Fleischextrakt



Fleischextrakt ist ein hochkonzentrierter Extrakt aus Rindfleisch. Ein Kilogramm der tiefbraunen zĂ€hen Paste wird aus 30 Kilogramm Muskelfleisch ohne weitere Zutaten hergestellt. Fleischextrakt kann entsprechend sparsam zur Herstellung von FleischbrĂŒhe (Bouillon) oder zur geschmacklichen Anreicherung von Suppen und Saucen verwendet werden.
Ebenso wird teilweise Fleischglace als Fleischextrakt bezeichnet.
Herstellung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zur Herstellung wird reines, von Fett, Sehnen und HĂ€uten befreites Muskelfleisch gemahlen und mit der gleichen Menge Wasser auf eine Temperatur von 75â80 °C erhitzt. Die so gewonnene krĂ€ftige FleischbrĂŒhe wird im Wasserbad erst bis zu einem gewissen Grad weiter eingekocht. AnschlieĂend kĂŒhlt die FlĂŒssigkeit ab. Beim Filtrieren bleibt das restliche, starr gewordene Fett zurĂŒck. Durch weiteres Einkochen entsteht eine braune, salbenartige Substanz. Sie kann durch Zugabe von heiĂem Wasser wieder gelöst werden.
Fleischextrakt zur Verwendung in der Lebensmittelindustrie wird meist nicht aus schierem Fleisch, sondern aus Resten der Lebensmittelherstellung wie Kochwasser von Corned Beef, Fleisch- und KnochenabfÀllen gewonnen.
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Pulver aus zerstoĂenem Fleisch, Hauptbestandteil von Fleischextrakten, war in Europa bereits bei den Kelten bekannt. Bei Völkern in Nordamerika war es Grundlage fĂŒr Pemmikan, eine Mischung aus zerstoĂenem Dörrfleisch und Fett, die auch als Reiseproviant genutzt wurde. Auch Nomaden in Westafrika und Zentralasien, in der Mongolei als Borts und Hirten in Tibet stellten es her.
VorlÀufer in England
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In England gab es bereits im 17. Jahrhundert getrockneten Fleischextrakt in WĂŒrfelform als Proviant fĂŒr Reisende. Er wurde nicht industriell hergestellt, sondern von einzelnen Haushalten, bei Bedarf und nach privaten Rezepten. Er wurde als âtragbare Suppeâ (portable soup) bezeichnet. In einem Kochbuch von Hannah Glasse aus dem Jahr 1747 gibt es dafĂŒr zwei Rezepte. Eine gröĂere Menge Fleisch wurde ausgekocht und anschlieĂend zu einem Gelee reduziert, das dann getrocknet wurde. Mit heiĂem Wasser aufgegossen, ergab es eine Suppe. Der Erfinder dieses Extrakts ist nicht bekannt, die erste bekannte ErwĂ€hnung stammt von einem Sir Hugh Plat Anfang des 17. Jahrhunderts. Im britischen National Maritime Museum ist ein solcher WĂŒrfel ausgestellt, der von einer Expedition James Cooks stammt.[1]
Bouillontafeln in Frankreich
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ein Verfahren zur industriellen Herstellung von Fleischextrakt wurde um 1800 von den französischen Chemikern Proust und Parmentier entwickelt, die aus der getrockneten gelatinierten Masse Bouillontafeln herstellten. Sie wurden als Verpflegung fĂŒr die Besatzung von Schiffen eingesetzt, ehe sie durch Liebigs Fleischextrakt verdrĂ€ngt wurden.[2] Die daraus mit heiĂem Wasser zubereitete Suppe wurde auch Tafel- oder Taschenbouillon genannt. Dieses Fertigprodukt wurde von Nachahmern jedoch hĂ€ufig verfĂ€lscht. âDie Bouillontafeln sind sehr in MiĂkredit gekommen, weil sie hĂ€ufig aus fast nichts als Leim [Gallert] bestanden, parfĂŒmiert mit dem Brataroma des Fleisches.â[3]
Liebigs Fleischextrakt
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Der deutsche Chemiker Justus von Liebig entwickelte ab den 1840er Jahren einen konzentrierten Fleischtrank. 1853 gab er ihn als stĂ€rkende Krankenkost der an Typhus erkrankten Tochter Emma seines Bekannten, des Chemikers und Industriellen James Muspratt, der sich zu diesem Zeitpunkt bei Liebig aufhielt. Sie konnte keine feste Nahrung mehr zu sich nehmen. Nach einigen Tagen erholte sich das MĂ€dchen durch den Fleischtrank und Liebig veröffentlichte das Rezept in den Annalen der Chemie unter dem Titel Eine neue FleischbrĂŒhe fĂŒr Kranke.[4]
Der Unternehmer und Ingenieur Georg Christian Giebert, der diesen Artikel gelesen hatte, bot Liebig 1862 eine Zusammenarbeit in Uruguay an. Zu der Zeit gab es in SĂŒdamerika einen groĂen Ăberschuss an Rindfleisch, da die Tiere vor allem wegen der HĂ€ute und Felle gehalten wurden. Aufgrund damals fehlender KĂŒhlmöglichkeiten konnte das Fleisch nicht ĂŒber weitere Strecken transportiert werden. Dort wurde nunmehr Liebig-Fleischextrakt in riesigen Mengen erzeugt und weltweit verkauft. Die Produktion in SĂŒdamerika gewann auch durch die deutschen Einigungskriege zwischen 1864 und 1870 an Bedeutung. Um die Bekanntheit und Beliebtheit zu fördern, wurde das Beilegen von Sammelbildern (Liebigbilder) eine wirksame WerbemaĂnahme.
