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edition suhrkamp

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Band 1 der edition suhrkamp

Die edition suhrkamp (es) ist eine Buchreihe des Suhrkamp Verlages im Taschenbuchformat. Seit Mai 1963 erscheinen in ihr jĂ€hrlich 48 Erstausgaben – bis Anfang 2022 insgesamt weit mehr als 2500 BĂ€nde[1] – sowohl literarischer als auch essayistischer Natur. Die anfangs von Siegfried Unseld herausgegebene edition suhrkamp bestimmte insbesondere in den 1960er- und 1970er-Jahren den gesellschaftlichen Diskurs mit. Die Reihe ist zudem durch ihr von Willy Fleckhaus geschaffenes Reihendesign in Spektralfarben bekannt.

Am 2. Mai 1963 erschienen die ersten 20 BĂ€nde der anfangs von Siegfried Unseld herausgegebenen edition suhrkamp. Das Projekt, inhaltlich hochwertige, anspruchsvolle Erstausgaben als Taschenbuch zu veröffentlichen, war nicht unumstritten. Unter anderen Max Frisch und Hans Magnus Enzensberger rieten Unseld von diesem Vorhaben ab – Frisch bemerkte in einem Brief: „Suhrkamp in Leinen, Suhrkamp in Dosen, Suhrkamp als Brotaufstrich.“[2]

Die 1963 preislich mit 3 DM gĂŒnstigen BĂŒcher waren jedoch durchaus erfolgreich, ĂŒber 41 Millionen Exemplare wurden seither in der edition suhrkamp verkauft. Weiterhin werden jĂ€hrlich 48 neue BĂ€nde veröffentlicht – vier pro Monat.

Band 1 – das aufklĂ€rerische StĂŒck von Bert Brecht: Leben des Galilei – kann als programmatische AnkĂŒndigung verstanden werden. Laut Unseld sollte sich die es vorwiegend an Studenten richten, um „(
) ihnen die neue deutsche Literatur, Übersetzungen und theoretische Texte in BĂŒchern zu niedrigen Preisen zugĂ€nglich zu machen. Von Anfang an steht fest, dass die edition suhrkamp sich den Luxus und die Leidenschaft einer Linie, also eines klar erkennbaren Konzeptes, leistet.“

WĂ€hrend in den ersten Jahren die literarischen Texte deutlich ĂŒberwogen, verschob sich in der zweiten HĂ€lfte der 1960er Jahre das VerhĂ€ltnis zugunsten der „Theorie“; „Anfang der 1970er Jahre hat sich das AnfangsverhĂ€ltnis von Literatur- und Theorietiteln zugunsten der theoretischen BĂ€nde umgekehrt.“[3]

Vereinzelt wurden in der es auch Periodika veröffentlicht, darunter das Brecht-Jahrbuch der Internationalen Brecht-Gesellschaft mit den JahrgĂ€ngen 1974 bis 1980, die Friedensanalysen, von denen zwischen 1975 und 1992 27 Nummern erschienen (trotz des Untertitels Vierteljahresschrift fĂŒr Erziehung, Politik und Wissenschaft eher unregelmĂ€ĂŸig) und die von Wilhelm Heitmeyer von 2002 bis 2012 herausgegebene Reihe Deutsche ZustĂ€nde.[4] Außerdem erschienen innerhalb der es wiederholt Unterreihen ohne eigene ZĂ€hlung, zum Beispiel die ab 1983 von Hans-Ulrich Wehler herausgegebene Neue Historische Bibliothek.[5]

JĂŒrgen Habermas schrieb 16 Jahre spĂ€ter rĂŒckblickend, im Vorwort des 1000. Bandes: „Die e.s. reprĂ€sentiert mit einer gewissen ÜberprĂ€gnanz einen Zug der intellektuellen Entwicklung, von dem man sagen kann, daß er im Nachkriegsdeutschland dominiert hat: ich meine den dezidierten Anschluß an AufklĂ€rung, Humanismus, bĂŒrgerlich radikales Denken, an die Avantgarden des 19. Jahrhunderts – die Ă€sthetischen wie die politischen.“[6]

