Realismus (Philosophie)
Der Begriff Realismus umfasst eine Vielzahl philosophischer Positionen, nach denen vom menschlichen Bewusstsein unabhängige Phänomene existieren, die auf uns einwirken und die wir sprachlich bezeichnen können. Realistische Thesen werden in verschiedenen Problembereichen und bezüglich verschiedener Thesen diskutiert, sodass jeweils von einem bestimmten Realismus gesprochen wird. Als metaphysischer oder ontologischer Realismus wird die Annahme einer denkunabhängigen Existenz einer Realität bezeichnet, wie z. B. ein Universalienrealismus oder ein Realismus bezüglich natürlicher Arten, oder anderer ontologischer Untersuchungsgegenstände. Erkenntnistheoretischer Realismus behauptet, dass die Welt „wirklich erkennbar“ ist, d. h. dass unsere Meinungen und Überzeugungen es prinzipiell mit beobachtungsunabhängig existierenden Objekten zu tun haben können, in einer für alle Beobachter – soweit es relevant ist – identisch gegebenen Welt, und dass dies im Falle von Wissen auch wirklich so ist.
In der Sprachphilosophie spricht man von einem semantischen Realismus, wenn die Beschreibung der Außenwelt mit Sätzen (Aussagen, Gedanken) erfolgt, die eine eindeutige Interpretation sind, also mit wahr oder falsch beurteilt werden können.[1] Soweit in der Erkenntnistheorie angenommen wird, dass Erkenntnisse nur sprachlich zu fassen sind, fallen erkenntnistheoretischer und semantischer Realismus zusammen.
Von einem wissenschaftlichen Realismus spricht man bezüglich der These, dass die Einzelwissenschaften letztlich zu Wissen von Gegenständen führen, die unabhängig von bestimmten Theorien oder Konventionen existieren und so strukturiert sind, wie wir dies wissen können. Dies setzt im weitesten Sinne eine „beobachtungsunabhängige Außenwelt“ voraus.
Als moralischen Realismus bezeichnet man eine Grundposition der Metaethik, nach der es prinzipiell objektive Tatsachen bezüglich moralischer Fragen gibt. Analog dazu und zu Positionen des wissenschaftlichen Realismus spricht man beispielsweise auch von theologischem Realismus bezüglich religiöser Wahrheiten.[2]
Historisch gibt es vielfältige Formen des Realismus. In unterschiedlichen historischen Epochen stellten sich philosophische Fragen, auf die die verschiedenen Formen des Realismus eine Antwort darstellten. Im Mittelalter und in der Antike stand dabei die Frage im Zentrum, inwiefern allgemeine Begriffe „real“ sind (Universalienproblem).[3] In der Neuzeit rückten dann Fragen bzgl. der Realität der Wahrnehmung und Außenwelt ins Zentrum[4] und in der zeitgenössischen Epoche werden vor allem Fragen hinsichtlich der Realität wissenschaftlicher Entitäten diskutiert.[5]
Der Realismus steht im Gegensatz zu bestimmten Formen des (subjektiven) Idealismus, Instrumentalismus und Nominalismus.
Definition
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Realismus kann verschiedene philosophische Positionen bezeichnen, abhängig von den Entitäten oder Merkmalen, deren Realität postuliert wird, oder abhängig von den Bereichen, in denen diese Position beansprucht wird. Der philosophische Realismus umfasst mindestens fünf Formen:[6]
- Ontologischer oder metaphysischer Realismus
- Erkenntnistheoretischer Realismus
- Semantischer Realismus
- Ethischer Realismus
- Ästhetischer Realismus
Der metaphysische oder ontologische Realismus postuliert die reale Existenz von Entitäten in einer subjektunabhängigen Außenwelt.[7] Diese These kann zwar nicht verifiziert werden, wird aber jedes Mal vorausgesetzt, wenn wir behaupten, eine Entität zu erforschen, die bereits vor ihrer Entdeckung existierte.[8]
Der erkenntnistheoretische Realismus ist eine Position bezüglich des Wissens, die davon ausgeht, dass es sich auf „reale“ Objekte bezieht, die außerhalb des Subjekts liegen und von ihm unabhängig sind.[9] Diese Form impliziert die Fähigkeit, zumindest teilweise und schrittweise Erkenntnisse über die Realität zu erlangen. Wissenschaftlicher Realismus ist ein erkenntnistheoretischer Realismus und wird implizit von allen akzeptiert, die glauben, dass Wissenschaft uns eine korrekte Darstellung der Welt liefern kann.[10]
Der semantische Realismus geht davon aus, dass in einer Sprache artikulierte Aussagen oder Ausdrücke, wenn sie wahr sind, Tatsachen oder Sachverhalte in der Welt bezeichnen.[11] Eine Aussage ist wahr, wenn sie die Beschreibung bestimmter Dinge oder Ereignisse beschreibt, die unabhängig von der Sprache in der Welt existieren oder auftreten. Beim semantischen Realismus handelt es sich um eine metaphysische Auffassung der Referenz von Wörtern oder sprachlichen Ausdrücken.[12]
Der moralische Realismus geht davon aus, dass es moralische Wahrheiten gibt, die moralischen Tatsachen entsprechen. Um diese Position zu präzisieren, spricht man auch von moralischem Naturalismus.[13]
Schließlich verteidigt der ästhetische Realismus die Idee, dass die ästhetischen Eigenschaften der Dinge real sind.[14]
Bedeutung der Realismusfrage
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Abstrakt geht es in der Realismusfrage darum, ob das Sein das menschliche Bewusstsein oder ob das Bewusstsein das Sein bestimmt (Primat des Objekts oder des Subjekts). In der Alltagswelt ist es für den Menschen völlig klar, dass es Tische, Steine und andere Menschen gibt. Den meisten Menschen ist auch bewusst, dass die Dinge, so wie diese durch sie wahrgenommen werden, durch die Sinne und Verarbeitungsprozesse im Gehirn beeinflusst werden. Erst durch die philosophische Reflexion wird die Wirklichkeit fraglich. Die Realismusfrage wurde schon früh in der griechischen Philosophie diskutiert. Oftmals wird hierzu der „Homo-Mensura-Satz“ des Protagoras zitiert: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge, des Seienden, wie es ist, des Nicht-Seienden, wie es nicht ist.“ Ebenso berühmt ist die These von George Berkeley: „Esse est percipi“ (Sein ist Wahrgenommenwerden). In beiden Zitaten steckt die Überlegung, ob die Realität überhaupt unabhängig vom menschlichen Denken existiert. Es sind dabei drei Aspekte, die in der Realismus-Debatte untersucht werden: die Existenz von Dingen, deren Unabhängigkeit vom menschlichen Bewusstsein sowie die Frage eines kausalen oder begrifflichen Zusammenhangs zwischen Realität und Wahrgenommenem.