Nach Liebigs Vorstellungen sollte der Fleischextrakt ein NĂ€hrmittel vor allem fĂŒr die Ă€rmere Bevölkerung sein, erwies sich dafĂŒr aber als zu teuer. Stattdessen wurde er als nĂ€hrstoffreiche Zugabe bei der Truppenverpflegung in diversen Kriegen verwendet und war Teil der eisernen Ration der deutschen und britischen Soldaten im Ersten Weltkrieg. Er wird immer noch hergestellt und findet in der KĂŒche sowie in der Lebensmittelindustrie Verwendung.
Entwicklungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In den 1880er Jahren entwickelte die Liebigâs Extract of Meat Company den BrĂŒhwĂŒrfel, eine mit Rindertalg in WĂŒrfelform gebrachte Grundlage fĂŒr BrĂŒhen. Zunehmend kam der Trend, den teuren Fleischextrakt zu ersetzen: Julius Maggi entwickelte im Jahr 1886 die flĂŒssige Maggi-WĂŒrze, die er ab 1887 auf den Markt brachte. Weitere Entwicklungen, die ein fertiges Gericht ergeben, sind unter anderem Instantsuppen. Auch die viele Jahrzehnte bekannte Erbswurst gehört dazu.
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- WĂŒrze
- Pepton-Fleisch-Agar (Mikrobiologie)
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Friedrich Orend: Henriette Davidis und Liebig. Erfindung und Vermarktung. In: Beruf der Jungfrau. Henriette Davidis und bĂŒrgerliches FrauenverstĂ€ndnis im 19. Jahrhundert. 2. Aufl. Graphium press, Oberhausen 1990, S. 166â175. ISBN 3-9800259-9-3
- GĂŒnther Klaus Judel: Die Geschichte von Liebigs Fleischextrakt. Zur populĂ€rsten Erfindung des berĂŒhmten Chemikers. In: Spiegel der Forschung: Wissenschaftsmagazin der Justus-Liebig-UniversitĂ€t GieĂen, 20. Jg., Nr. 1, Oktober 2003, S. 6â17, doi:10.22029/jlupub-4666.
- Hans-JĂŒrgen Teuteberg: Die Rolle des Fleischextrakts fĂŒr die ErnĂ€hrungswissenschaften und den Aufstieg der Suppenindustrie. Kleine Geschichte der FleischbrĂŒhe. Steiner, Stuttgart 1990, ISBN 3-515-05714-5.
- Bernhard Jussen: Liebigâs Sammelbilder â vollstĂ€ndige Ausgabe der Serien 1 bis 1138., Directmedia Publishing, Berlin 2008, ISBN 978-3-89853-640-0
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Alan Davidson: The Oxford Companion to Food. 2nd. ed. Oxford 2006, Artikel Portable Soup, S. 625
- â Hans-JĂŒrgen Teuteberg: Die Rolle des Fleischextrakts fĂŒr die ErnĂ€hrungswissenschaften und den Aufstieg der Suppenindustrie. Kleine Geschichte der FleischbrĂŒhe, Stuttgart 1990
- â Meyers Konversationslexikon, Artikel Bouillontafeln, ca. 1895
- â Alles zum Thema âLiebigs Fleischextraktâ von Hubertus Volz (Lehrer an der Justus-Liebig-Schule Darmstadt)