Best Ager
Unter Best Ager (auch Generation Gold, Generation 50plus, Silver Ager, Golden Ager, Third Ager, Master Consumer, Mature Consumer, Senior Citizens, âover 50sâ) wird im Marketing und verwandten kommerziellen Bereichen eine Zielgruppe von Personen mit einem Lebensalter von ĂŒber 50 Jahren benannt. Unklar ist bei vielen der genannten Begriffe, ob die Zeit der âbesten Jahreâ erst mit dem Tod oder bereits weit vorher (z. B. mit der Pensionierung und dem damit meist verbundenen Einkommensverlust) endet.
Der Best Ager als Idealtypus
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Begriff âBest Agerâ bildet im Marketing und in der sozialwissenschaftlichen Forschung ein Glied in der Reihe âYoungsterâ â âMid Agerâ â âBest Agerâ â âSeniorâ. Alternativ wird zwischen âKindernâ, âJugendlichenâ, âjungen Erwachsenenâ, âBest Agernâ und âSeniorenâ unterschieden.[1]
Sichtweise von Marketing-Experten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Marketing-Experten verfolgen mit dieser Reihenbildung die Absicht, idealtypisch alters- und milieuspezifische BedĂŒrfnisse zu erfassen und entsprechende Angebote bereitzustellen sowie die altersspezifische durchschnittliche Entwicklung der Kaufkraft typischer Konsumentengruppen darzustellen.
Das wesentlichste und fĂŒr Marketingforscher interessanteste Merkmal des Best Agers ist sein im Durchschnitt relativ hohes Wohlstandsniveau. Aus der Sicht des Marketings sind Best Ager Menschen im Alter von 50 bis 70 Jahren. Diese Alterskohorte gilt als besonders kaufkrĂ€ftig, konsumfreudig, aber auch qualitĂ€tsbewusst. Ab dem 71. Lebensjahr ist in Deutschland ein RĂŒckgang des individuellen Konsums festzustellen.[2]
Sichtweise von Sozialwissenschaftlern
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Aus der Sicht von Sozialwissenschaftlern bilden Best Ager eine Risikogruppe auf dem Arbeitsmarkt. Diejenigen unter ihnen, die darauf angewiesen sind, eine (neue) Erwerbsgelegenheit zu finden, stoĂen auf dem Arbeitsmarkt auf erhebliche Probleme. Laut einer Studie des Instituts fĂŒr Arbeitsmarkt- und Berufsforschung haben es Ă€ltere Arbeitslose trotz des in Deutschland zunehmenden FachkrĂ€ftemangels immer noch schwer, wieder eine Arbeitsstelle zu finden.[3]
Zur Verbesserung der Vermittlungschancen Ă€lterer Arbeitnehmer hat das Bundesministerium fĂŒr Arbeit und Soziales 2005 die Aktion âPerspektive 50plus. BeschĂ€ftigungspakte in den Regionenâ gegrĂŒndet.[4]
Die Sichtweisen der Marketing-Experten und der Sozialwissenschaftler widersprechen sich nur scheinbar: Die Position von Best Agern ist insofern tatsĂ€chlich relativ gesichert, als nur 0,6 Prozent von ihnen pro Monat aus einer sozialversicherungspflichtigen BeschĂ€ftigung heraus in die Arbeitslosigkeit entlassen werden (dieses Schicksal trifft im Durchschnitt aller JahrgĂ€nge 0,9 Prozent aller sozialversicherungspflichtig BeschĂ€ftigten). Wenn sie aber einmal arbeitslos geworden sind, haben sie es schwerer als JĂŒngere, wieder eine Arbeitsstelle zu finden.[5]
Demographie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Vor allem aufgrund einer konstant relativ geringen Zahl Neugeborener seit den 1970er Jahren wird die deutsche Bevölkerung voraussichtlich bis zum Jahr 2060 â so eine Ende 2009 veröffentlichte Studie des statistischen Bundesamtes â von gegenwĂ€rtig rund 82 Millionen auf 64,7 Millionen Menschen schrumpfen.
