Dapha
Dapha (Nepali दाफा, dāphā, auch dapha bhajan) ist ein devotionaler Musikstil der Newar-Gemeinschaft im Kathmandutal in Nepal, der zur aus dem Hinduismus hervorgegangenen Bhakti-Bewegung in Südasien gehört und mit dem religiösen Gesangsstil kirtan verwandt ist. Der wohl im 17. Jahrhundert am Hof der Malla-Könige entstandene und später in die Tradition der Bauern übergegangene dapha ist der älteste hinduistische devotionale Gesangsstil der Newar. Die Lieder in der musikalischen Form eines Ragas werden besonders an jahreszeitlichen religiösen Feiertagen im Wechselgesang von zwei Männerchören vorgetragen und von Handzimbeln (tah), Doppelkonustrommeln (lalakhin, auch dapha khin) und manchmal Naturtrompeten (pvanga) begleitet. Zu diesem Ensemble kam im 18. Jahrhundert das größere navabaja mit neun verschiedenen Trommeln und mehreren Zimbeln.
Herkunft und Verbreitung
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Das Kathmandutal steht mit Indien mindestens seit der Zeitenwende in einer kulturellen Beziehung. Seit dem vom 4. Jahrhundert bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts über das Kathmandutal herrschenden Reich von Licchavi ist laut Inschriften die Praxis von Musikdarbietungen an Tempeln bekannt. Eine 605 datierte Inschrift aus Lele bei Patan und eine weitere Inschrift von 699 aus Upallokot im Distrikt Gorkha belegen Tempelmusik ohne nähere Angaben. Am ausführlichsten zu Musik informiert die in Harigan nordöstlich von Kathmandu gefundene Krönungsinschrift des Königs Amshuvamsa aus dem Jahr 608.[1] Aus ihr geht hervor, dass zur rituellen oder höfischen Musik Schneckenhörner und mutmaßlich Trommeln gehörten.[2]
Die für Südasien typischen höfischen Zeremonialorchester (naqqara khana) stammen aus der muslimisch-persischen Kultur und wurden vermutlich ab Anfang des 14. Jahrhunderts von Nordindien in Nepal eingeführt.[3] Daneben bewahrte das Kathmandutal ebenso wie Südindien ältere, vorislamische musikalische Formen, zu denen das aus der altindischen Zeit stammende System der klassischen Ragas und die in den Veden verankerte religiöse Ausdrucksform des hymnischen Gesangs (kirtan) gehören. Dapha ist ein im Freien an Tempeln gepflegter devotionaler Stil und im Unterschied zur muslimischen höfischen Musik in den Palästen mit entsprechenden vorislamischen südindischen Traditionen verbunden.[4]
Vermutlich gelangte ein devotionaler Musikstil bereits vorher, im 12. oder 13. Jahrhundert, ins Kathmandutal; zu einer Zeit, in der gute Beziehungen zu den Herrschern der Region Mithila bestanden, die sich vom mittleren Nordindien bis in die nepalesische Tiefebene Terai erstreckte. Hinduistische Inder flohen damals vor den muslimischen Eroberern in den Nepal und übten einen großen Einfluss auf die Kultur der Newar aus. Hochkastige Inder (Brahmanen) brachten das indische Kastensystem mit und die zu den niedrigen Kasten gehörenden Musiker ihre Musik. Professionelle Musikerkasten, etwa die mit der Kesseltrommel damaha auftretenden Damai, werden in Nepal zur untersten sozialen Schicht gezählt.[5]
