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Einspurmodell

aus Wikipedia, der freien EnzyklopÀdie

Das lineare Einspurmodell ist die einfachste Modellvorstellung zur ErklĂ€rung der stationĂ€ren und instationĂ€ren Querdynamik von zweispurigen Kraftfahrzeugen. Das Einspurmodell wurde von Riekert und Schunck[1] bereits 1940 entwickelt und fĂŒr die Analyse des Lenk- und Störverhaltens bei Seitenwind eingesetzt. Bis heute ist das Einspurmodell die unverzichtbare Theoriegrundlage fĂŒr Fahrzeug-Ingenieure mit dem Fachgebiet Fahrdynamik. Die weiteste Verbreitung hat das lineare Einspurmodell in ESP-SteuergerĂ€ten gefunden, wo es zur Fahrerwunsch-Erkennung eingesetzt wird.

Da sich PKW auf trockener Fahrbahn bis zu einer Querbeschleunigung von etwa 4 m/s2 noch weitgehend linear verhalten, kann das querdynamische Verhalten in diesem Bereich durch das lineare Einspurmodell nÀherungsweise erklÀrt werden.

Neben dem linearen Einspurmodell gibt es Einspurmodelle mit verschiedenen Detaillierungsstufen z. B. nichtlineare Einspurmodelle oder Einspurmodelle mit zusÀtzlichem Wankfreiheitsgrad.[2]

Im Folgenden wird auf das lineare Einspurmodell mit zwei Freiheitsgraden (Giergeschwindigkeit, Schwimmwinkel) eingegangen. Es wird der Spezialfall eines an der Vorderachse gelenkten Fahrzeugs ohne Ă€ußere Störungen behandelt.

Anwendungsgebiete

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  • Plausibilisierung von Versuchs- bzw. Simulationsergebnissen.
  • Fahrerwunscherkennung bei Fahrdynamikregelsystemen (aus Fahrgeschwindigkeit und Lenkradwinkel wird ein Sollverhalten ermittelt).[3]
  • Identifikation von KenngrĂ¶ĂŸen aus Messdaten (z. B. Eigenfrequenz, Lehr’sche DĂ€mpfung).
  • Trennung von Lenk- und Störanteilen (z. B. Seitenwind) aus Messdaten.
  • StabilitĂ€tsbetrachtungen im geschlossenen Regelkreis.
  • Entwicklung von Fahrdynamikregelsystemen z. B. Hinterachslenkung.

Mit nur sieben Fahrzeugparametern eignet sich das Einspurmodell auch fĂŒr Prinzipuntersuchungen, bei denen detailliertere Modelle wegen der Vielzahl von Parametern nicht eingesetzt werden können.

  • Beide RĂ€der einer Achse werden zu einem Rad zusammengefasst.
  • Kinematik und Elastokinematik der Achse werden im Reifenparameter berĂŒcksichtigt.
  • Lineares Reifenverhalten.
  • ReifenrĂŒckstellmomente werden vernachlĂ€ssigt.
  • Kein Reifeneinlaufverhalten.
  • Kein Wanken.
  • Die Änderung der Fahrgeschwindigkeit wird quasistationĂ€r behandelt.
  • KleinwinkelnĂ€herung cos(φ) ≈ 1, sin(φ) ≈ φ

Kinematische Beziehungen

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Kinematische Beziehungen beim Einspurmodell

Die ebene Bewegung eines Starrkörpers kann stets als Drehung um den Momentanpol M aufgefasst werden. FĂŒr die Geschwindigkeit im Schwerpunkt gilt daher

v=ψ˙⋅R,

wobei ψ˙ die Giergeschwindigkeit bezeichnet.

Die Geschwindigkeitsvektoren der Radaufstandspunkte stehen senkrecht auf den Polstrahlen. Der von den Polstrahlen eingeschlossene Winkel ist somit der Differenzwinkel der Geschwindigkeitsvektoren von Vorderachse und Hinterachse.

