Erich Preiser
Erich Preiser (* 29. August 1900 in Gera; â 16. August 1967 in MĂŒnchen) war ein deutscher Ăkonom des 20. Jahrhunderts.

Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Frankfurt am Main
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Er besuchte das Goethe-Gymnasium in Frankfurt am Main, damals ein Reformgymnasium mit eigenem Frankfurter Lehrplan. Im Jahre 1918 musste er nach dem Abitur noch einige Monate Wehrdienst leisten, bevor er sein Studium der Geschichte und Klassischen Philologie an der UniversitĂ€t Frankfurt am Main aufnehmen konnte. Seit dem Sommersemester 1919 war er Mitglied der damals in Frankfurt ansĂ€ssigen Alten StraĂburger Burschenschaft Germania.[1] Beeindruckt von der Persönlichkeit Franz Oppenheimers wechselte er jedoch im Jahre 1920 seine StudienfĂ€cher und wĂ€hlte Nationalökonomie und Soziologie. Im Jahre 1923 wurde er mit der Dissertation Die Marxsche Krisentheorie und ihre Weiterbildung. Darstellung und Kritik, die er bei Oppenheimer verfasst hatte, summa cum laude promoviert; danach arbeitete er bei seinem Lehrer als Seminarassistent. In dieser Zeit hatte er als kompetenten GesprĂ€chspartner den mit ihm befreundeten Konjunkturforscher Eugen Altschul. Im Jahr 1928 reichte er seine Habilitationsschrift Die Expansion des modernen Industriestaats ein, die von Oppenheimer Ă€uĂerst positiv beurteilt wurde. Da es jedoch von anderer Seite scharfe Kritik gab, zog Preiser sein Habilitationsgesuch zurĂŒck.
TĂŒbingen, Stuttgart, Rostock
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bereits im Jahre 1930 konnte er sich mit einer anderen Habilitationsschrift zum Thema Die Stellung der Privatwirtschaftslehre im System der Oekonomik an der UniversitĂ€t TĂŒbingen bei Wilhelm Rieger fĂŒr Privatwirtschaftslehre habilitieren. Intensive Diskussionen hatte er in TĂŒbingen mit seinem Freunde Hans Peter, besonders ĂŒber Probleme des Wirtschaftskreislaufs. Aufgrund seines Buches GrundzĂŒge der Konjunkturtheorie wurde seine venia legendi im Jahre 1933 auf Volkswirtschaftslehre erweitert. In TĂŒbingen widmete er sich auch Untersuchungen zur Wirtschaftsstruktur, wie sie bereits sein Lehrer Oppenheimer angeregt hatte. Als Ergebnis erschien 1937 sein Buch Die wĂŒrttembergische Wirtschaft als Vorbild.[2]
Nach lĂ€ngeren VertretungstĂ€tigkeiten an der Technischen Hochschule Stuttgart und an der UniversitĂ€t Rostock wurde er dort im Jahre 1937 zum Extraordinarius ernannt, im folgenden Jahr zum Ordinarius. Im Jahre 1939 wurde er zum Wehrdienst eingezogen, um am Ăberfall auf Polen teilzunehmen. Zu dieser Zeit nahm er einen Ruf an die UniversitĂ€t Jena an.
Erich Preiser trat Juli 1933 in die SA ein, am 5. Juni 1937 beantragte er die Aufnahme in die NSDAP und wurde rĂŒckwirkend zum 1. Mai desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 5.038.793).[3][4]
Jena
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]WĂ€hrend seiner Jenaer Zeit arbeitete er vor allem an Problemen der Wirtschaftsordnung und wirkte â zusammen mit dem in Jena lebenden Franz Böhm â an den Arbeitssitzungen des dritten Freiburger Kreises, der Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath, mit; dort waren ihm auĂer Böhm vor allem Walter Eucken und Adolf Lampe wichtige, freundschaftliche Diskussionspartner. Im Jahre 1942 wurde er wieder einberufen und in der Schlacht von Rschew eingesetzt, dann aber nach Lazarettaufenthalt wieder entlassen. In Jena gab er zudem im Jahre 1943 die JahrbĂŒcher fĂŒr Nationalökonomie und Statistik zusammen mit Friedrich LĂŒtge heraus.