Die praktische Bedeutung dieser Frage liegt darin, dass es ohne die Annahme einer Realität nicht möglich ist, zweifelsfrei wahre Aussagen über Dinge oder Sachverhalte zu machen. Die Realität dient für den Realisten als notwendiger Maßstab dafür, ob Aussagen wahr oder falsch sind. Wenn man die Erkennbarkeit der Realität überhaupt bestreitet, bleibt als alternative Weltsicht nur der Skeptizismus mit der Konsequenz des Relativismus. Die Wirklichkeit als „Wahrmacherin“ steht dem Skeptiker oder Relativisten nicht zur Verfügung. Die Klärung der Frage des Realismus ist daher Voraussetzung, um einen möglichen Begriff der Wahrheit zu bestimmen.
Um Aussagen über die Wirklichkeit zu machen, muss man diese zunächst erkennen können. Die Realismusfrage in der Philosophie ist daher insbesondere ein Thema der Erkenntnistheorie. Aber auch in der Wissenschaftsphilosophie, in der der Wahrheitsgehalt von Theorien bedeutsam ist, spielt die Realismusfrage eine grundlegende Rolle. Durch die Fortschritte in den Naturwissenschaften im 20. Jhd. sind neue Fragestellungen in der Realismusdebatte aufgetaucht.
Der Physiker Hans-Peter Dürr beschreibt die Problematik der Realismusfrage wie folgt:
- „Unter dem starken Einfluss der Naturwissenschaft … haben wir uns daran gewöhnt, unsere Wahrnehmung von der Wirklichkeit mit der Wirklichkeit gleichzusetzen und diese Wirklichkeit sogar im Sinne einer materiell fundierten, in Teile zerlegbaren Realität zu interpretieren. Die moderne Physik hat uns da jedoch eine interessante Lektion erteilt, die zu einer tief greifenden Korrektur dieser Vorstellung führte. Sie hat uns bedeutet, dass die Vorstellung einer objektiven Realität, einer materiell ausgeprägten Wirklichkeit wohl in einer gewissen Näherung angemessen, aber als absolutes Naturprinzip unzulässig und falsch ist, ja, dass diese Vorstellung uns sogar einen tieferen Einblick in das Wesen der eigentlichen Wirklichkeit versperrt.“[15]
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Realismus war eine Antwort auf philosophische Fragen, die je nach historischer Epoche unterschiedlich formuliert wurden. Man kann drei wichtige Perioden in der Geschichte des philosophischen Realismus unterscheiden, die drei Arten von Debatten entsprechen:
- Antike und Mittelalter: der Universalienstreit, von Platon bis Ockham. Fragen zur Realität werden nur für einen bestimmten Diskurs- bzw. Denkbereich gestellt, den der Universalien (Kategorien oder allgemeine Begriffe).
- Neuzeit: Fragen im Zusammenhang mit dem wissenschaftlichen Realismus im Gegensatz zum naiven Realismus, von Descartes bis Kant. Diese Periode ist geprägt von einer Debatte zwischen Realismus und Antirealismus in den Wissenschaften (Kopernikus, Galileo, Descartes) und dem gesunden Menschenverstand (Kartesianer, Locke, Berkeley, Hume, Kant) hinsichtlich ihrer metaphysischen Reichweite.
- Zeitgenössische Periode: Fortführung der Debatte über den wissenschaftlichen Realismus, von Comte bis in die Gegenwart. Die Debatte über die ontologische Reichweite des Denkens findet in der heutigen Wissenschafts- und Erkenntnistheorie unabhängig von metaphysischen Spekulationen und großen philosophischen Systemen statt.
Antike und Mittelalter
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Als Realismus bezeichnet man in der Antike eine allgemein vertretene Position gegenüber bestimmten Kategorien von Dingen in Kombination mit einer antirealistischen oder skeptischen Position gegenüber anderen Kategorien von Dingen.[16] Diese Kombination aus Realismus und Antirealismus ist alt und geht auf Platon zurück, der sowohl die Existenz von „Ideen“ (eîdos) als auch den illusorischen Charakter einzelner wahrgenommener Dinge bekräftigte. Aristoteles, ebenfalls ein Realist in Bezug auf Wesenheiten, milderte diese Position, indem er argumentiert, dass Wesen nicht getrennt von einzelnen wahrgenommenen Dingen existieren können.[16] Die Atomisten Demokrit, Epikur und Lucrez waren der Ansicht, dass die Erscheinungen von Phänomenen auf der Kombination einfacher Elemente – Atome – beruhen, die die Realität der Welt ausmachen.[16]
Der neuplatonische Philosoph und Logiker Porphyrios von Tyrus hinterließ in seinem Isagoge, welches von den Gelehrten des Mittelalters gemeinsam mit Aristoteles’ Organon (Reihe logischer Abhandlungen) diskutiert wurde, das Problem der Universalien und ihrer Realität. Porphyrios schrieb dort:[17]
Was, um gleich mit diesem anzufangen, bei den Gattungen und Arten die Frage angeht, ob sie etwas Wirkliches sind oder nur auf unseren Vorstellungen beruhen, und ob sie, wenn Wirkliches, körperlich oder unkörperlich sind, endlich, ob sie getrennt für sich oder in und an dem Sinnlichen auftretend, so lehne ich es ab, hiervon zu reden, da eine solche Untersuchung sehr tief geht und eine umfangreichere Erörterung fordert, als sie hier angestellt werden kann.
