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Dafroza Gauthier

aus Wikipedia, der freien EnzyklopÀdie
Dafroza Gauthier (2022)

Dafroza Gauthier (* 4. August 1954 als Dafroza Mukarumongi in Astrida, Ruanda-Urundi; † 3. Oktober 2026 in Reims, Frankreich) war eine ruandisch-französische Menschenrechtsaktivistin. Sie setzte sich fĂŒr die Strafverfolgung von TĂ€tern des Völkermords in Ruanda 1994 durch die französische Justiz ein. Sie und ihr Ehemann Alain Gauthier wurden als die „Klarsfelds Ruandas“ bekannt, unter Bezugnahme auf die Nazi-JĂ€ger Serge und Beate Klarsfeld.

Dafroza Mukarumongi wurde am 4. August 1954 in Astrida, dem heutigen Butare, im SĂŒden Ruandas in eine Familie von ViehzĂŒchtern aus der Volksgruppe der Tutsi geboren. Bereits als Kind erlebte sie extreme politisch-ethnisch motivierte Gewalt, als Ende 1960 ihr Schullehrer enthauptet, sein Haus abgebrannt und der Besitz seiner Familie geplĂŒndert wurden.[1] 1963 fiel auch Mukarumongis Vater einem Massaker zum Opfer.[2][3]

Alain Gauthier (2023)

1973 schleuste Dafroza Mukarumongis Mutter Suzana ihre beiden Töchter mit der Hilfe eines Geistlichen in das Nachbarland Burundi aus. Noch in demselben Jahr reiste Dafroza Mukarumongi nach Europa weiter. In Belgien, wo ihr Bruder lebte, studierte sie Chemie und wurde Chemieingenieurin. Bei einem Urlaub im sĂŒdfranzösischen DĂ©partement ArdĂšche traf sie eher zufĂ€llig Alain Gauthier wieder, dessen SchĂŒlerin sie einige Monate lang in Butare gewesen war, als er dort von 1970 bis 1972 als Französischlehrer arbeitete. 1977 heiratete sie Gauthier.[1][4] Der Ehe entstammen drei Kinder; die Familie lebte in Reims, wo Dafroza und Alain Gauthier ihren Berufen nachgingen, sie reiste fast jedes Jahr nach Ruanda.[3][5]

Im Februar 1994, zwei Monate vor Beginn des Genozids, wurde Dafroza Gauthier wĂ€hrend eines Besuchs bei ihrer Mutter in der ruandischen Hauptstadt Kigali mit großen Ansammlungen von Hutu-Extremisten und Angehörigen von Interahamwe-Milizen konfrontiert, die unter dem Einfluss der insbesondere von dem privaten Rundfunksender Radio-TĂ©lĂ©vision Libre des Mille Collines verbreiteten Hasspropaganda gegen Tutsi standen. Das GebĂ€ude, in dem sie wohnte, wurde mit Steinen beworfen, und vor der EingangstĂŒr wurden Autoreifen in Brand gesteckt. Auf DrĂ€ngen ihrer Mutter kehrte sie daraufhin vorzeitig nach Frankreich zurĂŒck. Dafroza Gauthiers Mutter wurde am 8. April 1994 in einer Kirche, in die sie sich geflĂŒchtet hatte, ermordet. Nach eigenen Angaben verlor Dafroza Gauthier etwa 100 Verwandte in den Massakern.[1]

Dafroza Gauthier starb am 3. Oktober 2026 im Alter von 72 Jahren in Reims an Krebs.[1]