In der edition suhrkamp erscheinen sowohl literarische Werke als auch theoretische Essays und Poetikvorlesungen. Von 1963 bis 1979, bis inklusive des 1000. Bandes, war der Lektor GĂŒnther Busch Redakteur der Reihe. Nach dem 1000. Band der es im September 1979 startete im Mai 1980 die Neue Folge der edition suhrkamp – wieder mit 20 BĂ€nden. Ebenfalls 1980 ĂŒbernahm Raimund Fellinger, seit 1979 Lektor im Suhrkamp Verlag, die Herausgabe der es; von 2002 bis 2006 wurde die Reihe von Alexander Roesler betreut. Seit dem FrĂŒhjahr 2007 ist Heinrich Geiselberger fĂŒr das Programm der es zustĂ€ndig.

Besonders in den 1960er und 1970er Jahren hatte die es eine Vormachtstellung im „linksintellektuellen Milieu“ inne und war ein wesentliches Medium im gesellschaftlichen Diskurs dieser Zeit. Sie ist – wenn auch nicht mehr in diesem Ausmaß – weiterhin bedeutsam, was sich auch in den zahlreichen, zum 40. Jahrestag erschienen Texten widerspiegelt.

Von Mai bis Juli 2010 betrieb der Verlag in der Berliner Linienstraße ein „Edition-Suhrkamp-Laden“ als Pop-up-Store. Dort las unter anderem der Suhrkamp-Autor Rainald Goetz. Der Buchgestalter, Designer und Autor Carsten Wolff hielt einen Vortrag ĂŒber die grafische Entwicklung der edition suhrkamp und ĂŒber die Gestaltung von Willy Fleckhaus. Die BĂŒcher der Reihe wurden in Regalen des Möbeldesigners, KonzeptkĂŒnstlers und Suhrkamp-Nova-Autors Rafael Horzon ausgestellt.[7]

Mit der edition suhrkamp auf das Engste verbunden ist der Name Willy Fleckhaus. Siegfried Unseld lernte ihn 1959 kennen und beauftragte ihn – nach dem Tod von Peter Suhrkamp – mit der Neugestaltung der UmschlĂ€ge fĂŒr die Bibliothek Suhrkamp. Die typografische Klarheit und Strenge – die Baskerville in einem einheitlichen Schriftgrad fĂŒr Autor, Titel und Reihenbezeichnung, ein Band teilt die FlĂ€che des gesamten Umschlags – sorgte in der Öffentlichkeit fĂŒr Aufsehen. Unseld hatte den Buchgestalter fĂŒr seinen Verlag gefunden. Beide sollten in den kommenden 30 Jahren jene kongeniale Verbindung eingehen, ĂŒber die Fleckhaus 1973 in einem Vortrag in Basel sagte: „Erfolg als Buchgestalter kann man nur haben, wenn man mit einem guten Verleger zusammengeht.“[8]

1962 fĂŒhrte Unseld erste GesprĂ€che mit Fleckhaus und stellte ihm seine Idee vor „(
) eine Reihe fĂŒr jene deutschsprachigen literarischen Autoren zu schaffen, deren Texte auf eine neue, junge Leserschicht zielten und die fĂŒr ein neues Demokratiebewußtsein werben wollten; (
)“.[9] Unselds Idee war es, jeder einzelnen literarischen Gattung – Roman, Lyrik, Drama, Essay – eine bestimmte Farbe zuzuweisen. Fleckhaus brachte zum nĂ€chsten Treffen seine definierten Gattungsfarben mit, eine Farbpalette aus 48 Farben des Sonnenspektrums. Blautöne waren fĂŒr die Epik vorgesehen, Rottöne bis Orange fĂŒr Dramen. Diese Zuordnung hĂ€tte allerdings, bei der unterschiedlichen Erscheinungsweise der BĂ€nde, ein „endloses Band, das sich wieder schließt“[10] nicht möglich gemacht. Die BĂ€nde mussten unabhĂ€ngig von ihrer Gattungszugehörigkeit nacheinander die Farben des Lichtspektrums erhalten. So sollte es sein.