Mittelalter: Das Universalienproblem
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Der Universalienstreit bezeichnet zunächst die Debatte, welche im mittleren und späten Mittelalter (11.–15. Jahrhundert) über den ontologischen Status von Allgemeinbegriffen geführt wurde.[18] Dieser Streit entwickelte sich aus dem Problem der Universalien, das sich exemplarisch wie folgt formulieren lässt:
Sokrates ist ein Mensch und Platon ist ein Mensch. In diesen Aussagen wird dasselbe über Sokrates und Platon prädiziert. Was ist nun dieses Ausgesagte? Existiert es wirklich?
Bis in die Neuzeit bezeichnet man mit „Universalien“ Dinge, die von mehreren Individuen ausgesagt werden und im Wesentlichen gebräuchlichen Substantiven und Adjektiven entsprechen („Mensch“, „gut“, „rot“ usw.).
Drei Antworten haben in diesem Streit die abendländische philosophische Tradition dominiert:[19]
- Realismus: Universalien sind reale Entitäten;
- Nominalismus: Universalien sind nur Wörter oder verbale Ausdrücke, die Individuen bezeichnen;
- Konzeptualismus: Universalien sind Begriffe, anders formuliert Eigenschaften von Dingen, die nicht an sich existieren
Wilhelm von Champeaux spricht vom Prädikat Mensch als einer Realität, die gleichzeitig in jedem Menschen vollständig vorhanden ist (Realismus), aber unter dem Einfluss von Petrus Abaelardus wird er schließlich Universalien als einfache Ähnlichkeiten betrachten. Abaelardus greift das alte Argument von Boethius auf: Von mehreren Dingen kann keine Realität gesagt werden, nur Namen haben diese Eigenschaft. Abaelardus vertritt eine konzeptualistische oder gemäßigt realistische Position: Allgemeine Begriffe bezeichnen nicht an sich existierende Entitäten, sondern Eigenschaften, die nicht getrennt von den Dingen existieren, die sie charakterisieren.[20]
Diese Positionen haben ihren Ursprung im Gegensatz zwischen Aristoteles und Platon über Ideen: Platon wird mit Realismus, Aristoteles mit Konzeptualismus und die Stoiker mit Nominalismus in Verbindung gebracht. Das Universalienproblem ist eine Debatte zwischen Realismus und Antirealismus, die als „regional“ bezeichnet wird: Sie betrifft nur einen bestimmten Bereich von Objekten oder Gedanken. Allerdings berührte das Universalienproblem alle damals diskutierten Aspekte der Philosophie sowie der Theologie.[19]
Dem mittelalterlichen Realismus lassen sich dabei im Wesentlichen 4 Thesen zuschreiben:[16]
- Universalien sind Dinge (Reismus);
- Man muss zwischen Universal, Besonderem und Singulärem unterscheiden;
- In der Prädikation ist es ein Ding, das von einem Ding ausgesagt wird, und nicht der Begriff eines anderen Begriffs;
- Sprache stellt dabei die Realität her.
Boethius, Alberic von Paris, Robert von Melun, Adam von Blasham, Gilbert von Poitiers waren in diesem Sinne „Realisten“.[16]
Das Universalienproblem wird auch heute noch diskutiert, hauptsächlich in der analytischen Tradition, jedoch in einem erneuerten philosophischen Kontext (neue Logik seit Frege, neue Physik usw.). Die Grundlagenkrise der Mathematik hatte die Debatte dabei neu entfacht. Die drei vertretenen Positionen in Bezug auf den ontologischen Status logisch-mathematischer Konzepte entsprechen dabei den drei mittelalterlichen Positionen zu Universalien, ein Umstand, der von Willard van Orman Quine in Erinnerung gerufen wurde.[21] Der Logizismus von Gottlob Frege ist ein Realismus bzw. Platonismus der Begriffe, der Formalismus von David Hilbert ein Nominalismus und der Intuitionismus von Luitzen Egbertus Jan Brouwer ist ein Konzeptualismus.
In dieser Debatte vertrat Quine zunächst eine nominalistische Position, indem er gemeinsam mit Nelson Goodman „Steps Toward a Constructive Nominalism“ schrieb[22], und stellte sich dann auf die Seite des Konzeptualismus.[21] Nelson Goodman und in jüngerer Zeit David K. Lewis sind renommierte Verteidiger des Nominalismus.[23] David M. Armstrong seinerseits ist ein leidenschaftlicher Verfechter des Realismus in Bezug auf Universalien.[24]
Mittelalter: Thomistischer und neothomistischer Realismus
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der mittelalterliche Philosoph und Theologe Thomas von Aquin verteidigte eine Form des gemäßigten, nichtplatonischen Realismus. Die drei Positionen, die er überwinden möchte, lassen sich wie folgt zusammenfassen:[25]
- Für den platonischen Realismus sind Universalien Dinge und sie existieren ante rem (vor singulären Dingen).