Die Newar-Kultur erlebte ihre Blütezeit unter der vom 13. bis zum 18. Jahrhundert in den drei Städten des Kathmandutals – Kathmandu, Patan und Bhaktapur – herrschenden Malla-Dynastie, deren Herrscher den Gebrauch der nordindischen Sprache Maithili förderten. Daneben verwendeten die Newar des Kathmandutals seit dem 16./17. Jahrhundert in der Dichtung ihre eigene tibetobirmanischen Sprache Newari, die sie als Nepal bhasa („Sprache des Nepal[tals]“) bezeichnen.[6]
Der Gorkha-König Prithvi Narayan Shah eroberte im Jahr 1768 das Kathmandutal und installierte Kathmandu als seine Hauptstadt. Heute machen die Sprecher des Nepali, einer indoarischen Sprache, ungefähr die Hälfte der Bewohner des Tals aus. Dennoch blieben die Newar vielen Aspekten ihrer eigenen Kulturtradition treu. Dies bezeugen exemplarisch zahlreiche dapha-Kompositionen von Malla-Königen, die in heutigen Liederbüchern enthalten sind: Sie bilden eine Traditionslinie, die von den Palästen der Malla-Könige am Anfang des 17. Jahrhunderts bis zur heutigen Landbevölkerung führt. Die heutigen dapha-Lieder, die sich bis in diese Zeit zurückführen lassen, sind die älteste devotionale Gesangstradition der Newar.[7]

Dapha stellt eine spezifische musikalische Form der Newar dar, dagegen ist der ebenfalls im Kathmandutal beliebte devotionale Gesang bhajan in Nordindien und darüber hinaus in Südasien verbreitet.[8] Zu seiner Begleitung gehören in Nepal ein Harmonium, eine Kesseltrommel nagara und eine Handglocke ghanti (von Sanskrit ghanta), die häufig um weitere Sänger, die Handzimbeln schlagen, ergänzt werden. Die Gesangstradition des bhajan ist überwiegend ein Element der Krishna-Verehrung und die krishnaitische Dichtung in Nepal wurde wie dapha von Mithila beeinflusst. Im Kathmandutal wird das Genre dhalcha bhajan nur von niedrigen Kasten gesungen und gespielt. Das traditionelle hinduistische Genre dapha wird seit den 1920er Jahren vom neuen devotionalen Chorgesang gyanamala bhajan bedrängt werden. Gyanamala bhajans werden heute auch entgegen der Tradition von Frauenchören gesungen.[9] Die Begleitinstrumente sind im Wesentlichen Harmonium und tabla, die mit diesem Genre erstmals nennenswert in die Musik der Newar gelangten.[10] Dhalcha bhajan nimmt seinem Alter nach eine Zwischenstellung ein. Anstelle des modernen indischen Kesseltrommelpaars tabla wird die Fasstrommel dhalak verwendet, die Talas der Newari und keine indischen schlägt.[11]
Neben den hinduistischen Musikstilen pflegen die Newar auch Musik für buddhistische Rituale, die wie die religiöse Musik insgesamt zu bestimmten jahreszeitlichen Festen, speziellen Tempeln oder Plätzen und zu gewissen Berufskasten gehört. Hierfür werden eine Auswahl an Trommeln und Blasinstrumenten gebraucht, etwa das Büffelhorn neku oder ein Ensemble aus Fasstrommeln (pancatala) und fünf paarweise gespielten Langtrompeten (paytah) für Prozessionen am Jahresfest Neku Jatra-Mataya. Zur Begleitung der buddhistischen Rituallieder caca (chacha) werden nur die Zimbeln tah eingesetzt. Das caca-Genre entwickelte sich mutmaßlich im 14. Jahrhundert aus den tantrisch-buddhistischen Ritualgesängen carya, die in Nordindien spätestens im 11. Jahrhundert existierten. Aus ihnen dürfte auch der klassische Gesangsstil dhrupad hervorgegangen sein.[12] Alle Newar-Gemeinschaften verehren den Gott der Musik und des Tanzes, Nasahdyah, eine Inkarnation Shivas, mit einer dyahlhyagu genannten instrumentalen Anrufung.