2001 grĂŒndeten Dafroza und Alain Gauthier das Collectif des parties civiles pour le Rwanda (CPCR, „Kollektiv der NebenklĂ€ger fĂŒr Ruanda“), einen Verein, mit dem sie fortan zur Verfolgung in Frankreich lebender Genozid-TĂ€ter beitrugen.[1] Ausschlaggebend fĂŒr diesen Schritt waren zum einen ihre ersten Reisen nach Ruanda nach dem Genozid 1996 und 1997, auf denen sie mit Augenzeugenberichten der Überlebenden konfrontiert worden waren, zum anderen der von April bis Juni 2001 in Belgien stattfindende Prozess gegen die „Vier von Butare“, vier GĂ©nocidaires, also TĂ€ter des ruandischen Völkermords. Der Prozess, dem die Gauthiers beiwohnten, beruhte auf Strafanzeigen eines entsprechenden belgischen Vereins. Die Angeklagten wurden zu Haftstrafen zwischen 12 und 20 Jahren verurteilt.[1][4]

In Frankreich, dessen enge politische Beziehungen zum Regime des extremistischen ruandischen PrĂ€sidenten JuvĂ©nal Habyarimana dazu gefĂŒhrt hatten, dass dort besonders viele AnhĂ€nger der Hutu-Power und mutmaßliche Genozid-TĂ€ter Zuflucht gefunden hatten, verlief die Verfolgung der TĂ€ter lange Zeit besonders schleppend. Der Kassationshof des Landes lehnte die Auslieferung VerdĂ€chtiger nach Ruanda durchgehend ab,[4] und jahrelang wurde auch kein VerdĂ€chtiger in Frankreich angeklagt. Erst gegen Ende der 2000er Jahre begann der französische Staat, ernsthafte Anstrengungen zur Strafverfolgung zu unternehmen. Ein Beitrag von Radio France Internationale schrieb 2014 dem Ehepaar Gauthier eine wesentliche Rolle bei dieser Entwicklung zu.[6]

Zu den politischen Hindernissen kam der Aufwand fĂŒr Ermittlungen hinzu. Nach SchĂ€tzungen von Éric Emeraux, dem ehemaligen Leiter der 2013 gegrĂŒndeten staatlichen französischen Ermittlungsstelle Office central de lutte contre les crimes contre l’humanitĂ©, les gĂ©nocides et les crimes de guerre (OCLCH, „Zentrale Stelle fĂŒr den Kampf gegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Völkermorde und Kriegsverbrechen“), aus dem Jahr 2021 kosten die Ermittlungen in jeder Strafsache gegen einen mutmaßlichen ruandischen Völkermörder etwa eine Million Euro, erfordern im Mittel sechs Reisen nach Ruanda und dauern etwa zehn Jahre, weshalb, so Emeraux, die Arbeit nichtstaatlicher Organisationen besonders wichtig sei.[4]

Bei ihren Ermittlungen in Ruanda befragten Dafroza und Alain Gauthier zahlreiche Zeugen, deren Aussagen angesichts des Fehlens schriftlicher oder anderer Dokumente oft die einzige Beweisquelle waren. Wesentliche Bedeutung kam dabei den Aussagen gestĂ€ndiger TĂ€ter zu. Die Aufnahme ihrer Aussagen beschrieb Dafroza Gauthier in einem Interview aus dem Jahr 2014 als seelisch besonders belastend.[5] Bis 2021 erstatteten die Gauthiers in Frankreich ĂŒber 30 Strafanzeigen.[7]

2014 fĂŒhrte die Ermittlungsarbeit der Gauthiers zum ersten Prozess vor einem französischen Gericht gegen einen TĂ€ter des Genozids, und zwar gegen den ehemaligen Hauptmann der PrĂ€sidentengarde Pascal Simbikangwa.[5] Er wurde zu 25 Jahren Haft verurteilt; die Berufungsinstanz bestĂ€tigte das Urteil 2016.[8] Bis 2026 erreichte das CPCR die Eröffnung von Prozessen gegen acht (nach anderen Angaben 10)[9] mutmaßliche TĂ€ter des Völkermords in Frankreich. Sieben von ihnen wurden rechtskrĂ€ftig zu Haftstrafen zwischen 14 Jahren und lebenslĂ€nglich verurteilt.[1] Auch der Verhaftung des ehemaligen ruandischen PrĂ€fekten Pierre Kayondo in Le Havre 2023 lag eine Anzeige des CPCR zugrunde, das Kayondo ausfindig gemacht hatte.[10] Ebenso nahm die französische Justiz Ermittlungen gegen JuvĂ©nal Habyarimanas Witwe Agathe Habyarimana auf, nachdem das CPCR 2007 gegen sie Anzeige erstattet hatte.[11]