Die Möglichkeit fĂŒr Unternehmen, bis 1966 geborene Angehörige der geburtenstarken JahrgĂ€nge durch jĂŒngere in Deutschland aufgewachsene Arbeitnehmer zu ersetzen, nimmt kontinuierlich ab. Damit sinkt das Risiko Ă€lterer Arbeitnehmer, entlassen zu werden und keine neue Arbeitsstelle zu finden, so dass mittel- bis langfristig ein zunehmend gröĂerer Anteil der ĂŒber 50 Jahre Alten tatsĂ€chlich dem Werbe-Leitbild des Best Agers entsprechen wird. Zugleich erhöhen sich durch zunehmende Probleme mit der Finanzierung des Ruhestandes der Druck auf die Best Ager und ihre Bereitschaft, lange erwerbstĂ€tig zu bleiben. Die finanzielle Lage derjenigen Best Ager ohne nennenswerte KapitaleinkĂŒnfte hingegen, die nicht bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter erwerbstĂ€tig sein können, wird sich, ebenso wie die des durchschnittlichen regulĂ€ren Rentners, kontinuierlich verschlechtern.
Best Ager und das Internet
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Zusammenhang mit der Nutzung des Internets durch Best Ager und Senioren hat sich der Begriff Silver Surfer etabliert. Laut einer Studie der âEuropean Interactive Advertising Associationâ (EIAA) im Juli 2007,[6] fĂŒr die rund 7000 Menschen in zehn europĂ€ischen LĂ€ndern befragt wurden, sind 24 Prozent der Best Ager regelmĂ€Ăig online (vor allem, um mit Hilfe von Suchmaschinen zu recherchieren und um E-Mails zu senden und zu empfangen). In Deutschland greifen fast 90 Prozent der 55-jĂ€hrigen Internetnutzer auf diese Möglichkeiten zurĂŒck. 23 Prozent der Befragten tauschen sich mit anderen Internetnutzern in Foren aus, 17 Prozent laden Musik herunter, und 16 Prozent telefonieren ĂŒbers Internet.
51 Prozent der deutschen Silver Surfer verfĂŒgen ĂŒber einen Internet-Breitbandanschluss. Silver Surfer verbringen der Studie zufolge durchschnittlich sieben Stunden pro Woche online (1,8 Stunden weniger als der durchschnittliche europĂ€ische Silver Surfer). Mitte 2018 verbrachten die 50- bis 59-JĂ€hrigen im Schnitt mehr als zwei Stunden am Tag mit dem Internet.[7]
Bestimmte Angebote wie zum Beispiel Meet5 und Feierabend.de wenden sich speziell an diese Generation.
Kritik
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bei dem Begriff âBest Agerâ (weibl. Form: âBest Agerinâ[8]) handelt es sich um einen deutschen Scheinanglizismus, der vermutlich vom Ausdruck âim besten Alterâ abgeleitet ist und auĂerhalb des deutschsprachigen Raums weder gebrĂ€uchlich noch verstĂ€ndlich ist. Im Englischen spricht man in der Regel von âover 50sâ, wobei aber der Unterschied zur Gruppe der âSeniorsâ (im Sinne der oben genannten pseudo-englischen, tatsĂ€chlich aber deutschen Begriffsreihe) unklar bleibt.