Dapha wird von männlichen Newar in den drei Städten des Kathmandutals aufgeführt. Frauen sind bei den Newar von den meisten traditionellen Musikformen ausgeschlossen,[13] mit Ausnahme von Liedern, die beim Reispflanzen gesungen werden, und von devotionalen buddhistischen Liedern, die zum Typus der bhajans gehören. Die traditionellen Musiker und Tänzer der Newar treten nicht professionell auf, mit Ausnahme der hinduistischen Schneiderkaste Jugi, die als Berufsmusiker Kegeloboen und Trompeten in Tempeln spielen und ihre Dienste anderen Kasten anbieten. Ein wesentlicher Teil der Newar-Musiktradition wird von der großen hinduistischen oder buddhistischen Gruppe der Bauern (Kasten Jyapu und Maharjan) gepflegt, die zur sozialen Mittelschicht gehören.
Repertoire
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Die Liedtexte sind in handschriftlichen Liederbüchern (dapha saphu) enthalten, in denen auch der zu verwendende Raga (melodische Struktur) und der Tala (rhythmische Struktur) des Stückes namentlich genannt wird. Die meisten Texte werden auf Malla-Könige des 16. und 17. Jahrhunderts zurückgeführt. Das übrige Repertoire stammt aus Nordindien. Hierzu gehört vor allem das Gitagovinda, eine Sammlung von Sanskrit-Gedichten über erotische und mystische Beziehung zwischen Krishna (Govinda) und seiner Gefährtin Radha des im 12. Jahrhundert lebenden Dichters Jayadeva. Spätestens seit dem 15. Jahrhundert ist das Gitagovinda in Nepal bekannt. Weitere nordindische Dichter, die im Liederbuch der Newar vorkommen, sind Namdev (Namadeva, Ende 13. – Mitte 14. Jahrhundert), der aus Bihar stammende Vidyapati (um 1352–1448, der auf Sanskriti und Maithili schrieb, das er als Literatursprache einführte), der Mystiker Kabir (1440–1518) und der Krishna-Lyriker Surdas (16. Jahrhundert, der auf Braj-Bhakha schrieb).
Der älteste erhaltene dapha-Text stammt von König Mahindra Malla, der 1560 bis 1574 in Kathmandu regierte. Sein Gedicht ist Krishna gewidmet und soll nach den Angaben zur Musik im Raga bibhas und im Tala pra vorgetragen werden.[14] Richard Widdess (2015) zufolge ist der älteste Newar-Dichter, von dem Texte in den Liederbüchern von Bhaktapur versammelt sind, König Jagajjyoti Malla von Bhaktapur (reg. 1614–1637); der jüngste und zugleich der letzte Malla-Herrscher von Bhaktapur ist Ranajit Malla (reg. 1722–1769). Ranajit, der Dutzende von Liedern verfasste, wurde nach der verlorenen Schlacht um Bhaktapur 1769 von den siegreichen Gorkhas ins Exil nach Indien geschickt. Durch sein Schicksal gilt er als der beliebteste Dichter des dapha-Genres. Die Lieder sind auf Sanskrit, Newari und Maithili verfasst, manche enthalten Wörter aus mehreren Sprachen. In Manuskripten aus dem 17. Jahrhundert und später ist eine Gedichtsammlung von König Jagajjyoti mit dem Titel Gitapancasika überliefert. Die auf Newari verfasste Gedichtsammlung Jagajjyotis ist in das Jahr 1628 (1550 der historischen indischen Shaka-Ära) datiert. Drei der enthaltenen Lieder gehören zum heutigen Repertoire. Von Jagajjyoti selbst oder von Gelehrten in seiner Umgebung sind darüber hinaus mindestens fünf Abhandlungen zur Musik überliefert. Aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammende Quellen zeigen, dass an den Herrscherhäusern der Malla-Könige die indische Musiktheorie (Sanskrit sangita-shastra) beachtet wurde. Ebenfalls bekannt waren das Natyashastra, das um die Zeitenwende entstandene Werk zur altindischen Musiktheorie, von dem eines der frühesten Palmblattmanuskripte in Kathmandu erhalten blieb, und die im 13. Jahrhundert verfasste Musiktheorie Sangitaratnakara.[15]