Im Dezember 2025 erstatteten Dafroza und Alain Gauthier Strafanzeige gegen die Banque de France wegen Beihilfe zum Völkermord.[Anm. 1] Die französische Zentralbank hatte, so ihr Vorwurf, von Mai bis Juli 1994 mehrere ÜberweisungsauftrĂ€ge der ruandischen Nationalbank ausgefĂŒhrt, die mutmaßlich zum Kauf von Waffen fĂŒr den zu dieser Zeit wĂŒtenden Genozid dienten. Die Vereinten Nationen hatten am 17. Mai 1994 ein generelles Embargo fĂŒr den Verkauf von Waffen an Ruanda beschlossen.[12]

Das Wirken des Ehepaars Gauthier zur Verfolgung der TĂ€ter des ruandischen Genozids wurde in Frankreich vielfach mit demjenigen des deutsch-französischen Ehepaars Beate und Serge Klarsfeld zur strafrechtlichen Verfolgung von TĂ€tern der Schoah verglichen.[1][4][13][14][15] Kritiker warfen ihnen hingegen zu große NĂ€he zur nach dem Völkermord an die Macht gekommenen Ruandischen Patriotischen Front (RPF) und zum Regime des ruandischen PrĂ€sidenten Paul Kagame vor, dem selbst Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden.[1][4]

Ehrungen und Auszeichnungen

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Im November 2017 wurden Gauthier und ihr Ehemann von StaatsprĂ€sident Kagame mit dem ruandischen Nationalorden fĂŒr außergewöhnliche Freundschaft (Ordre national de l’amitiĂ© exceptionnelle) fĂŒr „ihren Dienst an der ruandischen Nation“ ausgezeichnet.[4]

2023 erschien die Graphic Novel Rwanda, Ă  la poursuite des gĂ©nocidaires („Ruanda: auf der Jagd nach den Völkermördern“) von Thomas Zribi und Damien Roudeau, die den jahrzehntelangen Kampf von Dafroza und Alain Gauthier zum Thema hat. Das Vorwort schrieb der französisch-ruandische Schriftsteller GaĂ«l Faye, ein Schwiegersohn Dafroza Gauthiers.[16] In demselben Jahr erschien ein von dem öffentlich-rechtlichen französischen Fernsehsender LCP koproduzierter, 52 Minuten langer Dokumentarfilm von Zribi und StĂ©phane Jobert mit demselben Titel, fĂŒr den die Filmemacher das Ehepaar in Ruanda und Frankreich bei ihrer Arbeit begleitet hatten.[17]

Commons: Dafroza Gauthier – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  1. ↑ In Frankreich können nicht nur natĂŒrliche, sondern auch juristische Personen strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden. Insbesondere wurde auch die Banque de France bereits wegen Straftaten verurteilt; siehe etwa La justice condamne la Banque de France et deux de ses cadres pour « dĂ©lit d’entrave ». In: lefigaro.fr. 18. September 2026, abgerufen am 4. Oktober 2026 (französisch).