Monatlich erscheinen vier BĂ€nde, im Jahr 48. War das Lichtband geschlossen, ging es mit Band 49 wieder von vorne los. „Ich weiß von BuchhĂ€ndlern, die diese Bibliothek komplett besitzen möchten. Statt Frisch oder Beckett kauft man zwei GrĂŒne, um die LĂŒcke daheim zu stopfen. Mancher kauft auch ein Meter Buch oder zwei. Frisch, Beckett und der Verleger sehen dies gewiß nicht ungern.“[11]

Mitarbeiter und Verlagsvertreter waren von diesen poppigen, ostereierfarbenen UmschlĂ€gen anfangs ĂŒberhaupt nicht begeistert, Unseld stieß auf grĂ¶ĂŸten Widerstand. Die Farbe Suhrkamps sei das seriöse Grau und auch die neue Reihe solle in Grau erscheinen, hieß es im Verlag. Wie Unseld dieses Problem im eigenen Hause löste, ist ein MeisterstĂŒck seiner VerlagsfĂŒhrung. Die edition suhrkamp erhielt einen Schutzumschlag um den Kartoneinband. Der Karton war Grau, die UmschlĂ€ge folgten dem definierten Farbspektrum. „Bis Band 354 wurde so verfahren, jedem Band wurde ein Umschlag beigegeben. Dann war aber auch jedem klargeworden, daß die ursprĂŒngliche Konzeption die richtige war.“[12]

Das auffallend Neue und Moderne an der es war sicherlich ihre Farbgebung, doch die typografische Gestaltung war auch ein Ausdruck von ModernitĂ€t in den frĂŒhen 1960er-Jahren: Alle BĂ€nde der es wurden in einer einzigen Schrift und einem einzigen Schriftgrad gesetzt, der Garamond in 2 Cicero (24 pt) fĂŒr Autor, Titel, Untertitel, Verlagsname und VerlagskĂŒrzel. Alle typografischen Elemente wurden linksbĂŒndig von unten auf dem Umschlag aufgebaut, die einzelnen Zeilen wurden in der Regel durch acht dĂŒnne Linien voneinander getrennt. Mit dem Band 1000 wurde das Konzept von Fleckhaus selbst dahingehend geĂ€ndert, dass der Text an den Kopf des Buches wanderte und zentriert wurde, wobei der Titel in einer grĂ¶ĂŸeren Type hervorgehoben wurde.

Die ersten, am 2. Mai 1963 ausgelieferten 20 BĂ€nde der edition suhrkamp:[13]

  1. Bertolt Brecht: Leben des Galilei
  2. Hermann Hesse: SpÀte Prosa
  3. Samuel Beckett: Warten auf Godot
  4. Max Frisch: Don Juan oder die Liebe zur Geometrie
  5. GĂŒnter Eich: Die Brandung vor SetĂșbal / Das Jahr Lazertis
  6. Ernst Penzoldt: ZugÀnge
  7. Peter Weiss: Das GesprÀch der drei Gehenden
  8. T.S. Eliot: Mord im Dom
  9. Bertolt Brecht: Gedichte und Lieder aus StĂŒcken
  10. Theodor W. Adorno: Eingriffe
  11. Ernst Bloch: TĂŒbinger Einleitung in die Philosophie 1
  12. Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus
  13. Wolfgang Hildesheimer: Die VerspÀtung
  14. Heinar Kipphardt: Der Hund des Generals
  15. Dieter Waldmann: Atlantis
  16. Martin Walser: Eiche und Angora. Eine deutsche Chronik
  17. Walter Benjamin: StÀdtebilder
  18. Nelly Sachs: AusgewÀhlte Gedichte
  19. Hans Erich Nossack: Der Untergang
  20. Hans Magnus Enzensberger: Gedichte / Entstehung eines Gedichts

Die edition suhrkamp in Ausstellungen und Sammlungen:

