch heute meist mit dieser PrĂ€zision aus (etwa 1 mm bei technischen Bauwerken), doch bei regionalen und globalen Projekten steigen die Anforderungen inzwischen deutlich. Sie können mit dem Global Positioning System (GPS) oder der Very Long Baseline Interferometry (VLBI) bereits im Bereich von 10−8 bis 10−9 liegen, wenige Milliardstel, was in den letzten Jahrzehnten nach hochprĂ€zisen Methoden der Geoidbestimmung verlangt.

Die Form des Geoids als einer besonderen NiveauflĂ€che des Schwerepotentials wird einerseits von der globalen Erdfigur und dem Aufbau des Erdinneren geprĂ€gt, andrerseits von allen UnregelmĂ€ĂŸigkeiten der Erdkruste. Dementsprechend unterscheidet man zwischen „langwelligen“ Strukturen – die am besten durch Auswertung von Satellitenbahnen zu bestimmen sind – und den „kurzwelligen“ Anteilen, die von der Landschaft und Geologie der jeweiligen Region geprĂ€gt werden. Letztere sind – insbesondere im Gebirge – nur durch lokale, terrestrische Messungen bestimmbar.

Die langwelligen Geoidundulationen der verschiedenen Kontinente betragen etwa 20 bis 50 Meter, die regional-lokalen Effekte einige Meter. Sie können sich jedoch – z. B. im steilen GelĂ€nde eines Gebirgslandes – um einige Dezimeter pro Kilometer Ă€ndern. Zur Berechnung solcher variabler EinflĂŒsse benötigt man neben einem guten Vermessungsnetz auch ein genaues GelĂ€ndemodell und ein digitales Modell der örtlichen Gesteinsdichte.

Geoidbestimmung als interdisziplinÀre Aufgabe

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Zu den modernen Methoden der Geoidbestimmung mĂŒssen daher die verschiedensten Wissensgebiete beitragen: Mathematische GeodĂ€sie und Netzausgleichung, Gravimetrie und astronomisch-geodĂ€tische Messtechnik, Radartechnik und Telemetrie, die Analyse von Satellitenbahnen (siehe auch Satellitentechnik und Bahnstörungen), genaue Grundlagen fĂŒr die erforderlichen Bezugsysteme, sowie Daten aus der Geologie und Ozeanografie.

WĂ€hrend das Geoid auf den Ozeanen durch den als ruhend gedachten mittleren Meeresspiegel reprĂ€sentiert wird, muss man es sich unter den Kontinenten als dessen Fortsetzung – etwa als Wasserstand in einem gedachten System von KanĂ€len – vorstellen. Es ist hier der Messung nur indirekt zugĂ€nglich, sodass die genaue Geoidbestimmung schon seit langem zu den anspruchsvollsten Aufgaben der Höheren GeodĂ€sie zĂ€hlt. In den 1990er Jahren wurde fĂŒr diese Herausforderung der Begriff des Zentimeter-Geoids geprĂ€gt.

DemgegenĂŒber ist das ozeanische Geoid zwar weniger genau messbar, aber einer direkten Bestimmung zugĂ€nglich, z. B. durch Radar-Höhenmessung von Satelliten ĂŒber dem Meeresspiegel. Allein die Entwicklung dieser Satellitenaltimetrie und ihrer mathematischen Auswertung unter dem Einfluss von Gezeiten hat in den 1970er und 1980er Jahren weltweit an die tausend Wissenschaftler verschiedenster Gebiete beschĂ€ftigt.

Physikalisch-geometrische und historische Aspekte

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Die Ermittlung des Geoids als der FlÀche gleichen Schwerepotentials in mittlerer Meereshöhe und seiner Abweichungen vom international vereinbarten Bezugsellipsoid sowie dessen Verbesserung ist das Programm der klassischen GeodÀsie.

Obwohl das Geoid eine physikalisch definierte BezugsflĂ€che ist, die aus der (variablen) Gravitationskraft und der Erdrotation resultiert, lĂ€sst es sich am genauesten geometrisch bestimmen: nĂ€mlich durch Messung der Lotrichtung, auf welcher es ĂŒberall senkrecht steht. Die klassische Geoidbestimmung, deren Theorie Friedrich Robert Helmert bereits vor 120 Jahren entwickelt hat, sucht jene FlĂ€che, die von allen gemessenen Lotrichtungen senkrecht durchstoßen wird (siehe Potsdamer Schweresystem). Da die Messung der sogenannten Lotabweichungen im Koordinatensystem der Sterne erfolgt, wird diese Ă€lteste Methode der Geoidbestimmung auch „astro-geodĂ€tisch“ genannt und ein damit berechnetes regionales Geoid als „Astrogeoid“ bezeichnet.

In den 1940er-Jahren wurde die Geoidbestimmung durch physikalische Methoden ergĂ€nzt, insbesondere durch die Entwicklung genauer Gravimeter zur relativen Schweremessung und die Eötvös’sche Drehwaage, die auch zur unterirdischen Exploration von Erdölfeldern diente. Gleichzeitig entwickelten nordeuropĂ€ische GeodĂ€ten die Theorie der Isostasie (Schwimmgleichgewicht der Gebirge und Kontinente), wodurch erstmals weltweite Berechnungen möglich wurden.