Einzelnachweise

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  1. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 Pierre Lepidi: Dafroza Gauthier, aprÚs trente ans de traque des génocidaires rwandais réfugiés en France, est morte. In: lemonde.fr. 3. Oktober 2026, abgerufen am 4. Oktober 2026 (französisch).
  2. ↑ Isabelle Forboteaux: Rwanda : Dafroza Gauthier, originaire de Reims, de retour sur ses terres Ă  la veille du procĂšs d’un gĂ©nocidaire prĂ©sumĂ©. France 3, 22. November 2021, abgerufen am 8. Oktober 2026 (französisch).
  3. 1 2 Mathieu Livoreil: Dafroza Gauthier, trente ans à traquer les responsables du génocide des Tutsi au Rwanda. France 3, 3. Oktober 2026, abgerufen am 4. Oktober 2026 (französisch).
  4. 1 2 3 4 5 6 7 De France aux collines rwandaises, le combat d’un couple pour traquer les gĂ©nocidaires. In: lepoint.fr. 27. Januar 2021, abgerufen am 4. Oktober 2026 (französisch).
  5. 1 2 3 Gaël Cogné: Les Gauthier, chasseurs de génocidaires rwandais. In: franceinfo.fr. 4. Februar 2014, abgerufen am 4. Oktober 2026 (französisch).
  6. ↑ GĂ©nocide au Rwanda : un procĂšs pour l’Histoire. In: rfi.fr. 31. Januar 2014, abgerufen am 4. Oktober 2026 (französisch).
  7. ↑ Christiane Kaess: „Die TĂ€ter geben gar nichts zu“. In: deutschlandfunkkultur.de. 7. April 2021, abgerufen am 25. Oktober 2026.
  8. ↑ GĂ©nocide : la peine du premier Rwandais condamnĂ© en France confirmĂ©e en appel. In: lemonde.fr. 3. Dezember 2016, abgerufen am 4. Oktober 2026 (französisch).
  9. ↑ Margaux Croizon: La rĂ©moise Dafroza Gauthier, militante pour les victimes du gĂ©nocide au Rwanda, est morte Ă  72 ans. In: ici.fr. 3. Oktober 2026, abgerufen am 4. Oktober 2026 (französisch).
  10. ↑ GĂ©nocide des Tutsis au Rwanda : un ancien prĂ©fet mis en examen et Ă©crouĂ© Ă  Paris. In: rfi.fr. 23. September 2023, abgerufen am 4. Oktober 2026 (französisch).
  11. ↑ GĂ©nocide des Tutsis au Rwanda : Agathe Habyarimana dĂ©cide de se pourvoir en cassation. In: rfi.fr. 13. Mai 2026, abgerufen am 25. Oktober 2026 (französisch).
  12. ↑ Marie Dupin: Rwanda : la Banque de France visĂ©e par une plainte pour complicitĂ© de gĂ©nocide. In: franceinfo.fr. 10. Dezember 2025, abgerufen am 4. Oktober 2026 (französisch).
  13. ↑ AprĂšs le procĂšs Munyemana : rencontre avec les Klarsfeld du gĂ©nocide des Tutsi. In: radiofrance.fr. 21. Dezember 2023, abgerufen am 4. Oktober 2026 (französisch, Episode der Radiosendung Un jour dans le monde auf France Inter mit der Journalistin Fabienne Sintes).
  14. ↑ May Vallaud: Alain et Dafroza Gauthier, les Klarsfeld du Rwanda. TV5 Monde, 28. Januar 2021, abgerufen am 4. Oktober 2026 (französisch).
  15. ↑ Les Ă©poux Gauthier, les Klarsfeld du gĂ©nocide contre les Tutsi. In: rtl.fr. 26. April 2016, abgerufen am 14. Oktober 2026 (französisch).
  16. ↑ Maria Malagardis: Le portrait : Dafroza et Alain Gauthier, on n’arrĂȘte pas le procĂšs. In: liberation.fr. 12. November 2023, abgerufen am 4. Oktober 2026 (französisch).
  17. ↑ Rwanda, Ă  la poursuite des gĂ©nocidaires – Documentaire. In: lcp.fr. 3. Dezember 2016, abgerufen am 4. Oktober 2026 (französisch).