Unter der Voraussetzung kleiner Winkel ist der eingeschlossene Winkel auch das VerhĂ€ltnis von Radstand l und Polabstand R. FĂŒr den Fall eines nur an der Vorderachse gelenkten Fahrzeugs ist der Vorderachseinschlag ÎŽv gleich dem Lenkwinkel ÎŽ, so dass sich der Zusammenhang

ÎŽ=lR+αv−αh

ergibt. Der Lenkwinkel setzt sich aus dem Ackermannwinkel lR (nach Rudolph Ackermann) und der SchrÀglaufwinkeldifferenz zwischen Vorderachse und Hinterachse zusammen.

Die SchrĂ€glaufwinkel lassen sich aus den Freiheitsgraden (ZustandsgrĂ¶ĂŸen) Giergeschwindigkeit und Schwimmwinkel sowie dem Lenkwinkel berechnen:

αv=ÎČ−lvvψ˙+ÎŽv,αh=ÎČ+lhvψ˙+ÎŽh.

Dabei ist ÎŽh der Lenkwinkel der Hinterachse, der zunĂ€chst noch nicht berĂŒcksichtigt wird.

KrÀfte und Momente

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KrÀfte am Einspurmodell

VernachlĂ€ssigt man WindkrĂ€fte und Windmomente, so wirken als Ă€ußere KrĂ€fte die AchsseitenkrĂ€fte Sv und Sh auf das Fahrzeug ein. Diese sind beim linearen Einspurmodell proportional zu den SchrĂ€glaufwinkeln. ProportionalitĂ€tsfaktoren sind die SchrĂ€glaufsteifigkeiten cv und ch der Achsen:

Sv=cv⋅αv,Sh=ch⋅αh.

Bei gegebenen KrÀften lauten die Bewegungsgleichungen (Impulssatz und Drallsatz):

m⋅ay=Sv+Sh,
Ξ⋅ψš=Sv⋅lv−Sh⋅lh.

Mit ay wird die Zentripetalbeschleunigung bzw. Radialbeschleunigung bezeichnet, die senkrecht zum Geschwindigkeitsvektor im Schwerpunkt in Richtung Momentanpol weist.

In den Freiheitsgraden des Einspurmodells ausgedrĂŒckt gilt fĂŒr die Radialbeschleunigung

ay=v⋅(ψ˙−ÎČ˙)=v⋅γ˙,

mit der Kurswinkelgeschwindigkeit γ˙.

StationÀres Verhalten

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Bei stationĂ€rer Fahrt wird das Moment der Ă€ußeren KrĂ€fte bezĂŒglich des Schwerpunkts zu Null. Es gilt also

Sv⋅lv=Sh⋅lh.

Kombiniert man die letzte Gleichung mit dem Impulssatz, so können die SeitenkrĂ€fte in AbhĂ€ngigkeit von der Radialbeschleunigung ausgedrĂŒckt werden:

Sv=m⋅lhl⋅ay=mv⋅ay,Sh=m⋅lvl⋅ay=mh⋅ay.

Eingesetzt in die aus den kinematischen Bedingungen gewonnene Gleichung fĂŒr den Lenkwinkel ergibt sich

ή=lR+(mvcv−mhch)⏟EG⋅ay=lR+EG⋅ay.

Der Klammerausdruck wird als Eigenlenkgradient (EG) bezeichnet. An Stelle der kompakten Schreibweise fĂŒr den EG (oben) kann auch eine Gleichung verwendet werden, bei der nur direkte Parameter eingehen:

EG=m⋅(ch⋅lh−cv⋅lv)cv⋅ch⋅l.

Der stationÀre Lenkwinkel setzt sich aus einem Anteil, der nur von Radstand und Radius abhÀngt (Ackermannwinkel), und einem Anteil proportional zur Radialbeschleunigung zusammen. Das Eigenlenkverhalten wird entsprechend dem Vorzeichen des EG unterschieden:[4]

EG > 0: untersteuernd,
EG = 0: neutral,
EG < 0: ĂŒbersteuernd.

