Faction-Prosa
Faction-Prosa (deutsch: Faktografie) bezeichnet Texte, in denen ein fiktiver Rahmen zur literarischen Darstellung verifizierbarer Fakten verwendet wird.[1] Faction-Prosa gilt als ursprĂŒnglich amerikanische Untergattung der Dokumentarliteratur.[2]
Zum Begriff
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Faction ist ein Schachtelwort aus den englischen Begriffen facts (deutsch: Fakten) und fiction (deutsch: Fiktion), das um 1970 entstand und seither in der Literaturwissenschaft verwendet wird.[3] Da faction im Englischen jedoch auch eine Faktion bezeichnen kann, werden meist die Begriffe âNew Journalismâ[1] oder âGonzo Journalismâ[3] bevorzugt.
Im deutschsprachigen Raum kursieren ebenfalls mehrere Begriffe, die jeweils unterschiedliche Aspekte der Faktografie beschreiben. Der Literaturwissenschaftler Reinhard Döhl beschreibt die Faktografie beispielsweise als einen Deutungsprozess von authentischem Material, der letztlich zur Entstehung von Dokumentarliteratur fĂŒhrt.[4] Döhl schlieĂt bei dieser Definition das Drama und die Lyrik bewusst nicht aus, da insbesondere ersteres die Dokumentarliteratur der ehemaligen Sowjetunion prĂ€gte.[4]
Merkmale und Vertreter
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Boris Paraschkewow nennt zwei charakteristische Gattungsmerkmale der Faction-Prosa: Sie mĂŒsse einerseits âauf erkennbaren Ereignissenâ beruhen und andererseits âunter Einbeziehung echter Persönlichkeitenâ in die fiktionale Handlung verfasst sein.[5] Gero von Wilpert hebt hervor, dass Faction-Prosa ânie ohne innere parteiliche Stellungnahme des Autorsâ[2] geschrieben wird, wĂ€hrend der Dokumentarroman seine politische Perspektive als verbindliche Wahrheit darstellt und der Tatsachenroman auf ein politisch weniger interessiertes Publikum abzielt.[6][7]
Bekannte Vertreter des faktografischen Schreibstils sind beispielsweise Truman Capote mit KaltblĂŒtig (1965), Norman Mailer mit The Armies of the Night (1968) und Thomas Keneally mit Schindlers Liste (1982).[3] Auch in der ehemaligen Sowjetunion etablierte sich die Faktografie als journalistisches Mittel.[8] Zu den Förderern dieser Entwicklung, die unter anderem die Revolution vorantreiben sollte, gehörte insbesondere Sergei Michailowitsch Tretjakow, der seine Erfahrungen im Theaterbereich auf den Journalismus ĂŒbertrug.[8] Im deutschen Sprachraum wurden Heinz-Peter Baecker, GĂŒnther ZĂ€uner und Wolfgang Ruehl fĂŒr ihre faktografischen Texte bekannt. Auch Dieter Meichsner, Peter Weiss und Heinar Kipphardt sollen in ihren Werken teils faktografisch gearbeitet haben. Entfernt kann auch die Pariser Prosa Heinrich Heines zur faktografischen Berichterstattung gezĂ€hlt werden, denn, wie Heine selbst schreibt, geht es âihm keineswegs darum empirische Wirklichkeit quasi 'photographisch' abzubilden, vielmehr betont er selbst, die 'Lutetia' sei ein Produkt der Natur und der Kunstâ.[9] Da er die Pariser Prosa als Auslandskorrespondent fĂŒr den deutschen Verleger Cotta geschrieben hat, unterlag die Prosa auch marktstrategischen Zielen.
