Zum Inhalt springen

Altpapier

aus Wikipedia, der freien EnzyklopÀdie
Altpapierballen in Italien

Altpapier ist Papierabfall, der in Haushalten oder Gewerbebetrieben gesammelt wird. Es wird zur Herstellung von Recyclingpapier, Zeitungsdruckpapier und weiteren Produkten aus Papier wie beispielsweise Kartons verwendet.

Altpapier wird in Altpapiersammelcontainern oder in Altpapiertonnen gesammelt, von der Gemeinde beziehungsweise von einem von der Gemeinde beauftragten Betrieb oder von privaten Altpapierentsorgungsunternehmen bei privaten Haushalten oder Gewerbebetrieben (sogenannte private oder gewerbliche Anfallstellen) gesammelt und an weiterverarbeitende Firmen geliefert. Es sollte möglichst frei von Spuckstoffen sein. In einigen Gemeinden wird das Altpapier auch von Vereinen, Schulen oder Kirchen gesammelt und dann an Recycling-Firmen weiterverkauft.

Altpapiercontainer im westfÀlischen Warendorf
Ein Stapel Altpapier
SammelbehĂ€lter fĂŒr Privathaushalte in Bayern

Folgende Sammelsysteme haben sich bewÀhrt:

  • im gewerblichen Bereich: Ballenpresse, Depotcontainer, Presscontainer, UmleerbehĂ€lter, Gitterboxen.
  • im Haushaltsbereich (unterschieden wird nach Hol- und Bringsystemen): Depotcontainer, BĂŒndelsammlung, PressmĂŒllwagen, Sacksystem, Monotonne, Recyclinghöfe.

Aufgrund der hohen Nachfrage fĂŒr Altpapier (eine Tonne der Massensorte „Gemischtes Altpapier“ ist etwa 55 Euro wert[1]) drĂ€ngten bis Mitte 2008 immer mehr private Entsorgungsfirmen auf den Altpapiermarkt und boten Haushalten kostenlose „Blaue Tonnen“ an, denn mit dieser konnten nach Aussage des Bundesverbandes SekundĂ€rrohstoffe und Entsorgung (bvse) 20 bis 30 Prozent mehr Altpapier gesammelt werden als mit der BĂŒndel- oder der Containersammlung.[2]

Von kommunaler Seite wurde vielfach bezweifelt, dass die Aufstellung der Tonnen rechtlich zulĂ€ssig ist. Daher hatten eine Vielzahl von Gemeinden und Landkreisen VerbotsverfĂŒgungen erlassen, die aber von den zustĂ€ndigen Gerichten oftmals als rechtswidrig zurĂŒckgewiesen wurden, sodass angenommen werden konnte, dass die Altpapiersammlung gewerblicher Unternehmen bei privaten Haushalten rechtlich zulĂ€ssig war.[3] Im Juni 2009 entschied das Bundesverwaltungsgericht jedoch, dass eine „grundsĂ€tzliche ZustĂ€ndigkeit der öffentlich-rechtlichen EntsorgungstrĂ€ger“ fĂŒr Altpapier besteht und dass die BĂŒrger nicht private Konkurrenten mit der Sammlung ihres Altpapiers beauftragen dĂŒrften.[4] Nachdem das Bundesverwaltungsgericht entschieden hatte, bestĂ€tigte das Verwaltungsgericht Hannover im Januar 2010, dass Kommunen das Einsammeln (bspw. auch private Altpapiersammlungen) untersagen können.[5]

Im Zuge des verschĂ€rften Ausbruchs der Finanzkrise im Herbst 2008 Ă€nderte sich die Situation schlagartig. Der Durchschnittspreis fĂŒr so genannte gemischte Ballen fiel laut dem Branchendienst Euwid von einst rund 100 Euro auf nur noch 5 bis 15 Euro je Tonne. Einige HĂ€ndler setzten den Abgabepreis sogar auf null.[6]

Infolge steigender Nachfrage einerseits und Stilllegung von KapazitĂ€ten andererseits stieg der Preis fĂŒr eine Tonne gemischtes Altpapier im MĂ€rz 2010 schließlich wieder deutlich auf 85 Euro, einhergehend mit spĂŒrbar erhöhten Lieferzeiten fĂŒr Karton.[7]

Mit einer Recyclingquote von 72 % wurde 2012 in Europa so viel Altpapier getrennt, gesammelt und fĂŒr die Papierproduktion zur VerfĂŒgung gestellt wie nirgendwo sonst auf der Welt.[8]

Sortenreines Altpapier als Makulatur vom Randbeschnitt einer Broschur

Die Sortierung von Altpapier ist eine wichtige Voraussetzung, um der Papierindustrie die Altpapier-QualitĂ€ten zur VerfĂŒgung zu stellen, die benötigt werden. Dabei geht es einerseits darum, die papierfremden Stoffe aus dem Sammelgut zu entfernen, und andererseits darum, definierte Altpapiersorten zusammenzustellen, die von der Papierindustrie nachgefragt werden. Die Sortierung erfolgt manuell oder teilautomatisiert und stellt letztlich die QualitĂ€tssicherung vor Abgabe des gebrauchten Papiers an die Papierfabrik dar.