Alle heutigen PKW sind bei kleinen bis mittleren Querbeschleunigungen untersteuernd ausgelegt. Übersteuernde Fahrzeuge können instabil werden.

GierverstÀrkung

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Die GierverstÀrkung ist das VerhÀltnis zwischen stationÀrer Giergeschwindigkeit und Lenkradwinkel.

Mit ÎŽH=iS⋅ή (dabei ist iS die GesamtlenkĂŒbersetzung) gilt fĂŒr den stationĂ€ren Lenkradwinkel

ήH=iS⋅(lR+EG⋅ay).

Bei stationĂ€rer Kreisfahrt gilt ay=v⋅ψ˙, da die Schwimmwinkelgeschwindigkeit zu Null wird. Wird lR=lψ˙v in die obige Gleichung eingesetzt, ergibt sich:

ÎŽH=iS⋅l+v2⋅EGv⋅ψ˙

und somit die GierverstÀrkung

ψ˙ΎH=1is⋅vl+v2⋅EG.

GierverstÀrkung in AbhÀngigkeit vom Eigenlenkgradienten

Das Bild zeigt mögliche VerlÀufe je nach Vorzeichen des Eigenlenkgradienten. Untersteuernde Fahrzeuge haben ein Maximum der GierverstÀrkung, welches bei der charakteristischen Geschwindigkeit

vch=lEG

auftritt. Im Fall EG<0 kann der Nenner der GierverstÀrkung Null werden. Die Geschwindigkeit, bei der dies der Fall ist, wird als kritische Geschwindigkeit

vkrit=−lEG

bezeichnet. Die GierverstĂ€rkung wĂ€chst an dieser Stelle ĂŒber alle Grenzen, das Fahrzeug wird instabil.

Die maximale GierverstĂ€rkung bezogen auf den Lenkradwinkel hat fĂŒr untersteuernde Fahrzeuge den Wert

ψ˙ΎH|max=1iS⋅12⋅l⋅EG.

Die meisten PKW haben maximale GierverstĂ€rkungen im Bereich zwischen 0,2 1/s und 0,4 1/s. Als Kennwert beschreibt die maximale GierverstĂ€rkung den AgilitĂ€tseindruck eines Fahrzeugs bei mittleren Geschwindigkeiten (Landstraße). Die charakteristische Geschwindigkeit liegt bei den meisten PKW im Bereich zwischen etwa 70 km/h und 110 km/h.

Die Anfangssteigung der GierverstĂ€rkung ĂŒber der Fahrgeschwindigkeit wird als statische Lenkempfindlichkeit bezeichnet. Sie ist ein Maß fĂŒr die Wendigkeit eines Fahrzeugs bei geringen Geschwindigkeiten. Sie hat den Wert

dψ˙ΎHdv|v=0=1iS⋅l.

und hĂ€ngt nur von GesamtlenkĂŒbersetzung und Radstand ab. Fahrzeuge mit kurzem Radstand werden daher als wendiger bei geringen Geschwindigkeiten empfunden.

Der Schwimmwinkel lÀsst sich bereits aus den kinematischen Beziehungen ableiten. Es gilt:

ÎČ=−lhR+αh=−lhR+mhch⏟SG⋅ay.

Der Ausdruck mhch wird als Schwimmwinkelgradient (SG) bezeichnet. Kleine Schwimmwinkelgradienten sind die Voraussetzung fĂŒr sicheres, stabiles Fahrverhalten. HaupteinflussgrĂ¶ĂŸe ist die Wahl der Bereifung an der Hinterachse.

Analog zur GierverstÀrkung lÀsst sich auch eine SchwimmwinkelverstÀrkung berechnen. Nach einigen Umformungen ergibt sich:

ÎČÎŽH=1is⋅−lh+v2⋅SGl+v2⋅EG.

Zu hohe SchwimmwinkelverstĂ€rkungen sind fahrdynamisch unerwĂŒnscht, da sie zu einem unsicheren Fahrverhalten bei hohen Geschwindigkeiten beitragen.