  • Fleckhaus Now! Designforum. Das Designforum FLECKHAUS NOW! pflegt das weltweit umfassendste Archiv des Werks und bietet zeitgenössischen Gestaltern ein Forum, das die Prinzipien von Fleckhaus’ Gestaltung – Reduktion/Kontrast/Sinnlichkeit – in der Gegenwart fortfĂŒhrt.
  • System Design. Über 100 Jahre Chaos im Alltag. Museum fĂŒr Angewandte Kunst Köln, 20. Januar bis 7. Juni 2015.
  • Willy Fleckhaus. Design – Revolte – Regenbogen. Museum fĂŒr angewandte Kunst Köln, 26. August bis 11. Dezember 2016.
  • Willy Fleckhaus. Design – Revolte – Regenbogen. Museum fĂŒr Kunst und Gewerbe Hamburg, 20. Januar bis 7. Mai 2017.
  • Willy Fleckhaus. Design – Revolte – Regenbogen. Museum Villa Stuck MĂŒnchen, 1. Juni bis 10. September 2017.
  • Wir suchen den Regenbogen. Das Landesmuseum fĂŒr Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg sucht fĂŒr seine Design-Sammlung die BĂ€nde 1 bis 48 der edition suhrkamp zur VervollstĂ€ndigung ihres „Regenbogens“. Abgerufen am 6. Juni 2020.
  • Museum of Modern Art, New York.
Wikisource: Verzeichnis der Buchreihe – Quellen und Volltexte
Commons: Edition Suhrkamp – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. ↑ [Webseite des Verlags]: edition suhrkamp. In: Suhrkamp Verlag. Abgerufen am 4. Februar 2022.
  2. ↑ Raimund Fellinger (Hrsg.): Kleine Geschichte der edition suhrkamp. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-518-06719-2, S. 25.
  3. ↑ Claudia Michalski: Die edition suhrkamp 1963-1980, Geschichte, Texte und Kontexte. De Gruyter, Berlin 2021, ISBN 978-3-11-060661-4, S. 29.
  4. ↑ Hinweise auf weitere Reihen bei: Raimund Fellinger (Hrsg.): Kleine Geschichte der edition suhrkamp. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-518-06719-2, S. 79.
  5. ↑ Raimund Fellinger (Hrsg.): Kleine Geschichte der edition suhrkamp. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-518-06719-2, S. 80f.
  6. ↑ JĂŒrgen Habermas: Einleitung, in: Stichworte zur >Geistigen Situation der Zeit<, 1. Band: Nation und Republik, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-518-11000-4, S. 7f.
  7. ↑ Heute hip. Abgerufen am 11. Oktober 2020.
  8. ↑ Michael Koetzle, Carsten M. Wolff: Fleckhaus. Deutschlands erster Art Director. Klinkhardt & Biermann, MĂŒnchen / Berlin 1997, ISBN 3-7814-0405-6, S. 167.
  9. ↑ Siegfried Unseld: Der Marienbader Korb. Über die Buchgestaltung im Suhrkamp Verlag. Willy Fleckhaus zu ehren. Maximilian-Gesellschaft, Hamburg 1976, S. 40.
  10. ↑ Siegfried Unseld: Der Marienbader Korb. Über die Buchgestaltung im Suhrkamp Verlag. Willy Fleckhaus zu ehren. Maximilian-Gesellschaft, Hamburg 1976, S. 42.
  11. ↑ Michael Koetzle, Carsten M. Wolff: Fleckhaus. Deutschlands erster Art Director. Klinkhardt & Biermann, MĂŒnchen / Berlin 1997, ISBN 3-7814-0405-6, S. 167.
  12. ↑ Siegfried Unseld: Der Marienbader Korb. Über die Buchgestaltung im Suhrkamp Verlag. Willy Fleckhaus zu ehren. Maximilian-Gesellschaft, Hamburg 1976, S. 43.
  13. ↑ Raimund Fellinger (Hrsg.): Kleine Geschichte der edition suhrkamp. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-518-06719-2, S. 32.