- Für den Nominalismus sind Universalien Flatus vocis (einfache Stimmaussagen), sie existieren post rem (sie dienen nur dazu, singuläre Dinge nominell zu bezeichnen).
- Für den Konzeptualismus schließlich existieren Universalien in re (sie sind von außermentalen Dingen abstrahierte Konstruktionen des Geistes).
Thomas von Aquin unterstützt jedoch die drei Thesen zusammen: Es existieren Universalien sowohl ante rem, das heißt im göttlichen Verständnis vor der Schöpfung, als auch in re: in den geschaffenen Dingen, die sie verwirklichen, und post rem: im menschlichen Geist, der sie konzipiert.[26]
Für Thomisten (Philosophen und Theologen, die dem Denken von Thomas von Aquin folgen) räumt der Realismus dem Sein ontologischen Vorrang vor der Art und Weise ein, wie es erkannt wird. Der thomistische Realismus steht somit im Gegensatz zum Idealismus, für den es das erkennende Subjekt ist, das dem erkannten Wesen vorexistiert; aber auch zum Empirismus, der allgemein als „deflationäre“ Philosophie (Verringerung der Anzahl bestehender Einheiten) angesehen wird.[25] Der Deflationismus, der beispielsweise von Wilhelm von Ockham im Mittelalter oder David Hume in der Neuzeit vertreten wurde, ist aus ontologischer Sicht antirealistisch, weil er sich gemäß der bekannten Maxime weigert, Entitäten ohne Notwendigkeit zu hypostasieren oder zu vermehren (siehe Ockhams Rasiermesser).[27]
Der thomistische Realismus vertritt eine Position, die den vorherigen widerspricht: Abstrakte Entitäten existieren und strukturieren die Dinge von innen heraus, sie sind eher Gegenstand der Erkenntnis als rein singuläre Dinge („Wissenschaft besteht aus einem Urteil über Universalien und notwendige Wesen“, bekräftigt Aristoteles)[28] Obwohl die Realität an sich erkennbar ist, wird sie nicht notwendigerweise durch unsere Subjektivität konstruiert oder verzerrt.
Der thomistische Realismus wurde später von den Neo-Thomisten aktualisiert und konsequent weiterentwickelt, insbesondere von Étienne Gilson in seinen beiden Werken Thomistischer Realismus und Wissenskritik und methodischer Realismus. Eine weitere Aktualisierung des Thomismus entstand in der analytischen Philosophie mit dem „analytischen Thomismus“, dessen Hauptvertreter Anthony Kenny, Peter Geach und Elizabeth Anscombe sind.[29]
Neuzeit: Wissenschaftlicher Realismus
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Der von Descartes entwickelte und verteidigte Mechanismus ist ein wissenschaftlicher Realismus, der sich dem „naiven Realismus“ entgegenstellt. Wie Galileo ist Descartes der Ansicht, dass die Natur allein durch Materie und Bewegung erklärt werden kann. Descartes ist ein Realist in seiner Physik und ein Antirealist in Bezug auf die sensorischen Eigenschaften von Objekten: Die Sinne verraten uns etwas über die Existenz von Dingen, aber keineswegs über ihre Natur. Sinnesqualitäten wie Farben, Geräusche, Gerüche usw. existieren nicht auf der Welt; sie existieren nur in den Köpfen der Menschen, sofern sie von ihren Sinnen beeinflusst werden.
Der kartesische Mechanismus ist eine wissenschaftliche Form des Realismus, da Materie („Ausdehnung“) und Bewegung von der Wissenschaft postuliert werden. Dieser wissenschaftliche Realismus ist sowohl metaphysisch – bewegte Materie stellt eine von unserem Geist unabhängige Realität dar – als auch erkenntnistheoretischer Natur: Wir können diese Realität durch Verständnis oder Vernunft erkennen.[30]
In seinem Essay concerning Human Understanding (Buch II) vertritt John Locke eine gegensätzliche Position in Bezug auf die Realität der Sinnesqualitäten. Locke unterscheidet zwischen „primären Qualitäten“ und „sekundären Qualitäten“. Primäre Qualitäten werden von den verschiedenen Sinnen wahrgenommen, im Gegensatz zu sekundären Qualitäten, die von einer einzigen Art der Sinneswahrnehmung abhängen. Die mit den primären Eigenschaften „Figur“, „Größe“ und „Bewegung“ verbundenen Ideen ähneln den Objekten, die sie im Geist hervorrufen, im Gegensatz zu den sekundären Eigenschaften, die in der Natur kein Äquivalent haben.[31]
Der wissenschaftliche Realismus wurde im 17. Jahrhundert auch von vielen anderen Philosophen verteidigt, darunter Francis Bacon, Thomas Hobbes und Pierre Gassendi.[32]
Zeitgenössische Periode
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts entstand mit der Entwicklung des Positivismus (Comte, Mach, Duhem), dann des Neopositivismus und des Empirismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Form des Antirealismus (Wiener Kreis, A. J. Ayer, Ryle). Allen diesen Positionen gemeinsam ist die Ablehnung der Metaphysik und des damit verbundenen Realismus.