Dynamisches Verhalten

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Beim dynamischen Verhalten interessieren Ein- bzw. AusschwingvorgĂ€nge sowie die Antwort auf bestimmte Testsignale. Die wichtigsten sind der Lenkwinkelsprung und die sinusförmige Anregung. Diese VorgĂ€nge sind durch ihre Übertragungsfunktionen charakterisiert.

Zur Berechnung dieser Eigenschaften empfiehlt es sich, auf die Zustandsraumdarstellung ĂŒberzugehen:

đ±Ë™=đ€â‹…đ±+𝐁⋅u mit đ±=[ÎČψ˙] und u=ÎŽHiS.

Eigenfrequenz und DĂ€mpfung

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Ein- bzw. AusschwingvorgÀnge werden von Eigenfrequenz und DÀmpfung bestimmt. Diese lassen sich mit Hilfe der Eigenwerte berechnen. Die Eigenwerte ergeben sich aus dem charakteristischen Polynom

det⁥(đ€âˆ’Î»â‹…đˆ)=0.

Ausgeschrieben:

λ2−(a11+a22)⋅λ+(a11⋅a22−a12⋅a21)=0

Die Lösung des charakteristischen Polynoms lautet

λ1,2=a11+a222±(a11+a222)2−(a11⋅a22−a12⋅a21).

Das StabilitĂ€tskriterium nach Hurwitz besagt, dass alle Koeffizienten des Polynoms positiv sein mĂŒssen; nur der konstante Term darf negativ werden. Daraus folgt:

(a11⋅a22−a12⋅a21)>0.

In den Fahrzeugparametern ausgedrĂŒckt:

cv⋅ch⋅lm⋅ξ⋅v2⋅(l+v2⋅EG)>0.

Die StabilitÀtsbedingung des Einspurmodells lautet somit:

l+v2⋅EG>0.

Diese Bedingung wurde bereits bei der kritischen Geschwindigkeit abgeleitet. Die stationĂ€re KenngrĂ¶ĂŸe Eigenlenkgradient ist somit zugleich auch ein wichtiges StabilitĂ€tsmaß.

Übliche PKW haben bei geringen Fahrgeschwindigkeiten reelle Eigenwerte, bei mittleren bis hohen Fahrgeschwindigkeiten konjugiert komplexe Eigenwerte. Bei fahrdynamisch relevanten Fahrgeschwindigkeiten kann man vom konjugiert komplexen Fall ausgehen. Die Eigenwerte können dann wie folgt interpretiert werden:

λ1,2=−ω0⋅D±j⋅ω0⋅1−D2⏟ωD.

Dabei sind

ω0: ungedĂ€mpfte Eigenkreisfrequenz,
ωD: gedĂ€mpfte Eigenkreisfrequenz,
D: Lehr’sches DĂ€mpfungsmaß,
ω0⋅D: Abklingkonstante.

Durch Vergleich mit den Eigenwerten ergibt sich:

ω02=(a11⋅a22−a12⋅a21),D=−a11+a222⋅ω0.

Gegeben seien folgende Fahrzeugdaten:[5]

BezeichnungFormelzeichenGrĂ¶ĂŸeMaßeinheit
Massem1550kg
GiertrÀgheitsmomentΞ2800kg m2
Abstand Schwerpunkt – Vorderachselv1.344m
Abstand Schwerpunkt – Hinterachselh1.456m
SchrÀglaufsteifigkeit Vorderachsecv75 000N/rad
SchrÀglaufsteifigkeit Hinterachsech150 000N/rad
GesamtlenkĂŒbersetzungiS16-

Eigenwerte des linearen Einspurmodells
Damit ergeben sich die im Bild gezeigten Eigenwerte in AbhĂ€ngigkeit von der Fahrgeschwindigkeit. Aus den Eigenwerten können Eigenfrequenzen und DĂ€mpfung berechnet werden. WĂŒnschenswert sind hohe Eigenfrequenzen und hohe DĂ€mpfungen, was sich aber unter den Randbedingungen der Fahrzeugabstimmung nicht widerspruchsfrei realisieren lĂ€sst.
Eigenfrequenz und DĂ€mpfung des linearen Einspurmodells