Die Herstellung der verschiedenen AltpapierqualitĂ€ten richtet sich nach der durch die Papierindustrie und die Anbieter von Altpapier erstellten „Liste der EuropĂ€ischen Standardsorten und ihre QualitĂ€ten“. Diese Liste beschreibt in der EuropĂ€ischen Norm EN 643:2014-05 95 Altpapiersorten in ihrer Zusammensetzung und QualitĂ€t. Die Anzahl der standardisierten Sorten nimmt stĂ€ndig zu, da Papierfabriken Techniken entwickeln, vormals nicht nutzbare QualitĂ€ten doch zu verarbeiten.

Die EN 643 gruppiert die AltpapierqualitÀt in folgende Gruppen ein:

  • Gruppe 1: untere Sorte (z. B. einfaches gemischtes Altpapier, Graukarton, Wellpappe, Illustrierte, Zeitungen, Deinkingware)
  • Gruppe 2: mittlere Sorte (z. B. unverkaufte Zeitungen, weiße SpĂ€ne mit leichtem Andruck, einfaches BĂŒropapier, einfache sortierte bunte Akten, weiße BĂŒcher holzfrei/holzhaltig)
  • Gruppe 3: bessere Sorten (z. B. gemischte hellbunte DruckspĂ€ne, BuchbinderspĂ€ne, weiße Akten holzfrei, weiße GeschĂ€ftsformulare, Multidruck, weißer Karton, gestrichenes holzhaltiges Papier)
  • Gruppe 4: krafthaltige Sorten (z. B. unbenutzte Pappe, Kraftwellpappe)
  • Gruppe 5: Sondersorten (z. B. GetrĂ€nkekartonverpackungen, Nassetiketten, Trockenetiketten, TrĂ€gerpapier fĂŒr selbstklebende Etiketten, BriefhĂŒllen gemischt)

Das erste Verfahren zur Wiederverwertung von Altpapier wurde 1774 vom Göttinger UniversitĂ€tsprofessor Justus Claproth erfunden, bei dem aus dem bedruckten Papier die Druckfarbe völlig herausgewaschen und daraus neues Papier hergestellt wurde. Dieses Verfahren wurde dann erstmals von dem PapiermĂŒller Schmidt in Klein Lengden angewendet. Der sog. De-Inking-Prozess, der auf dem Prinzip der Flotation beruht, ist heute das Standardverfahren in der Wiederverwertung von Druckerzeugnissen. In der PapiermĂŒhle in Laufen an der Eyach wird das Papier von Lumpensammlern eingesammelt. Diesem Unternehmen war 1810 ein privilegierter Lumpensammelbezirk zugewiesen worden.[9] Die Altpapiersammler waren nebenbei als Hausierer tĂ€tig.[10]

  • JĂŒrgen Blechschmidt: Altpapier. Regularien – Erfassung – Aufbereitung – Maschinen und Anlagen – Umweltschutz, Hanser, MĂŒnchen 2011, ISBN 978-3-446-42616-0.
Wiktionary: Altpapier – BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Commons: Papierrecycling – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. ↑ Stand: 08/2008, Quelle: EUWID Recycling und Entsorgung
  2. ↑ Blaue Papiertonne (Memento vom 9. Januar 2016 im Internet Archive).
  3. ↑ Bericht in Recycling Magazin. 2. April 2008, abgerufen am 22. Januar 2019.
  4. ↑ Kommunen siegen im Altpapierkrieg vor Bundesgericht. In: Welt Online. 19. Juni 2009, abgerufen am 20. Juni 2009.
  5. ↑ Beschluss des Verwaltungsgerichts Hannover vom 17. Februar 2010, Az. 12 B 5464/09.
  6. ↑ Carsten Dierig und David Schraven: HĂ€ndler bleiben auf ihrem Schrott sitzen. In: Welt Online. 13. November 2008, abgerufen am 19. November 2009.
  7. ↑ ftd.de: Altpapier-Engpass: Karton wird knapp und teuer (Memento vom 15. April 2010 im Internet Archive) vom 13. April 2010.
  8. ↑ EUWID Nr. 49.2013 vom 3. Dezember 2013, S. 29.
  9. ↑ Siegfried Kullen: Der Zollernalbkreis. In: Erhard Lazi (Hrsg.): Heimat und Arbeit. Konrad Theiss, 1979, ISBN 3-8062-0205-2, S. 133.
  10. ↑ Casimir Buhmiller: Hohenzollerische Heimat. VierteljahresblĂ€tter fĂŒr Schule und Haus. Hrsg.: Hohenzollerischer Geschichtsverein. 1954, S. 24.