Zusammen mit Erich Gutenberg und Friedrich Zucker gehörte er zum GesprÀchskreis von Ricarda Huch. Auch mit der Neubauer-Poser-Gruppe gab es Kontakte.
Am 5./6. Juli 1945 nahm er mit dem geschĂ€ftsfĂŒhrenden Rektor der UniversitĂ€t Jena, Friedrich Zucker, den Professoren Erich Gutenberg und Jussuf Ibrahim sowie dem Anglisten Gustav Kirchner an einer Besprechung teil, die im Hotel âĂlmĂŒhleâ in Jena zur Vorbereitung der Wiedereröffnung der UniversitĂ€t durch Walter Ulbricht und einer Inspektionsgruppe der SMAD unter Leitung der deutschlandpolitischen Experten des sowjetischen AuĂenministeriums Andrei Smirnow und Wladimir Semjonow abgehalten wurde. Am 15. Oktober 1945 fand die offizielle Wiedereröffnung der UniversitĂ€t Jena statt.
Heidelberg
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Jahre 1946 erhielt Erich Preiser einen Ruf an die UniversitĂ€t Heidelberg und ĂŒbernahm als Nachfolger von Alfred Weber dessen Lehrstuhl fĂŒr Wirtschaftswissenschaften. Seit 1947 war er im Rahmen der Philosophischen FakultĂ€t in dieser Funktion tĂ€tig. Von seinen zahlreichen Heidelberger SchĂŒlern erlangten Victor Zarnowitz, Wilhelm Krelle, Alfred Eugen Ott und Ernst HelmstĂ€dter im Bereich der Wirtschaftswissenschaften besondere Bedeutung.
Neben seiner LehrtĂ€tigkeit widmete sich Preiser intensiv der Mitwirkung im Wissenschaftlichen Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium, dem er von dessen GrĂŒndung an bis zu seinem Tode angehörte. Dort traf er nicht nur befreundete GesprĂ€chspartner aus frĂŒherer Zeit, sondern auch neue, so insbesondere Oswald von Nell-Breuning, mit dem er in vielem ĂŒbereinstimmte. Im Jahre 1948 ĂŒbernahm er auch die Herausgabe der Abteilung Staatswissenschaft der EnzyklopĂ€die der Rechts- und Staatswissenschaft, fĂŒr die er bedeutende Autoren gewann, nicht zuletzt Walter Eucken, Carl Joachim Friedrich, Erich Gutenberg, Wilhelm Kromphardt, Friedrich LĂŒtge und GĂŒnter Schmölders. Seit der GrĂŒndung des Ifo-Institutes fĂŒr Wirtschaftsforschung im Jahre 1949 war er Mitglied in dessen Forschungsbeirat. Im Jahre 1953 wurde er in die Philosophisch-Historische Klasse der Heidelberger Akademie der Wissenschaften berufen. Im Jahre 1955 beschrieb und benannte er die beiden dynamischen Gewinnarten Marktlagengewinn und Pioniergewinn.[5]
MĂŒnchen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Jahre 1956 folgte er einem Ruf an die Ludwig-Maximilians-UniversitĂ€t MĂŒnchen, an der er bis zu seinem Tode lehrte; seine Vorlesungen waren Anziehungspunkt auch fĂŒr nicht wenige Fachfremde. Noch im selben Jahre wurde er in die Philosophisch-Historische Klasse der Bayerischen Akademie der Wissenschaften berufen. Seit 1959 gehörte er dem Kuratorium des ifo Instituts fĂŒr Wirtschaftsforschung e. V. MĂŒnchen an. Als Mitglied des Strukturbeirates zur GrĂŒndung der UniversitĂ€t Regensburg setzte er sich seit 1965 in besonderem MaĂe fĂŒr die Gestaltung der neuen Wirtschaftswissenschaftlichen FakultĂ€t ein. Von seinen SchĂŒlern aus seiner MĂŒnchener Zeit sind besonders Albert Jeck, Peter Kalmbach, Peter Kuhbier, Karl Heinrich OppenlĂ€nder und Peter K. Reitter zu nennen.
Ehrungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In seiner MĂŒnchener Zeit erreichten ihn verschiedene Ehrungen: 1964 wurde er von der Juristischen FakultĂ€t der UniversitĂ€t Bonn zum Ehrendoktor promoviert; im selben Jahr wurde er eingeladen, anlĂ€sslich der JubilĂ€umsfeiern der UniversitĂ€t Frankfurt am Main die Gedenkrede zum 100. Geburtstag seines Lehrers Franz Oppenheimer zu halten. Im Jahre 1967 wurde ihm als erstem Wirtschaftswissenschaftler der Reuchlin-Preis der Stadt Pforzheim verliehen. Kurz vor seinem Tode erreichte ihn noch die Nachricht, die UniversitĂ€t TĂŒbingen habe seine Ehrenpromotion beschlossen, doch konnte diese nicht mehr vollzogen werden. Im Jahre 1980 veranstaltete die UniversitĂ€t Passau ein Gedenksymposion zum 80. Geburtstag, im Jahre 2000 die UniversitĂ€t Heidelberg eine Festveranstaltung zum 100. Geburtstag.
Leistungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]âIn der Geschichte der deutschen Nationalökonomie wird er seinen Platz finden als einer unter denen, die der deutschen Nationalökonomie wieder den AnschluĂ an die internationale Entwicklung verschafften, der den sozialen Impuls, der in der deutschen Wirtschaftswissenschaft des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts mitbestimmend war, in eine neue Zeit hinĂŒber rettete und der insbesondere auf dem Gebiet der Konjunktur- und Verteilungstheorie neue und wesentliche Gedanken hinzubrachte.â Wilhelm Krelle: Erich Preiser 29.8.1900 â 16.8.1967. Ein groĂer deutscher Nationalökonom. In: JahrbĂŒcher fĂŒr Nationalökonomie und Statistik. 181/1968. Gustav Fischer, Stuttgart, S. 509.
Werke
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]SelbststÀndige Werke
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- GrundzĂŒge der Konjunkturtheorie, J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), TĂŒbingen 1933
- Die wĂŒrttembergische Wirtschaft als Vorbild. Die Untersuchungen der Arbeitsgruppe OstpreuĂen-WĂŒrttemberg, Kohlhammer, Stuttgart 1937
- Die Zukunft unserer Wirtschaftsordnung, 5. Aufl., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1968
- Wachstum und Einkommensverteilung, 3. Aufl., Carl Winter, Heidelberg 1970
- Nationalökonomie heute. Eine EinfĂŒhrung in die Volkswirtschaftslehre, 15. Aufl., C.H. Beck, MĂŒnchen 1992, ISBN 3-406-34780-0
Gesammelte Schriften
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Bildung und Verteilung des Volkseinkommens. Gesammelte AufsÀtze zur Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik, 4. Aufl., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1970
- Wirtschaftspolitik heute. Grundprobleme der Marktwirtschaft, 6. Aufl., C.H. Beck, MĂŒnchen 1978 (ausgewĂ€hlte VortrĂ€ge)
- Politische Ăkonomie im 20. Jahrhundert. Probleme und Gestalten, C.H. Beck, MĂŒnchen 1970, ISBN 3-406-02469-6 (ausgewĂ€hlte Arbeiten)
- Wirtschaftswissenschaft im Wandel. Gesammelte Schriften zur Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik, Georg Olms, Hildesheim 1975
Herausgeberschaften
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- JahrbĂŒcher fĂŒr Nationalökonomie und Statistik, zusammen mit Friedrich LĂŒtge (seit 1943)
- EnzyklopÀdie der Rechts- und Staatswissenschaft. Abt. Staatswissenschaft (seit 1950)
- Studium Generale, zusammen mit Karl Heinrich Bauer u. a. (seit 1950)
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Wilhelm Krelle: Preiser, Erich. In: Baden-WĂŒrttembergische Biographien. Band 1, 1994, S. 284â289
- Johannes Schmidt: Wachstum und Verteilung in der Geldwirtschaft. Das wissenschaftliche Werk Erich Preisers (1900â1967), Metropolis, Marburg 1998, ISBN 3-89518-181-1
- Detlef J. Blesgen: Erich Preiser. Wirken und wirtschaftspolitische Wirkungen eines deutschen Nationalökonomen, Springer, Berlin u. a. 2000, ISBN 3-540-67133-1 [Grundlegende Biographie mit Personalbibliographie und Verzeichnis der Literatur ĂŒber E.P.]