Übertragungsverhalten

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Alle interessierenden GrĂ¶ĂŸen (AusgangsgrĂ¶ĂŸen) lassen sich mit Hilfe der ZustandsgrĂ¶ĂŸen und dem Eingang Lenkradwinkel berechnen. Dazu wird die Laplace-Transformation benutzt (s komplexe Variable). Aus GrĂŒnden der Vereinfachung werden im Bild- und im Zeitbereich dieselben Symbole verwendet.

y(s)=đ‚â‹…đ±+𝐃⋅u.

Als Beispiel sei die Querbeschleunigung genannt, deren Gleichung in KrĂ€fte und Momente schon gezeigt wurde. Die Matrizen 𝐂 und 𝐃 lauten dann:

𝐂=[−s⋅vv],𝐃=[0].

Mit:

đ±(s)=(s⋅𝐈−𝐀)−1⋅𝐁⋅u=𝐆u⋅ήH.

Dabei ist 𝐆u der Vektor der Übertragungsfunktionen von Schwimmwinkel und Giergeschwindigkeit.

Es lĂ€sst sich zeigen, dass jede Übertragungsfunktion auf die Form:

yήH=V⋅Z(s)N(s)

gebracht werden kann.

Das Nennerpolynom ist bei allen Übertragungsfunktionen identisch und hat die Form:

N(s)=1+2⋅Dω0⋅s+1ω02⋅s2.

Man kann die Übertragungsfunktionen mit Hilfe der Fahrzeugparameter analytisch berechnen. So lĂ€sst sich z. B. die Übertragungsfunktion der Giergeschwindigkeit auf folgende Form bringen:

ψ˙(s)=Vψ˙⋅1+ψ˙Tz⋅s1+2⋅Dω0⋅s+1ω02⋅s2⋅ήH.

Der VerstÀrkungsfaktor ist die bereits abgeleitete GierverstÀrkung. Die ZÀhlerzeitkonstante berechnet sich zu

ψ˙Tz=v⋅mhch

und entspricht somit dem Produkt aus Fahrgeschwindigkeit und Schwimmwinkelgradient.

Setzt man die komplexe Variable s=j⋅ω, so erhĂ€lt man aus den Übertragungsfunktionen den Frequenzgang.[6] Der Frequenzgang ist eine komplexe Funktion von ω. Aus dem Betrag erhĂ€lt man den Amplitudengang, aus dem Winkel den Phasengang. Die FrequenzgĂ€nge werden am einfachsten numerisch bestimmt, sie können aber auch in AbhĂ€ngigkeit von den Fahrzeugparametern angegeben werden.

Am hĂ€ufigsten werden die FrequenzgĂ€nge von Giergeschwindigkeit und Querbeschleunigung berechnet bzw. im Fahrbetrieb gemessen. Bei der Messung im Fahrzeug ist zu berĂŒcksichtigen, dass die Beschleunigung ortsabhĂ€ngig ist und damit vom Messort zum Schwerpunkt umgerechnet werden muss.

Mit den Fahrzeugdaten aus obiger Tabelle zeigen die FrequenzgÀnge von Giergeschwindigkeit und Querbeschleunigung eine starke AbhÀngigkeit von der Fahrgeschwindigkeit. Frequenzgang von Giergeschwindigkeit und Querbeschleunigung

Die starke Überhöhung im Amplitudengang der Giergeschwindigkeit ist neben der mit zunehmender Fahrgeschwindigkeit abnehmenden DĂ€mpfung auch mit der ZĂ€hlerzeitkonstanten zu erklĂ€ren. Eine wirksame Maßnahme zur Verbesserung der dynamischen Eigenschaften ist daher ein möglichst kleiner Schwimmwinkelgradient.