Laut Rudolf Carnap, einem der führenden Mitglieder des Wiener Kreises, ist der Realismus die metaphysische These, die die Realität der Außenwelt bekräftigt, während der Idealismus diejenige ist, die sie leugnet. Für Carnap haben diese beiden widersprüchlichen Positionen keine Bedeutung, weil sie „auf der anderen Seite der Erfahrung“ stehen. Beide verlieren sich in Metaphysik.[33]
Ab den 1950er Jahren, mit der Wiederbelebung der Metaphysik, dominierte der Realismus dann unter Philosophen der analytischen Tradition, diesmal in Verbindung mit den modernen Naturwissenschaften (insbesondere der Physik).[5]
Karl Popper und der kritische Realismus
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Für Karl Popper ist die Wahrheit einer wissenschaftlichen Aussage nur dann möglich, wenn diese Aussage einen Sinn hat.[34] Der Sinn einer wissenschaftlichen Aussage beruht jedoch auf der Möglichkeit ihrer Widerlegung. Die zentrale These des Realismus ist für Popper wie für Carnap „die These von der Realität der Außenwelt“. Aber im Gegensatz zu Carnap vertritt Popper die Auffassung, dass der Realismus eine Position ist, die Sinn macht, für die argumentiert werden kann und die verteidigt werden muss.[35]
In „Logik der Forschung“ (1934) argumentiert Popper, dass das Merkmal einer wissenschaftlichen Theorie ihr widerlegbarer Charakter sei, und widerspricht in diesem Punkt dem vom logischen Positivismus vorgeschlagenen Kriterium, wonach wissenschaftliche Aussagen empirisch überprüfbar sein müssen.[35] Darüber hinaus verwandelt es den traditionellen Gegensatz zwischen der „Innenwelt“ und der „Außenwelt“ im Realismus in einen Gegensatz zwischen einer wissenschaftlichen Theorie und einer über die Theorie hinausgehenden Realität. Obwohl dieses Problem zum Bereich der Naturwissenschaften gehört, bleibt der Realismus für Popper eine metaphysische Lehre, da er weder beweisbar ist, wie die Logik oder Mathematik, noch widerlegbar, wie es die empirischen Wissenschaften sind. Aber dieser metaphysische Charakter des Realismus diskreditiert ihn nicht, sondern ermöglicht ihm vielmehr, die Rolle der Grundlage wissenschaftlicher Methodologie zu erfüllen. Hierbei spielt der Realismus eine dreifache Rolle:[35]
- Er begründet die Möglichkeit einer Theorie, falsch zu sein (widerlegt zu werden), indem er die Möglichkeit der Widerlegung rechtfertigt. Man spricht dabei von kritischem Realismus.
- Er gewährleistet die Möglichkeit einer Erweiterung des wissenschaftlichen Wissens, indem er argumentiert, dass die Welt eher so ist, wie moderne Theorien sie beschreiben, als wie veraltete Theorien.
- Er spielt eine regulierende Rolle, indem er der Wissenschaft ein Ziel vorgibt: die Erweiterung des Wissens über die Welt (sofern dies möglich ist).
In „Objective Knowledge“ verteidigt Popper dann eine Korrespondenztheorie der Wahrheit.[36]
Kripke, Putnam und Externalismus
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Saul Kripke[37] und Hilary Putnam[38] haben in den 1970er Jahren versucht, den Realismus im Bereich der Sprache und Semantik zu rechtfertigen. Basierend auf Gottlob Freges Unterscheidung zwischen Sinn und Bedeutung eines Wortes entwickeln Kripke und Putnam eine kausale Theorie der Begriffsreferenz, um zu erklären, wie sich der Sinn eines Begriffs ändern kann, während er in der Realität immer noch dasselbe bezeichnet. Nach dieser Theorie wird der Bezug eines sprachlichen Ausdrucks (was er in der Welt bezeichnet) durch einen Akt der „Ersttaufe“ (eng. initial baptism) festgelegt. Dieser Akt bezeichnet willkürlich ein reales physikalisches Objekt, das mit beobachtbaren Effekten verbunden ist (z. B. Elektronen, die elektrisches Licht erzeugen), aber der Sinn dieses Ausdrucks kann sich weiterentwickeln oder sich sogar vollständig ändern. Was die „Realität“ eines Ausdrucks oder Begriffs begründet, ist die Existenz einer kontinuierlichen Kausalkette, die mit der Ersttaufe verbunden ist. Die Sprache unterhält somit eine stabile Beziehung zur äußeren Umgebung, die die Existenz der in wahren Aussagen beschriebenen Dinge und Ereignisse gewährleistet.
Diese Auffassung von der Bezugnahme von Ausdrücken ermöglicht es, naiven Realismus und wissenschaftlichen Realismus in Einklang zu bringen. Die Kontinuität des Bezugs zwischen Alltagssprache und Wissenschaft wird durch den Kausalzusammenhang gewährleistet, der sie über eine bestimmte Beziehung zu ihrer materiellen Umwelt und zum Akt der Taufe verbindet.[39]
Realismus und Antirealismus
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In den 1980er Jahren kam es in der angelsächsischen Welt zu einem erneuten Aufleben einer großen Debatte über den wissenschaftlichen Realismus, der von realismuskritischen Wissenschaftstheoretikern initiiert wurde. Dabei wurden eine Reihe realistischer Postulate angegriffen, die nach Ansicht der Kritiker implizit oder explizit von den bisherigen realistischen Philosophen geteilt wurden.