Exemplarische deutsche Autoren und Werke im 21. Jahrhundert sind:
- Friedrich Christian Delius mit Die Frau, fĂŒr die ich den Computer erfand (2009) ĂŒber den Computerpionier Konrad Zuse[10]
- Richard von Schirach mit Die Nacht der Physiker (2012) ĂŒber die deutschen Atomwissenschaftler Werner Heisenberg, Otto Hahn und Carl Friedrich von WeizsĂ€cker im Zweiten Weltkrieg[11]
- Janko Ferk mit Der Kaiser schickt Soldaten aus (2013) ĂŒber das Attentat von Sarajevo[12]
- Georg von Wallwitz mit Meine Herren, dies ist keine Badeanstalt (2017) ĂŒber die Mathematiker David Hilbert und Emmy Noether[13]
- Steffen Kopetzky mit Damenopfer (2023) ĂŒber die sowjetische Schriftstellerin und RevolutionĂ€rin Larissa Reissner[14]
- Florian Illies mit TrĂ€ume aus Feuer (2026) ĂŒber den Berliner Glasmacher und Alchemisten Johannes Kunckel[15]
Abgrenzung zum Tatsachenroman
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Abgrenzung zum Tatsachenroman ist nicht eindeutig definiert. Dieser stellt ein âhistorisches Geschehen ganz oder teilweise mit fiktionalen Mittelnâ dar und verwendet ein âgeschickte[s] Arrangement verbĂŒrgter Detailsâ, die in eine fiktionale Handlung eingegliedert werden. Es entsteht die Illusion eines wahren Berichts, der von literarischen Strömungen innerhalb einer Epoche oder eines geografischen Raumes unabhĂ€ngig ist.[7]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Boris Paraschkewow: Wörter Und Namen Gleicher Herkunft Und Struktur. Lexikon Etymologischer Dubletten Im Deutschen. De Gruyter, Berlin / Boston 2004.
- Reinhard Döhl: Dokumentarliteratur. In: Dieter Borchmeyer, Viktor Ćœmegac (Hrsg.): Moderne Literatur in Grundbegriffen. Zweite, neu bearbeitete Auflage. Niemeyer, TĂŒbingen 1994, S. 82â88.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 Chris Baldick: The Oxford Dictionary of Literary Terms. 4. Auflage. Oxford University Press, Oxford 2015.
- 1 2 Gero von Wilpert: Faction-Prosa. In: Sachwörterbuch der Literatur. 8., verbesserte und erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 2001, ISBN 3-520-23108-5, S. 256.
- 1 2 3 Dinah Birch, Katy Hooper (Hrsg.): The Concise Oxford Companion to English Literature. 4. Auflage. Oxford University Press, Oxford 2013.
- 1 2 Reinhard Döhl: Dokumentarliteratur. In: Dieter Borchmeyer, Viktor Ćœmegac (Hrsg.): Moderne Literatur in Grundbegriffen. Zweite, neu bearbeitete Auflage. Niemeyer, TĂŒbingen 1994, S. 82â83.
- â Boris Paraschkewow: Wörter Und Namen Gleicher Herkunft Und Struktur. Lexikon Etymologischer Dubletten Im Deutschen. De Gruyter, Berlin / Boston 2004, S. 92.
- â Gero von Wilpert: Dokumentarliteratur. In: Sachwörterbuch der Literatur. 8., verbesserte und erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 2001, ISBN 3-520-23108-5, S. 182 f.
- 1 2 Gero von Wilpert: Tatsachenroman. In: Sachwörterbuch der Literatur. 8., verbesserte und erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 2001, ISBN 3-520-23108-5, S. 812 f.
- 1 2 Devin Fore: Die Emergenz der sowjetischen Faktografie. In: Deutsche Vierteljahrsschrift fĂŒr Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. Band 89. Metzler, Stuttgart 2015, S. 398.
- â Michael Geisler: Die Signatur der Wirklichkeit: Heinrich Heine und Egon Erwin Kisch. In: A. Kruse (Hrsg.): Heine-Jahrbuch Nr. 24, In: Arbitrium Zeitschrift fĂŒr Rezensionen zur germanistischen Literaturwissenschaft. Nr. 7. de Gruyter, 1985, S. 143â176.
- â Friedrich Christian Delius: Die Frau, fĂŒr die ich den Computer erfand. Rowohlt, 2009, ISBN 978-3-87134-642-2 (288Â S.).
- â Richard von Schirach: Die Nacht der Physiker: Heisenberg, Hahn, WeizsĂ€cker und die deutsche Bombe. Berenberg, 2012, ISBN 978-3-937834-54-2 (272 S.).
- â Janko Ferk: Der Kaiser schickt Soldaten aus: Ein Sarajevo-Roman. Styria, 2013, ISBN 978-3-99040-252-8 (162Â S.).
- â Georg von Wallwitz: Meine Herren, dies ist keine Badeanstalt: Wie ein Mathematiker die Welt verĂ€nderte. Berenberg, 2017, ISBN 978-3-946334-24-8 (256 S.).
- â Steffen Kopetzki: Damenopfer. Rowohlt, Berlin 2025, ISBN 978-3-7371-0151-6 (448Â S.).
- â Florian Illies: TrĂ€ume aus Feuer: Der Alchemist von der Pfaueninsel. Pfaueninsel, 2026, ISBN 978-3-691-31005-4 (144 S.).