Mathematische Herleitung

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Bewegungsgleichungen

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Die Bewegungsgleichungen lauten, ausgedrĂŒckt in den ZustandsgrĂ¶ĂŸen:

ÎČ˙=−cv+chm⋅v⋅ÎČ+m⋅v2−(ch⋅lh−cv⋅lv)m⋅v2⋅ψ˙+cvm⋅v⋅ήHiS,ψš=−ch⋅lh−cv⋅lvξ⋅ÎČ−ch⋅lh2+cv⋅lv2ξ⋅v⋅ψ˙+cv⋅lvξ⋅ήHiS.

Die oben bereits eingefĂŒhrten Matrizen lauten daher:

𝐀=[−cv+chm⋅vm⋅v2−(ch⋅lh−cv⋅lv)m⋅v2−ch⋅lh−cv⋅lvξ−ch⋅lh2+cv⋅lv2ξ⋅v], 𝐁=[cvm⋅vcv⋅lvξ].

In Zustandsraumdarstellung:

đ±Ë™=đ€â‹…đ±+𝐁⋅u.

StationÀre Fahrzeugreaktionen

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Bei stationĂ€rer Fahrt werden die Ableitungen der ZustandsgrĂ¶ĂŸen zu Null. Die ZustandsgrĂ¶ĂŸen berechnen sich somit zu

đ±=−𝐀−1𝐁⋅u.

AusgedrĂŒckt in den Komponenten der Matrizen 𝐀 und 𝐁:

đ±=−1det⁡𝐀[a22⋅b11−a12⋅b21−a21⋅b11+a11⋅b21]⋅u=[KÎČKψ˙]⋅u.

Nach einigen Umformungen (siehe dazu auch Inverse Matrix #Berechnung) ergibt sich:

đ±=[mhch⋅v2−lhl+v2⋅EGvl+v2⋅EG]⋅u=[VÎČVψ˙]⋅ήH.

Berechnung der Übertragungsfunktionen

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Ausgehend von der Gleichung

đ±(s)=(s⋅𝐈−𝐀)−1⋅𝐁⋅u

ergibt sich, ausgedrĂŒckt in den Komponenten der Matrizen 𝐀 und 𝐁,

đ±(s)=−1det⁡𝐀⋅N(s)[a22⋅b11−a12⋅b21−s⋅b11−a21⋅b11+a11⋅b21−s⋅b21]⋅u

mit

N(s)=1−a11+a22det⁡𝐀⋅s+1det⁡𝐀⋅s2.

Mit den zuvor berechneten VerstÀrkungen erhÀlt man:

đ±(s)=1N(s)[KÎČ⋅(1+b11⋅sa12⋅b21−a22⋅b11)Kψ˙⋅(1+b21⋅sa21⋅b11−a11⋅b21)]⋅u.

Hinterachslenkung

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Der Einschlag an der Hinterachse wird analog zur Vorderachse als unabhĂ€ngige EingangsgrĂ¶ĂŸe behandelt. Die EingangsgrĂ¶ĂŸe u und der Vektor 𝐁 werden erweitert:

𝐼=[ήvήh],𝐁=[−cvm⋅v−chm⋅vcv⋅lvξ−ch⋅lhξ]

Die GrĂ¶ĂŸe Lenkwinkel ergibt sich als Differenz der EinschlĂ€ge von Vorderachse und Hinterachse:

ή=ήv−ήh

Mit diesen Erweiterungen lassen sich formal stationĂ€re und instationĂ€re GrĂ¶ĂŸen sowohl fĂŒr Fahrzeuge mit reiner Hinterachslenkung bzw. Fahrzeuge bei RĂŒckwĂ€rtsfahrt, als auch fĂŒr Fahrzeuge mit Allradlenkung wie bisher berechnen. Da das Fahrverhalten fĂŒr den Fahrer vorhersehbar sein muss, ist zumindest stationĂ€r ein fester Zusammenhang zwischen Lenkradwinkel und Hinterachseinschlag erforderlich (ECE R 79). Dieser wird von SpezialfĂ€llen z. B. beim Gabelstapler abgesehen von einem SteuergerĂ€t (Steer-by-Wire) abhĂ€ngig von der Fahrgeschwindigkeit berechnet.