Für Larry Laudan (Schüler Paul Feyerabends) begründen Realisten den Erfolg wissenschaftlicher Theorien mit der Fähigkeit, sich realen Referenten anzunähern, was im Widerspruch zu der großen Zahl früherer wissenschaftlicher Theorien steht, die eine große Zahl konkreter Ergebnisse hervorgebracht haben, obwohl sie auf Entitäten basierten wie Phlogiston oder Äther, deren Nichtexistenz inzwischen nachgewiesen wurde.[40] In seiner Rehabilitierung des Antirealismus bestreitet Bas van Fraassen die Möglichkeit, unbeobachtbare Entitäten zu erkennen, die von Realisten verteidigt werden, und teilt gleichzeitig mit ihnen die Idee, dass wissenschaftliche Theorien wörtliche Beschreibungen ihrer Objekte sein müssen (Kriterium der „empirischen Angemessenheit“).[41] Hilary Putnam kehrt zu seinen früheren realistischen Positionen zurück und kritisiert die im Realismus implizite Wahrheitskorrespondenztheorie insoweit, als sie seiner Meinung nach zu unüberwindbaren psychologischen Problemen führt.[42] Putnam argumentierte auch, dass der metaphysische Realismus die Annahme eines „göttlichen Standpunkts“ erfordert, der notwendigerweise illusorisch ist, weil es illusorisch ist zu glauben, dass wir Zugang zu einer Welt haben, die völlig unabhängig von bestimmten Bedingungen (sozial, psychologisch oder kulturell) ihrer Darstellung ist.[43]
Diese Angriffe führten dazu, dass eine Reihe von Wissenschaftsphilosophen überarbeitete Formen des Realismus vorschlugen, die gegen die antirealistische Kritik immun wären. Ian Hacking[44] und Nancy Cartwright[45] verteidigen daher eine Form des „Entitätsrealismus“, wonach Wissenschaftler an die Realität der Entitäten glauben müssen, die sie experimentell postulieren und manipulieren, ohne unbedingt an die Realität der Theorien selbst glauben zu müssen. John Worrall bekräftigt die Realität mathematischer Entitäten, die in wissenschaftlichen Theorien enthalten sind, in einer Position, die er „strukturellen Realismus“ nennt.[46] Andere Autoren wie Paul Churchland und Michael Devitt weisen die antirealistische Kritik als unbegründet zurück.[47] Letzterer bekräftigt, getreu dem Realismus der australischen Schule, die „Unwiderstehlichkeit“ der realistischen Doktrin, was bedeutet, dass es kein Argument gibt, das uns zwingen könnte, sie aufzugeben.[48]
Ab Ende der 1990er Jahre kehrten mehrere Autoren wie Stathis Psillos[49], Jarrett Leplin[50], Anjan Chakravartty[51] oder Claudine Tiercelin[52] zu radikaleren Formen des wissenschaftlichen Realismus zurück, die sowohl die metaphysische Realität der von den Wissenschaften untersuchten Entitäten als auch unsere Fähigkeit bejahen, eine wahre, wenn auch ungefähre Kenntnis von ihnen zu haben.
Formen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Vielzahl realistischer Positionen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]| Realismus ist die These, dass es eine denkunabhängige Wirklichkeit gibt. | ||||||
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| Übersicht über den möglichen Objektbereich und die Art der Existenz im philosophischen Realismus | ||||||
Die Diskussion über den Realismus ist oftmals belastet durch die Vielschichtigkeit der Gegenstände und des daraus resultierenden Umfangs der Gegenstände, denen Realität zugesprochen wird. Dabei werden beobachtbare materielle Gegenstände (Tische, Vögel, Wolken) und nicht beobachtbare materielle Gegenstände (Elektronen und die Elemente des Atomkerns), Kräfte wie die Gravitation oder die magnetische Anziehung, Qualitäten wie die Krümmung der Raumzeit, abstrakte Gegenstände (Melodien, Vereine) oder mathematische Gegenstände (Zahlen, Klassen, Mannigfaltigkeiten) unterschieden und unterschiedlich in Hinblick auf ihren Realitätsgehalt bewertet. Hinzu kommen Universalien wie Allgemeinbegriffe (Röte), natürliche Arten (Katze, Wald, Diamant), Naturgesetze, Sachverhalte oder mentale Zustände (Gedanken, Vorstellungen, Gefühle). Schließlich besteht die Frage der Existenz und Unabhängigkeit ethischer Werte und ästhetischer Normen. Eine realistische Position ist unter anderem dadurch bestimmt, welche dieser Entitäten von ihren Vertretern in den Objektbereich mit einbezogen werden.
Philosophische Positionen können verschiedene realistische Sichtweisen kombinieren. So wird in manchen Fällen ein ontologischer Realismus vertreten, aber ein erkenntnistheoretischer Realismus abgelehnt. Manche Philosophen wie John Searle oder Michael Devitt beschränken den Realismus überhaupt auf den Bereich der Ontologie. Häufig zu finden ist die Position eines ontologischen und differenzierten erkenntnistheoretischen Realismus, der aber einen Realismus bezüglich ethischer Werte oder ästhetischer Phänomene ablehnt. Etwa seit den 1970er Jahren gibt es eine umfangreiche philosophische Debatte über die mögliche Begründung einer realistischen Position. Dabei sind sehr unterschiedliche Begründungen entstanden, die zum Teil wechselseitig kritisiert wurden. Die Ablehnung des Realismus wird in dieser Debatte als Antirealismus bezeichnet. Auch die Antirealisten begründen ihre Einschätzung aus sehr unterschiedlichen Argumenten und manche von ihnen erkennen zumindest einen schwachen Realismus an.
Ontologischer Realismus
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Existenz von Gegenständen außerhalb des menschlichen Bewusstseins ist weitgehend unbestritten. Ontologischer Realismus bedeutet, dass es diese Gegenstände und Sachverhalte auch ohne den Menschen geben würde. Der Mensch hat keinen Einfluss auf das Dasein und die Struktur der Realität. Ohne eine solche Auffassung wäre eine Untersuchung des Wesens alles Seienden (Ontologie) zum Beispiel sinnlos. Eine mögliche, aber selten vertretene Gegenposition hierzu wäre ein reiner Solipsismus, für den die Wirklichkeit eine reine Vorstellung des Bewusstseins ist, also ein objektiver Nachweis einer Außenwelt nicht möglich erscheint.