- Knut Borchardt: Preiser, Erich. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 20. Duncker & Humblot, Berlin 2001, ISBN 3-428-00201-6, S. 687â688 (deutsche-biographie.de).
- Helmut Marcon, Heinrich Strecker: Artikel 72. Arnold Richard Julius Erich Preiser, in: 200 Jahre Wirtschafts- und Staatswissenschaften an der Eberhard Karls UniversitĂ€t TĂŒbingen. Leben und Werk der Professoren, Bd. I, Steiner, Stuttgart 2004, S. 529â537, ISBN 3-515-06657-8 [mit Personalbibliographie und Verzeichnis der Literatur ĂŒber E.P.]
- Michael Buddrus, Sigrid Fritzlar: Die Professoren der UniversitĂ€t Rostock im Dritten Reich. Ein biographisches Lexikon. MĂŒnchen 2007. S. 318â320 online
- Dagmar DrĂŒll: Heidelberger Gelehrtenlexikon 1933 - 1986, 2009, S. 474f. [mit Literatur ĂŒber E.P. nach 2000]
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Willy Nolte (Hrsg.): Burschenschafter-Stammrolle. Verzeichnis der Mitglieder der Deutschen Burschenschaft nach dem Stande vom Sommer-Semester 1934. Berlin 1934, S. 380.
- â Vgl. dazu auch: Michael Prinz: Der Sozialstaat hinter dem Haus. Wirtschaftliche Zukunftserwartungen, Selbstversorgung und regionale Vorbilder: Westfalen und SĂŒdwestdeutschland 1920-1960. Ferdinand Schöningh, Paderborn u. a. 2012, ISBN 978-3-506-77332-6, S. 198â228.
- â Bundesarchiv R 9361-VIII KARTEI/16341491
- â Jan-Otmar Hesse in Rezension von Blesgen, Detlef. J: Erich Preiser. Wirken und wirtschaftspolitische Wirkungen eines deutschen Nationalökonomen (1900â1967).
- â Erich Preiser, Multiplikatorprozess und dynamischer Unternehmergewinn, in: Journal of Economics and Statistics, Vol. 167, No. 2/3 (1955), S. 89â126
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Preiser, Erich |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Ăkonom |
| GEBURTSDATUM | 29. August 1900 |
| GEBURTSORT | Gera, ThĂŒringen |
| STERBEDATUM | 16. August 1967 |
| STERBEORT | MĂŒnchen |
- Ăkonom (20. Jahrhundert)
- Hochschullehrer (Eberhard Karls UniversitĂ€t TĂŒbingen)
- Hochschullehrer (UniversitÀt Rostock)
- Hochschullehrer (Ruprecht-Karls-UniversitÀt Heidelberg)
- Hochschullehrer (Friedrich-Schiller-UniversitÀt Jena)
- Hochschullehrer (Ludwig-Maximilians-UniversitĂ€t MĂŒnchen)
- Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften
- Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften
- SA-Mitglied
- NSDAP-Mitglied
- Deutscher
- Geboren 1900
- Gestorben 1967
- Mann
- Person des Freiburger Kreises (NS-Zeit)
- Burschenschafter (20. Jahrhundert)
- Person der Neubauer-Poser-Gruppe