Geht man bei Allradlenkung vereinfacht von einem proportionalen Zusammenhang zwischen Hinterachseinschlag und Vorderachseinschlag aus, der durch den Faktor k(v)=ÎŽhÎŽv gegeben ist, ergibt sich fĂŒr die GesamtlenkĂŒbersetzung:

iS=iv1−k(v)

Damit lassen sich wichtige KenngrĂ¶ĂŸen wie die GierverstĂ€rkung, die auf den Lenkradwinkel bezogen sind verallgemeinern. Da die LenkĂŒbersetzung nun geschwindigkeitsabhĂ€ngig ist, lĂ€sst sich die maximale GierverstĂ€rkung nicht mehr einfach berechnen.

Zur Verbesserung der FahrstabilitĂ€t ist bei höheren Geschwindigkeiten ein gleichsinniger Einschlag (k>0) erforderlich. Bei Fahrzeugen mit optionaler Hinterachslenkung wird die dadurch reduzierte maximale GierverstĂ€rkung teilweise durch eine direktere LenkĂŒbersetzung an der Vorderachse oder eine Überlagerungslenkung korrigiert. Geht man von einer Steuerung des Hinterachseinschlags proportional zum Lenkradwinkel aus, sind Eigenfrequenz und DĂ€mpfung unverĂ€ndert. Dennoch verbessern sich die dynamischen Eigenschaften deutlich, was sich z. B. an der geringeren Überhöhung im Gierfrequenzgang zeigt.

ψ˙(s)=vL+v2⋅EG[(1−k)+v⋅(mhch−kmvcv)⋅s]N(s)⋅ήv
  • Adam Zomotor: Fahrwerktechnik: Fahrverhalten. 2. Auflage. Vogel, WĂŒrzburg 1991, ISBN 3-8023-0774-7.
  • Manfred Mitschke, Henning Wallentowitz: Dynamik der Kraftfahrzeuge. 5. Auflage. Springer Vieweg, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-658-05067-2.
  • Erich Schindler: Fahrdynamik. 2. Auflage. expert verlag, Renningen 2013, ISBN 978-3-8169-3188-1.
  • Dieter Schramm, Manfred Hiller, Roberto Bardini: Modellbildung und Simulation der Dynamik von Kraftfahrzeugen. Springer, Berlin/Heidelberg 2010, ISBN 978-3-540-89313-4.

Einzelnachweise

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  1. ↑ P. Riekert, T. E. Schunck: Zur Fahrmechanik des gummibereiften Kraftfahrzeugs, Ingenieur-Archiv, 11, 1940, S. 210–224.
  2. ↑ L. Diebold, W. Schindler et al.: Einspurmodell fĂŒr die Fahrdynamiksimulation und -analyse, ATZ online, Ausgabe 2006-11.
  3. ↑ Erich Schindler: Fahrdynamik: Grundlagen des Lenkverhaltens und ihre Anwendung fĂŒr Fahrzeugregelsysteme. expert verlag, 2007, ISBN 978-3-8169-2658-0, S. 34. (eingeschrĂ€nkte Vorschau in der Google-Buchsuche)
  4. ↑ Karl-Ludwig Haken: Grundlagen der Kraftfahrzeugtechnik. 4. Auflage. Hanser, 2015, ISBN 978-3-446-44216-0, S. 252. (eingeschrĂ€nkte Vorschau in der Google-Buchsuche)
  5. ↑ Mitschke, Manfred: Dynamik der Kraftfahrzeuge; Springer-Verlag 2004; ISBN 3-540-42011-8
  6. ↑ Otto Föllinger: Regelungstechnik, 5. verbesserte Auflage, HĂŒthig-Verlag 1985.