Eine grundsätzliche Kontroverse gibt es allerdings in Hinblick auf die Frage, ob Allgemeinbegriffe, sogenannte Universalien, eine reale Existenz haben. Diese Problematik reicht zurück auf Platon und Aristoteles und fand in der Diskussion um das Universalienproblem im Mittelalter einen Höhepunkt. Das Thema lässt sich weiterverfolgen bis in die Philosophie der Gegenwart, in der insbesondere offen ist, ob man mathematischen Entitäten wie Zahl, Relation oder Klasse eine ontologische Existenz (Platonismus) beimessen kann oder ob es sich um rein verstandesmäßige Begriffsbildungen handelt. Zum anderen wird in der Sprachphilosophie gefragt, ob Eigenschaften („Röte“) und Klassen („Lebewesen“) ontologisch eigenständig sind. Unter dem Sammelbegriff „Modaler Realismus“ wird das Konzept möglicher Welten diskutiert. Der Universalien-Realismus wird auch als Essentialismus bezeichnet, seine Gegenposition als Nominalismus. Danach sind alle Allgemeinbegriffe gedankliche Abstraktionen, die als Bezeichnungen von Menschen gebildet werden. Existenz kommt im Nominalismus nur Einzeldingen zu. Die verbreitetste Auffassung zu den Universalien ist der so genannte Konzeptualismus, nach dem Allgemeinbegriffe im Verstand gebildet werden, aber eine unmittelbare Beziehung zu den Dingen selbst haben.
In Hinblick auf den ontologischen Realismus wird diskutiert, ob man Dinge als Substanzen auffassen soll oder als reine Qualitäten. Im letzteren Fall wäre ein Ding eine Kombination von Qualitäten (Bündeltheorie). Dem liegt beispielsweise die Auffassung zugrunde, dass man alles Existierende auf Formen von Energie zurückführen kann. Tatsachen sind schon in der Welt vorhanden. Sie können raum-zeitlich und qualitativ bestimmt werden. Qualitäten sind an individuelle Fälle gebunden. Relationen sind Verbindungen von Qualitäten in Bezug auf einzelne Tatsachen. Kontrovers ist weiterhin die Frage, ob es nur eine Wirklichkeit gibt; siehe dazu auch Parallelwelt. Es gibt Auffassungen, nach denen die jeweilige Wirklichkeit, ihr Sein und nicht nur ihre Erkennbarkeit, von der Perspektive des Betrachters abhängt. Eine solche Sicht bezeichnet man als ontologischen Relativismus.
Erkenntnistheoretischer Realismus
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der erkenntnistheoretische Realismus setzt den ontologischen voraus. Einige der existierenden Gegenstände und Sachverhalte sind in irgendeiner Weise für den erkenntnistheoretischen Realisten erkennbar. Über den Umfang und den Grad der Erkennbarkeit der Welt gibt es eine sehr große Bandbreite an Meinungen. Eine grundlegende Unterscheidung ist dabei zunächst die Frage, ob die erkennbaren Gegenstände von der Art und Weise, wie der Mensch erkennt, unabhängig sind oder ob die Erscheinungen der Dinge im Bewusstsein immer von dem Erkenntnisvermögen des Menschen abhängen. Die Diskussion über den Realismus wird zumeist auf der erkenntnistheoretischen Ebene geführt, da Aussagen über existierende Gegenstände ihrerseits voraussetzen, dass sie auch erkennbar sind.
Die klassische Gegenposition zum erkenntnistheoretischen Realismus ist der erkenntnistheoretische Idealismus. In dieser Denkhaltung wird angenommen, dass die Welt, wie sie dem Menschen erscheint, vorrangig und ursprünglich durch das menschliche Denken bestimmt ist. Der Idealismus bestreitet ein Sein der Dinge ohne Tätigkeit des menschlichen Verstandes. Das Denken der Dinge außer uns ist ein „bloßer Glaubensartikel“.[53] Erst der Verstand erzeugt aus Sinnesdaten wie Geräuschen oder Lichtwellen die Gegenstände unserer Erkenntnis. Moderne Varianten des Idealismus finden sich in verschiedenen Ansätzen des Konstruktivismus. Auch der erkenntnistheoretische Idealismus legt normalerweise einen ontologischen Realismus zugrunde. „Wie die Naturwissenschaft den Idealismus aus dem Realismus hervorbringt, indem sie die Naturgesetze zu Gesetzen der Intelligenz vergeistigt, oder zum Materiellen das Formelle hinzufügt, so die Transzendental-Philosophie den Realismus aus dem Idealismus, dadurch, dass sie die Gesetze der Intelligenz zu Naturgesetzen materialisiert, oder zum Formellen das Materielle hinzubringt.“ (Schelling[54])
Eine weitere antirealistische Position ist der Fiktionalismus, dessen Vertreter zwar eine Erkennbarkeit der Wirklichkeit ablehnen, es aber aus pragmatischen Gründen für sinnvoll halten, von der Fiktion einer Realität auszugehen.
Schwacher Realismus
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die klassische Debatte zum Realismus wird bei Immanuel Kant wie folgt beschrieben:
- „Unter einem Idealisten muß man also nicht denjenigen verstehen, der das Dasein äußerer Gegenstände der Sinne leugnet, sondern der nur nicht einräumt: daß es durch unmittelbare Wahrnehmung erkannt werde, daraus aber schließt, daß wir ihrer Wirklichkeit durch alle mögliche Erfahrung niemals völlig gewiß werden können. […] Diesem [transzendentalen] Idealism ist ein transzendentaler Realism entgegengesetzt, der Zeit und Raum als etwas an sich (unabhängig von unserer Sinnlichkeit) Gegebenes ansieht. Der transzendentale Realist stellet sich also äußere Erscheinungen (wenn man ihre Wirklichkeit einräumt) als Dinge an sich selbst vor, die unabhängig von uns und unserer Sinnlichkeit existieren [...].“ (KrV A 369)
Von dem transzendentalen Realismus unterschied Kant den empirischen Realismus.