Die VerknĂŒpfung der Wertung âbestes Alterâ mit der Zeit nach dem 50. Geburtstag eines Menschen erweckt die irrefĂŒhrende Vorstellung, wonach jeder Mensch in diesem Zeitraum die beste Zeit seines Lebens habe. Abgesehen davon, dass auch in Europa manche Menschen ihren 50. Geburtstag nicht erleben, hĂ€ngt die Antwort auf die Frage, wann sich ein Mensch tatsĂ€chlich in seinen besten Jahren befindet, zum groĂen Teil von der erreichten beruflichen Position und dem damit verbundenen Einkommen, von seiner LeistungsfĂ€higkeit und Gesundheit, seinem subjektiven Empfinden und seinem individuellen Verhalten in verschiedenen Lebensphasen ab. So ist beispielsweise fĂŒr die meisten Leistungssportler ihre beste Lebensphase spĂ€testens mit dem 40. Geburtstag vorbei. Ăhnliches gilt fĂŒr viele Berufe, in denen eine Top-Fitness oder ein jugendliches Aussehen die wichtigste Grundlage fĂŒr Erfolg im Beruf darstellen.
Die Vorstellung, es gebe eine âGeneration 50plusâ, wird von dem Werbeforscher Dieter K. MĂŒller scharf kritisiert: âSo wenig ein 15-jĂ€hriger SchĂŒler und ein 45-jĂ€hriger Manager in ihrer Mediennutzung und ihren Konsumgewohnheiten gemeinsam haben, so wenig eint einen 55-jĂ€hrigen Manager und einen 80-jĂ€hrigen Bewohner eines Seniorenheims.â[9]
Angesichts der Herausforderungen des demografischen Wandels in Deutschland, aufgrund dessen Menschen lebenslang motiviert werden mĂŒssten, sich gesund zu erhalten und möglichst lange erwerbstĂ€tig zu sein, sei die pauschale Unterstellung, ĂŒber 50 Jahre Alte seien per definitionem âBest Agerâ, nichts als âBegriffskosmetikâ.[10]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Sebastian van Baal: Konsumenten ab 50 Jahren als Zielgruppe im E-Commerce: Vergleichende Ergebnisse einer empirischen Untersuchung. Köln 2007, ISBN 978-3-935546-03-4.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Bevölkerungsvorausberechnung des Deutschen Statistischen Bundesamtes (Webarchiv)
- 10-Branchen Benchmarking zur Ermittlung der Effizienz von Unternehmen im Markt 50+ (Webarchiv)
- Animierte Alterspyramide der 11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes (Webarchiv)
- EIAA release: Best Agers catching up with youth online (Webarchiv)
- Zur Dynamik der demografischen Alterung, Studie der bpb
Quellen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Elke Verheugen: Zukunftsmarkt Best Age. Ein Beitrag zur Differenzierung zwischen Seniorenmarketing und Best-Age-Marketing. Dezember 2003
- â Hartwin Maas: Best-Ager-Marketing. Wie man die Zielgruppe 50plus verstehen und erreichen kann. 1. Auflage. Haufe Group, Freiburg / MĂŒnchen / Stuttgart 2023, ISBN 978-3-648-16966-7, S. 13.
- â Auf Stellensuche im besten Alter. Die Zeit, Ausgabe 1/2012
- â Bundesministerium fĂŒr Arbeit und Soziales: Perspektive 50plus. 1. Programmphase ( vom 29. November 2015 im Internet Archive)
- â Mythen der Arbeit: Jeder zweite Betrieb beschĂ€ftigt keinen ĂŒber 50 - stimmt's? Der Spiegel, 17. April 2012.
- â EIAA Silver Surfers Report - Executive Summary ( vom 6. MĂ€rz 2009 im Internet Archive)
- â ARD/ZDF-Onlinestudie 2018. Abgerufen am 27. Dezember 2020.
- â Duden | Suchen | Best Ager. Abgerufen am 27. Dezember 2020.
- â Fernseh-Werbung: Kukident und Konsum. Der Tagesspiegel, 12. Juli 2008.
- â Fraunhofer-Institut fĂŒr Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO): Studie »Alternsgerechtes Arbeiten«. Ergebnisbericht mit Unternehmensbeispielen ( vom 10. Dezember 2016 im Internet Archive). 2014, S. 13.