Durch Kombination der Bestimmungsverfahren von gravimetrischem Geoid und Astro-Geoid konnte man zur Mitte des 20. Jahrhunderts das globale Geoid auf 5–10 Meter genau berechnen, auf dem Festland regional – je nach messtechnischem Aufwand – auf 20 bis 100 Zentimeter.

Weil sich die UnregelmĂ€ĂŸigkeiten von Schwerefeld und Geoid auch in der Bewegung von Erdsatelliten widerspiegeln, entstanden seit den 1960er Jahren eine Reihe von Methoden der SatellitengeodĂ€sie sowie zugehörige mathematische Verfahren zur sogenannten Feldfortsetzung nach unten (vom Niveau der Satellitenbahn herab auf das Meeresniveau). Sie erforderten auch die Etablierung neuer interdisziplinĂ€rer Forschungsfelder – beispielsweise die Kollokation (gemeinsame Behandlung geometrisch-physikalischer Effekte) oder die Physikalische GeodĂ€sie.

Zusammenfassung: Da das Geoid eine Folge sowohl der physikalischen Massenverteilung im Erdinnern wie auch der Topografie des GelÀndes ist und zugleich die (geometrische) BezugsflÀche unserer Höhensysteme darstellt, können sehr verschiedene Verfahren zur Geoidbestimmung herangezogen werden. Sie entfallen methodisch auf die folgenden vier Gruppen:

Methodengruppen zur Geoidbestimmung

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Lotabweichung: Differenz zwischen wahrer Lotrichtung und einem theoretischen Erdellipsoid; sie entspricht der Neigung zwischen Geoid und Ellipsoid und verzerrt terrestrische Vermessungsnetze

Messungen der Schwerkraft

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(siehe auch Gravimetrie)

  1. terrestrische Messungen mit Gravimetern
  2. Schweremessungen im Flugzeug
  3. Messung von Schweregradienten

Messungen von Lotabweichungen

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(siehe auch Astrogeoid und astronomisches Nivellement)

  1. Messung von astro-geodÀtischen Lotabweichungen
  2. terrestrisch – Tachymetrie oder trigonometrische Höhenmessung
  3. aus astronomischen Azimuten in Vermessungsnetzen (nur bis etwa 1970 von Bedeutung)
Prinzip der Satellitenaltimetrie

Messungen mittels Erdsatelliten

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  1. durch Analyse von Bahnstörungen – siehe auch Bahnbestimmung
  2. durch Gradiometrie und SST
  3. mit Satelliten-Altimetrie (Radarechos ĂŒber dem Meer, kĂŒnftig auch ĂŒber grĂ¶ĂŸeren EisflĂ€chen)

Kombination einiger obgenannter Verfahren bzw. Daten

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  1. astro-gravimetrische Geoidbestimmung (TU MĂŒnchen & Wien, z. B. Prof. Hein, W. Daxinger)
  2. Kollokation von geometrischen und physikalischen Schwerefelddaten
  3. Störpotential mittels Kugelfunktions-Entwicklung plus terrestrische Gravimetrie
  • Karl Ledersteger: Astronomische und Physikalische GeodĂ€sie (Erdmessung). JEK Band V, Kapitel 4 (Lotabweichung und Geoidbestimmung), 7 (Kugelfunktionen) und 12/13 (Geoidundulationen, Molodenskij, Weltsystem), J. B. Metzler-Verlag, Stuttgart 1968.
  • Fernando SansĂČ, Michael Sideris (Hrsg.): Geoid Determination: Theory and Methods. (Vorausinfo) Springer-Verlag, November 2007, ISBN 0-387-46386-0, 300 Seiten.
  • Jean-Jacques Levallois: GĂ©odĂ©sie gĂ©nĂ©rale, IAG, Paris 1969.
  • Gottfried Gerstbach: Regionale Geoidbestimmung. Geowiss. Mitt. Band 11, TU Wien 1975.
  • Siegfried Heitz: Geoidbestimmung durch Interpolation nach kleinsten Quadraten aufgrund gemessener und interpolierter Lotabweichungen. DGK Reihe C, Heft 124, MĂŒnchen/Frankfurt 1968, 39 Seiten.
  • Albrecht Preusser: Ein dreidimensionales Berechnungsmodell fĂŒr geodĂ€tische Punkt- und Geoidbestimmungen. DGK Reihe C, Heft 238, MĂŒnchen 1977, 102 Seiten.
  • Volker Bialas: Erdgestalt, Kosmologie und Weltanschauung. Die Geschichte der GeodĂ€sie als Teil der Kulturgeschichte der Menschheit. Verlag Konrad Wittwer, Stuttgart 1982, ISBN 978-3-87919-135-2.
  • Karl-Eugen Kurrer: Besprechung des Buches von Bialas in Das Argument, Nr. 154, 1985, S. 885–887. PDF