- „Alle äußere Wahrnehmung also beweist unmittelbar etwas Wirkliches im Raume, oder ist vielmehr das Wirkliche selbst, und insofern ist also der empirische Realismus außer Zweifel, d. i. es korrespondiert unseren äußeren Anschauungen etwas Wirkliches im Raume. Freilich ist der Raum selbst, mit allen seinen Erscheinungen, als Vorstellungen, nur in mir, aber in diesem Raume ist doch gleichwohl das Reale, oder der Stoff aller Gegenstände äußerer Anschauung, wirklich und unabhängig von aller Erdichtung gegeben, und es ist auch unmöglich: daß in diesem Raume irgend etwas außer uns (im transzendentalen Sinne) gegeben werden sollte, weil der Raum selbst außer unserer Sinnlichkeit nichts ist. […] Das Reale äußerer Erscheinungen ist also wirklich nur in der Wahrnehmung und kann auf keine andere Weise wirklich sein.“ (KrV A 375–376)
Die erkenntnistheoretische Position Kants selbst ist die eines transzendentalen Idealismus verbunden mit einem empirischen Realismus. Dies bedeutet, dass es für Kant keine Erkenntnis ohne empirische Wahrnehmung gab, dass die Erkenntnisse aber aufgrund der Vermögen des Verstandes durch die reinen, a priori vorhandenen Verstandesbegriffe (Raum, Zeit, Kategorien) geformt werden. Wenn man die allgemeine menschliche Subjektivität und damit Raum und Zeit als die dazugehörigen Anschauungsformen wegdenkt, bleibt jedoch ein unerkennbarer Rest übrig, den Kant als Ding an sich bezeichnet. Damit gibt es dennoch Dinge, die nicht in der Phänomenalität, d. h. dem Sich-Zeigen, aufgehen. Kants Position wird daher als sehr schwacher Realismus bezeichnet. Eine ähnliche Position vertrat in neuerer Zeit Thomas S. Kuhn.[55] Michael Devitt bezeichnete diese Position als „Feigenblatt-Realismus“, der eigentlich ein Antirealismus sei.[56] John R. Searle kritisierte, dass die Position solange nicht zu widerlegen sei, solange nichts Konkretes über die reale Welt ausgesagt wird.[57]
Carl Friedrich Gethmann verweist darauf, dass die Frage des Realismus für Kant inhaltlich nicht klärbar ist.[58] Kants Lehrsatz lautet: „Das bloße, aber empirisch bestimmte, Bewusstsein meines eigenen Daseins beweist das Dasein der Gegenstände im Raum außer mir“. (KrV B 274) Das Selbstbewusstsein ist zwar Bedingung der Realität, aber das Bewusstsein ist empirisch begründet. Und deshalb kann es keine Aussage über die eigene Grundlage machen. Die Realität als das „Explanandum“ (das zu Erklärende) kann nicht durch das auf der Realität beruhende Bewusstsein erklärt werden. Eine Theorie der Realität kann keine Gründe für das Reale liefern, sondern nur die Grenzen des Begriffs aufzeigen. Wenn man das Bewusstsein aus dem Bewusstsein erklären will, wie Fichte, ergibt sich ein Zirkel. „Der Satz „x ist unerkennbar“ bzw. „über x ist nichts aussagbar“ enthält einen Widerspruch, da er besagt, dass für x kein Prädikator bekannt ist und dennoch „unerkennbar“ prädiziert.“[58]
Naiver Realismus
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ein naiver Realismus ist im Vergleich zu Kant das andere Extrem der realistischen Auffassungen. Vertreter dieser Position gehen davon aus, dass die Welt so ist, wie sie der Mensch wahrnimmt. Dabei wird selbstverständlich berücksichtigt, dass es Sinnestäuschungen gibt und dass die wahrgenommenen Sinnesdaten erst durch kognitive Prozesse im Gehirn umgewandelt werden. Naive Realisten sehen jedoch ein unmittelbares Abbildungsverhältnis zwischen der Welt und den Vorstellungen im Bewusstsein. Insgesamt nimmt der Mensch daher die Welt so wahr, wie sie im Wesentlichen ist. Da diese Auffassung dem Alltagsverständnis entspricht, spricht man auch von Common-Sense-Realismus; siehe auch Common-Sense-Philosophie. In der neueren Philosophie wird George Edward Moore als prominenter Vertreter genannt. Der wesentliche Einwand Moores gegen den Idealismus lautet, dass dieser die Wahrnehmung mit dem Gegenstand selbst verwechselt. Vor allem verwickelt man sich im Idealismus in Widersprüche, wenn man kognitiv evidente Tatsachen bestreitet.
- „Ich kann jetzt z. B. beweisen, dass zwei menschliche Hände existieren. Wie? Indem ich beide Hände hochhebe, mit der rechten Hand eine bestimmte Geste mache und sage: ‚Hier ist eine Hand‘, und dann hinzufüge, wobei ich mit der linken Hand eine bestimmte Geste mache, ‚Hier ist noch eine‘. Und wenn ich, indem ich dies tue, ipso facto die Existenz von Außenbedingungen bewiesen habe, werden Sie alle einsehen, dass ich es auch für eine Vielzahl von anderen Weisen tun kann; es ist überflüssig, noch weitere Beispiele anzuhäufen.“[59]
Der Position Moore entsprach der „New Realism“, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts seine Hauptvertreter in den Vereinigten Staaten mit William Pepperell Montague und Ralph Barton Perry hatte. Ein direkter, an ein Abbildungsverhältnis gebundener Realismus findet sich auch in der Widerspiegelungstheorie des dialektischen Materialismus.
Repräsentationaler Realismus
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Als Vorläufer dieser Position kann man René Descartes oder